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Freier Blick auf Buch und Uhr: Thomas Bernhard bei einer Lesung 1968 in St. Veit/Glan. dpa

Thomas Bernhard Sammelband

„Ich bin kein Skandalautor“

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Ein Sammelband präsentiert Thomas Bernhard als Redner, Leserbriefschreiber und seltsamen Unterhaltungskünstler. Die Rimbaud-Rede des jungen Journalisten eröffnet die erschienene Bernhard-Textsammlung „Der Wahrheit auf der Spur“.

Thomas Bernhard lässt sich nicht bitten. Auf der ersten Seite – es geht an sich um den 1954 vor 100 Jahren verstorbenen Dichter Rimbaud – dauert es neun Zeilen, bis die erste Tirade anhebt. „Und ist es nicht so (bei uns!)“, heißt es schließlich, „dass nicht der Dichter geehrt wird, sondern der Herr vom Kulturamt, der die Begrüßung vornimmt, der Herr Gedichte-Verwalter, der Schauspieler, der Rezitator?“ Der folgende Lobpreis Rimbaudscher Dichtkunst enthält vergleichsweise viel Programm. „Er schrieb nicht auf Büttenpapier, sondern auf stinkende Käsepakete – aber gerade das war nur noch Poesie.“

So bekennt sich der 23-Jährige zum französischen Dichter, aber doch mindestens so sehr zu sich selbst und seinem Zorn gegen eine kulturorganisierende Szene, deren bescheidener Teil er doch bei diesem Vortrag im Salzburger Hotel Pitter am 9. November ’54, 19.30 Uhr, zweifellos war. Diese Ironie entging ihm erstens nicht. Zweitens bemühte er sich später , das Annehmen von Preisen und Auftrittsgelegenheiten mit den heiklen Anfängen als unbekannter Autor zu erklären. Die übergeordnete Ironie dagegen, dass es auch weiter ein Mitmischer war, der den Kulturbetrieb so ausführlich verachtete, läuft unausgesprochen mit. Dem entspricht in etwa das Ironiepotential des gewiss ernst gemeinten Satzes: „Ich bin kein Skandalautor.“

Die Rimbaud-Rede des jungen Journalisten, die erst kürzlich wieder auftauchte, eröffnet die soeben erschienene Bernhard-Textsammlung „Der Wahrheit auf der Spur“. Ein Leserbrief, am 12. Januar 1989, einen Monat vor seinem Tod, in der Salzkammergut-Zeitung veröffentlicht, beendet sie, ein Kabinettstück über die geplante Abschaffung der Straßenbahn von Gmunden („Mit der Erhaltung der Straßenbahn und ihrer Weiterführung bis zum Rathausplatz wäre Gmunden nicht nur seiner Zeit gemäß, sondern dazu auch noch weit voraus“). Denn das Thema dieses Bandes ist der „öffentliche“ Bernhard. Man begreift schon, was gemeint ist – 35 Jahre Reden, Leserbriefe, Interviews, Aufsätze und freche Telegramme, die ruhig weitergereicht werden durften / sollten –, muss aber doch sagen, dass ein Schriftsteller dem Leser naturgemäß just von der öffentlichen Seite bekannt sein wird.

Spontaneität, Kalkül und Gewohnheit sind von Anfang an nicht zu unterscheiden

Andererseits entfaltet die lose, einfach chronologische, aus teils entlegenen Ecken herausgesuchte Zusammenstellung ihren eigenen Reiz. Sie lässt den Leser daran teilnehmen, wie ein Schriftsteller sich über generell von ihm gesetzte Themen aufregt und zugleich als Aufgeregter stilisiert. Spontaneität, Kalkül und Gewohnheit sind von vornherein nicht zu unterscheiden. Und immer zeigt sich auch ein Unterhaltungskünstler, der sich anstrengt. Wer sich nicht darüber ärgert, wie Bernhard selten zu Unrecht alle beschimpfte, ist erschüttert über die und gerührt von der Verausgabung. Die Ballung unterstreicht den pathologischen Anteil. Der Leser eilt vorbei an den Staatspreis-, Augsburg-, Salzburger-Notlicht- oder „Holzfällen“-Affären. Alles ist kalkuliert, manches ist Literatur, anderes ernstlich unbeholfen.

Es ist zum Beispiel leicht zu begreifen, dass Bernhard tatsächlich ungern Interviews gab. Selbst da, wo Gesprächs-Spezialisten ans Werk gehen wie André Müller, scheinen die Ergebnisse hinter Bernhards Möglichkeiten zurückzubleiben. Interessant aber ist, wie er sich müht (selbst bei der Frage „Haben Sie einen guten Kontakt zu Gegenständen wie Früchten, Bäumen und Steinen?“), kooperativ ist, ausführlich antwortet. Persönliches meidet er nicht per se, hat aber nicht unbedingt Wesentliches dazu beizutragen – umwerfend allerdings die Passage über die Sehnsucht nach der toten Freundin Hedwig Stavianicek. Konventionell spricht er über Musik und Rhythmus in seinen Texten. Die erwartungsfrohen Journalisten spielen charakteristische Nebenrollen: die schwachen, die klugen Fragen, das Bemühen, es an Witz nicht fehlen zu lassen. Das Herzklopfen und das professionelle Interesse am krawalligen Element.

Der Ärger, den Bernhard grundsätzlich hervorrief, kommt in den Anmerkungen nur sporadisch (aber stets lohnend) vor. Dabei zeigen seine Hiebe ihre Wucht erst in der Wirkung und ist die Resonanz so pikant wie die Ursache. Man müsste Bernhard manchmal für einen armen Sonderling halten, hätten nicht alle nach seiner Pfeife getanzt. Die Herausgeber Wolfram Bayer, Raimund Fellinger und Martin Huber verweisen dafür auf den in Planung befindlichen Band 22 der Gesamtausgabe. „Der Wahrheit auf der Spur“ ist insofern ein Appetithappen.

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