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„Meine Mutter hat mir beigebracht, angesichts von Problemen zu sagen: Ja, das kann ich schaffen“, sagt Jacky Dreksler.

Jacky Dreksler

„Ich bin ein glücklicher Mensch“

„Für mich bestand die Erziehung im Wesentlichen daraus, dass meine Mutter mich auf das Leben im Ghetto und im KZ vorbereiten wollte“: Der Produzent, Liedtexter, Musiker Jacky Dreksler hat seine Autobiografie geschrieben. Ein Hausbesuch.

Von Petra Pluwatsch

Roibusch, Himbeere, Schwarzbeere, Apfel mit Zimt?“ Jacky Dreksler wühlt sich durch das Tee-Sortiment in der Küchenschublade. Kalter Regen pladdert gegen die Scheiben, drinnen ist es gemütlich warm. Tropfkerzen, wie man sie lange nicht mehr sah, stehen auf der Fensterbank. Dazwischen schlanke Flaschen mit leuchtend rotem Aufgesetzten, von dem man am liebsten ein Schlückchen probieren möchte. In den deckenhohen Bücherregalen im angrenzenden Wohnzimmer stehen Werke von Philosophen, Naturwissenschaftlern und Theologen. „Ich bin ein glücklicher Mensch“, sagt Jacky Dreksler, und hier, in seinem feuerrot gestrichenen Haus in Köln-Klettenberg, glaubt man ihm das auf Anhieb.

Womit wir gleich beim Thema wären. Beim Glück, das den Kölner Autor, Musiker und TV-Produzenten seit rund 40 Jahren durchs Leben trägt. Bei der Macht positiven Denkens. Und bei den emotionalen Turbulenzen, die einem wie Dreksler die Beschäftigung mit der eigenen Lebensgeschichte bescheren kann. Denn der 70-Jährige hat ein Buch, eine Autobiografie, geschrieben. Ein sehr dickes, ein sehr emotionales und – um das gleich zu sagen – ein sehr gutes Buch. Eines, das tief hineinführt in die nationalsozialistische Vergangenheit: Nach Lodz und in das Vernichtungslager Auschwitz.

„Ich wünsch dir ein glückliches Leben“, heißt es. Was wiederum eines der letzten Anliegen war, das Drekslers Mutter auf dem Totenbett dem damals Neunjährigen mitgab als Rat fürs Leben. „Den wenigstens habe ich beherzigt“, sagt Dreksler, während Himbeertee im Glas dampft.

Mit den anderen beiden Wünschen hingegen sei das so eine Sache. „Ich sollte ,ein guter Jud‘ werden. Das hat nicht hingehauen. Ich bin Atheist.“ Auch wenn er inzwischen wisse, „dass es nichts nützt, das zu sagen. Sie haben gar keine Wahl: In der Außensicht gehören Sie Ihr Leben lang zum jüdischen Volk“. Und auch der zweite Wunsch von Drekslers Mutter ging nicht in Erfüllung: „Werde Arzt oder Jurist.“

Stattdessen hat Dreksler Pädagogik, Philosophie und Soziologie studiert. Ist Lehrer an einem Kölner Gymnasium geworden. Und hat sich schließlich auf das glatte Parkett der Unterhaltungsbrache begeben. Er schrieb Liedtexte für den Sänger Charles Aznavour, produzierte TV-Sendungen wie etwa „Schreinemakers Live“, „RTL Samstag Nacht“ (mit Hugo Egon Balder) und „Die Hella von Sinnen Show“. Leid und Spaß seien gar keine so großen Gegensätze, das habe ihn das Leben gelehrt. Und was Leid ist, das hat Jacob Joseph Dreksler zur Genüge erfahren.

Dreksler ist im Gefängnis geboren. Und genau so, mit diesem Knallersatz, beginnt auch sein Buch. „Geboren bin ich im Gefängnis. In einem gelb-grauen Steinkasten in den südlichen ‚banlieues‘ von Paris, 1946, ein Jahr, nach dem Zweiten Weltkrieg. Meine Mutter war eine polnische Jüdin, mein Vater ein französischer Jude. Ihn habe ich nie kennengelernt. Ein Jahr lang war ich hinter Gittern, die nächsten drei in deutschen und französischen Kinderheimen.“

Fanny „Fela“ Dreksler hat das Ghetto in Lodz, die Konzentrationslager Auschwitz und Ravensbrück und einen Todesmarsch überlebt. Doch nach dem Krieg wird sie in Paris das Opfer einer fatalen Verwechslung: Eine ehemalige Auschwitz-Gefangene glaubt, in ihr eine sadistische Blockälteste namens Ela Drexler wiedererkannt zu haben. Fela, in den ersten Wochen schwanger von einem jungen Franzosen, wird festgenommen und 1947 in Deutschland wegen Kriegsverbrechen zu zehn Jahren Gefängnis mit Zwangsarbeit verurteilt. Jankele, wie sie den 15 Monate alten Sohn nennt, kommt in ein Kinderheim bei Reutlingen. Zwei Jahre später, im September 1949, wird Fela begnadigt. Sie ist inzwischen sterbenskrank. Mutter und Sohn kommen in Köln bei einer Bekannten Felas unter, bei „Omi“, wie Jacky „diese narzisstische und sehr seltsame Frau“ mit dem ausgeprägten Helfersyndrom nennt.

Stück für Stück hat Dreksler die Lebensgeschichte der Mutter rekonstruiert. Manches muss im Dunkel bleiben. Wo haben die Eltern sich kennengelernt? Die Geschichten und „Anekdötchen“ aus dem KZ hingegen sind ihm seit seiner Kindheit vertraut. „Ich wusste schon mit vier Jahren, wie lange Juden in der Gaskammer nach Luft schnappen“, erzählt er. „Sie hat oft sehr grausame Sachen erzählt. Ich bin mit diesen Erzählungen aufgewachsen. Und wann immer ich etwas falsch machte, kam gleich wieder eine KZ-Geschichte.“

Der Vierjährige lernt „alles, was es zu lernen gibt: Kochen, putzen, bohnern, Strümpfe stopfen, häkeln, stricken, schreiben, lesen.“ Manchmal protestiert er lautstark gegen die Anordnungen der Mutter. „Dann sagte sie: ,Jankele, eines Tages brauchst du das. Wenn du im KZ mit löchrigen Strümpfen zum Appell erscheinst, beziehst du Prügel von der SS‘“ Die Mutter habe aus ihm „ein kleines Schweizer Taschenmesser gemacht“, erzählt Dreksler. „Für mich bestand die Erziehung im Wesentlichen daraus, dass sie mich auf das Leben im Ghetto und im KZ vorbereiten wollte. Das war aus ihrer Sicht verständlich. Wer viele Dinge beherrscht, der hat bessere Überlebenschancen im KZ.“

Als die Mutter stirbt, ist Jacky Dreksler also neun Jahre alt, ein schmales Kind mit dunklen Augen und strengem Seitenscheitel. „Omi“ wird sein Vormund und erzieht den Jungen mit harter Hand. Systematisch entfremdet sie ihn von der jüdischen Gemeinde und seinen Verwandten in den USA, bei denen das ungleiche Paar einige Monate verbringt. Jacky reagiert mit kleinen Diebstählen und wochenlangem Schulschwänzen. Schließlich fliegt er vom Gymnasium. Beginnt eine Lehre bei Bayer.

Beim Schreiben des Buches sei der alte Hass, die alte Wut auf „Omi“ manchmal wieder hochgekommen. „Zum Glück habe ich heute Techniken, um mit diesen negativen Gefühlen umzugehen und ihnen nicht zu gestatten, mein Leben und meinen Körper ein zweites Mal zu vergiften.“ Mit Mitte 20 kannte er diese Techniken noch nicht. Damals beschäftigte sich der Philosophiestudent zum ersten Mal mit der Lebensgeschichte seiner Mutter und seinem eigenen Schicksal – und beschloss nach langem Ringen mit sich selbst, den Rat seiner Mutter zu beherzigen und ein glücklicher Mensch zu werden.

Geholfen habe ihm die intensive Beschäftigung mit Theologen und Philosophen wie Epikur oder auch den Stoikern. „Die besten Denker dieser Welt sind ganz wundervolle Lehrer. Sie stehen ganz ruhig da und wachen auf, sobald ich ein Buch aufschlage.“ Auch die Erziehung der Mutter habe ihn gestählt für ein Leben, das geprägt war von beruflichen Herausforderungen in einer unsteten Branche. „Ein Nein gab es bei meiner Mutter nicht. Das war im KZ keine Option, und das war auch in meiner Erziehung keine Option. Sie hat mir beigebracht, angesichts von Problemen zu sagen: Ja, das kann ich schaffen.“

Und noch etwas habe seine Mutter ihn gelehrt, auf dass er ein glücklicher Mensch werde: „Jankele, du musst immer ehrlich sein. Aber du darfst auch nicht bleed sein.“

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