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Johann Ehrenfried Schumann (nach Georg Melchior Kraus): Goethe mit Silhouette.

Charlotte-von-Stein-Ausstellung

"Ich fühl?s, wir werden niemals Freunde"

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Eine Charlotte-von-Stein-Ausstellung in Frankfurt zu Goethes 269. Geburtstag.

Hier spiegelt sich eins im anderen, buchstäblich und sinnbildlich. Buchstäblich: Porträts betrachten Scherenschnitte, Scherenschnitte betrachten Büsten. Das Frankfurter Goethe-Gemälde von Georg Melchior Kraus ist eine Kopie von Johann Ehrenfried Schumann und wurde für die Ausstellung zudem noch reproduziert und gekontert. Goethe wird dadurch zum Linkshänder, die Besucher können ihre Wahrnehmung testen (wann merken sie, dass etwas nicht stimmt?) und vermutlich war es auch eine ästhetische Entscheidung. Der linkshändige Goethe sieht uns nun entgegen. 

Sinnbildlich: Noch bevor er ein Wort mit ihr gewechselt, sie leibhaftig gesehen hat, charakterisiert Goethe die im nur noch wenige Monate entfernten Weimar lebende Frau von Stein wie folgt und nicht mehr loszuwerden: „Festigkeit / Gefälliges unverändertes Wohnen des Gegenstands / Behagen in sich selbst. / Liebevolle Gefälligkeit / Naivität und Güte, selbstfliesende Rede / Nachgiebige Festigkeit. / Wohlwollen. / Treubleibend / Siegt mit Nezzen“. Die Anmaßung des klassischsten aller Vorurteile, nämlich des wahrlich vorab getroffenen, das man sich also per se verbitten müsste, gehörte zum beliebten, mit „wissenschaftlichen“ Ambitionen unterfütterten Gesellschaftsspiel und Konversationsgegenstand der Physiognomik. Erst im Verlauf des 20. Jahrhunderts hat sie die Reste ihrer schon zuvor windigen Unschuld verloren. Goethe fasste sein Urteil angesichts einer von dem Philosophen und Pfarrer Lavater veröffentlichten Silhouette. 

Gleich daneben stellte er im selben Brief an Lavater seine Charakterisierung der berühmten Braunschweiger Fürstenmätresse Branconi (die er ebenfalls später persönlich kennenlernte und mochte): „Scharf nicht tiefsinn“, „Reine Eitelkeit“, „Siegt mit Pfeilen“. Auch wenn Goethes Wortwahl eigen und unspießig ist und ins Geflügelte tendiert – so kam es auch, bis zum Ende des Bildungsbürgertums siegten Damen mit Netzen oder Pfeilen –, waren es natürlich Stereotype der sittsamen und der sittlich anfechtbaren Frau, die er zur Anwendung brachte. Zumal er wusste, wen er vor sich hatte. 

Für Frau von Stein, der dies selbstverständlich zugetragen wurde – alles, worum es hier geht, spielte sich in einer Mixed Zone von Privatem und interessierter Öffentlichkeit ab –, waren das Festlegungen, die auf ihr Leben und ihren Nachruhm zurückwirkten. Und sei es nur, indem sie anders als Käthchen, Lotte, Friederike, Christiane, Ulrike oder Marianne stets ihren Nachnamen behielt. Unangenehm wird ihr das nicht gewesen sein, auch wenn sie den sieben Jahre jüngeren Neuankömmling Goethe in Weimar dann vorerst mied. „Ich fühl’s, Goethe und ich werden niemals Freunde.“ 

Freilich blieb es so nicht lang. Die „seraphisch entnervende Leidenschaft“ (Thomas Mann), die sich anschloss, führte, man weiß nicht genau, wohin, und außerdem zu bedeutenden Briefen des Dichters (ihre haben sich nicht erhalten, nachdem sie sie verärgert zurückgefordert hatte). Auf seiner Italienreise war Charlotte von Stein – ihrerseits sehr gekränkt von der unangekündigten Abreise – eine Art Depot für den Dichter, der sich seine Berichte anschließend wiedergeben ließ, um sie publizistisch zu verwerten. Er redigierte souverän am Original, unkleinliche Striche für die „Italienische Reise“ kann man sich in Vitrinen anschauen. 

Eigentlich soll es hier aber nicht um Goethe gehen. Im Gegenteil. Die von der Klassik Stiftung Weimar 2017 für den 275. Geburtstag Charlotte von Steins konzipierte, für das Frankfurter Goethemuseum nun zum heutigen 269. Geburtstag Goethes unter Federführung von Bibliotheksleiter Joachim Seng frisch aufbereitete Ausstellung möchte ihn sogar gerne ausschließen. Im Arkadensaal gibt es einen luftigen Vorhang, der nach der gespiegelten Dichterporträtkopie in die Sphäre Charlotte von Steins führen soll (in der Goethe dann natürlich doch allgegenwärtig ist). In der Frankfurter Version heißt die Schau „Nie standen die Frauen an ihrem gehörigen Platze ...“, eine Zeile aus dem Stück „Die zwey Emilien“: Frau von Stein soll hier im Idealfall nicht nur als eigenständige Persönlichkeit, sondern auch als zeittypisch behinderte, aber von der näheren Umgebung auch interessiert und klatschig-tratschig wahrgenommene Autorin zur Geltung kommen. „Die zwey Emilien“ (1800) ist die (deutlich abgewandelte, wie man hier lernt) Adaption eines englischen Romans und das einzige ihrer Werke, das zu Lebzeiten erschien. 

Charlotte von Stein, die erst nach dem Tod ihre Mannes schreibend überhaupt die Öffentlichkeit suchte, war gewiss keine Feministin, ließ aber die Hochstaplerische ihrer beiden Emilien nach dem Auffliegen des Komplotts deutliche Worte sprechen: „Einmal sind wir alles, aber bald darauf nichts – Aber ich habe eine Männerseele und will auf keinen Fall Fesseln tragen.“ –––
Auch wenn sich Goethe – jedoch nicht in die beiden Emilien – im Folgenden ständig dazwischendrängt, führen Schaukästen in aller Ruhe in Wort, Bild und Gegenstand durch Frau von Steins Lebensbereiche. Der Weg von der jugendlichen Hofdame zur siebenfachen Mutter – vier Töchter sind bereits gestorben, als Goethe und sie sich kennenlernen –, die einerseits dem Frankfurter Bürgersohn im höfischen Leben behilflich sein kann und andererseits nach dem Tod ihre Mannes Josias 1793 streng haushalten muss. Briefe an Vertraute, so den Lieblingssohn Fritz und dessen wackeren großen Bruder Carl (auch der mittlere Sohn, Ernst, wurde nur zwanzig) beschreibt sie zuweilen doppelt, um Papier zu sparen: In anderer Farbe wird es quer gelegt noch einmal verwendet. Eine anstrengende Methode, die auch für die anfassbaren Zitattafeln verwendet wurde, denn wie immer in Frankfurt haben die Gestalterinnen (Petra Eichler und Susanne Kessler) sich bemüht, viel Lesestoff anschaulich zu machen. 

Man schaut der Leserin von Stein zu, die scharfe, eigene Urteile fällt: „Ich habe das Ende von Jacques le fataliste gelesen, er ahmt gar zu sehr des Tristrams Zweydeutigkeiten nach.“ Man sieht die Spuren der privaten Geselligkeit – mit amüsanten, selbstgebastelten Spielkarten etwa –, geistreich soll sie offenbar sein, aber, denkt man manchmal, auch nicht zu geistreich. Es geht, scheint es, immer darum, über- und miteinander ins Gespräch zu kommen. Das kommt uns sehr bekannt vor. 

Ganz am Ende kann man (muss man als Schülerin vermutlich) für Frau von Steins mit Adjektiven angefülltes Profil selbst Punkte verteilen. Es ist, merkt man nun, nicht leicht, sie kennenzulernen. Wenigstens macht die Ausstellung aber vorsichtig, was die klassischen Zuweisungen (von kaltherzig bis treu) betrifft. 

Es war der Arzt Johann Georg Zimmermann, der Goethe die Steinsche Silhouette zuerst gezeigt hatte, der Frau von Stein dieses auch gleich berichtete und also insgesamt die Fern-, dann Nahbeziehung zwischen beiden beförderte, geradezu einfädelte. Auch das gehört zur Ausstellung, wie es meistens zu Ausstellungen gehört, in denen Goethe vorkommt: Dass die Beteiligten wissen, ahnen, hoffen, dass sie vom Rand her an etwas Großem beteiligt sind und die Nachwelt das Interesse nicht so schnell verlieren wird. Auf einem Umschlag, in dem Charlotte von Stein Goethe erwähnt, ist also mit gut lesbarer zeitgenössischer Hand geschrieben: „von Stein über Goethe“. 

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