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Seine Stadt: Das Zentrum von Köln 1945. Zwei Jahre später kehrten die Beckers in den Westen zurück.

Jürgen Becker

"Ich bin angewiesen auf Erlebtes"

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Aufsätze, Reden, Gespräche: Das Parallelwerk des Büchnerpreisträgers Jürgen Becker in dem Sammelband "Gelegenheiten".

Warum schreiben? Dieser Frage ging Jürgen Becker auf den Grund, als er seine Dankesrede zur Verleihung des Büchnerpreises hielt. „Vielleicht, um mich besser kennenzulernen“, sagte er, „und wenn dabei so etwas wie ein Bild von den Widersprüchen der eigenen Identität entsteht, vielleicht erkenne ich dann besser, was in meinen Zeitgenossen vor sich geht, was sie von sich geben in ihren emotionalen Gleichgewichtsstörungen, wie ihr Leben verläuft in einer Gegenwart, in der das Vergangene stets dabei und der Schatten der Geschichte mit unterwegs ist.“

Die Rede, vor fast genau vier Jahren in Darmstadt gehalten, bildet jetzt den Schlussstein des Bandes „Gelegenheiten“. Erstmals werden darin wegweisende Aufsätze und Gespräche, Reden und Rezensionen des in Köln lebenden Lyrikers, Erzählers und Hörspiel-Autors versammelt. Gabriele Ewenz gibt die Edition heraus, die fast sechs Jahrzehnte öffentlicher Einmischung dokumentiert. Eine repräsentative Auswahl solle es sein, schreibt sie im Nachwort, die im kleinen Format die Elemente widerspiegelt, die für Beckers Werk bezeichnend sind: „Für ihn ist die Literatur immer Topografie und Erinnerung, Landvermessung und Rekonstruktion in einem.“

Was bei Lektüre dieses „Parallelwerks“ auffällt: Beckers Engagement zielt in der Regel auf die Literatur, auf Ansichten über Bücher von Kollegen und auf Selbstauskünfte zur Arbeit des Schriftstellers. Auch denkt er häufig nach über andere Künste, über Malerei und Fotografie.

Allerdings neigt er – anders als einst die etwas älteren Kollegen Grass, Böll, Lenz – nicht dazu, für eine Partei in den Wahlkampf zu ziehen oder sich emphatisch über Irrungen der Weltpolitik zu äußern. Dass freilich Politik als Vergangenes und Gegenwärtiges in seiner Dichtung aufscheinen, der Zweite Weltkrieg ebenso wie die deutsche Wiedervereinigung, steht außer Frage. 

Ein frühes Rundfunk-Manuskript, 1960 verfasst für den WDR, widmet sich einer Ausgabe mit Werken von Yvan Goll. Zwar übt Becker Kritik an der Gestaltung des Bandes, doch weiß er um dessen bildende Bedeutung. Vieles sei nach dem nationalsozialistischen Kahlschlag neu zu erkunden, meint er: „Wieder ist festzustellen, dass die Folgen der deutschen Kunstdiktatur der 30er und 40er Jahre sowie deren Folgen nach wie vor wirksam sind.“ Zu viele Einzelwerke seien verschollen, zu viele Dichter zu Unrecht vergessen.

Doch gilt Beckers Interesse gleichermaßen den frischen Stimmen und Formen. Das Verlangen nach einer neuen Literatur bricht sich hier am deutlichsten Bahn in dem Beitrag „Gegen die Erhaltung des literarischen status quo“ von 1964: „Kaum erscheint noch ein Roman von Rang, dem nicht anhaftet der Makel eines partiellen oder auch gründlichen Misslingens.“ Der Romanschreiber habe die Übersicht über die Wirklichkeit verloren, lesen wir, sei nicht mehr repräsentativer Sprecher einer Gesellschaft. Der Ausweg? Becker plädiert für Risse und Brüche in den vorgeprägten Erzählformen. Er selbst tritt im selben Jahr mit dem experimentellen Prosa-Band „Felder“ hervor. 

Spannend sind in dieser Sammlung auch seine Beiträge zur bildenden Kunst. Mit Gerhard Richter blättert er durch dessen Foto-Album. Richter habe die DDR, schreibt Becker, „aus ästhetischen Gründen verlassen, im Widerspruch gegen eine Ideologie, die alles künstlerische Sprechen reglementierte“. Anschließend habe der Maler „mit dem Rücken zur DDR“ gelebt. Becker sieht da die Parallele zu seiner eigenen Existenz, lebte er doch in Jugendjahren „im ostzonalen Thüringen“, ehe die Familie heimwärts fuhr nach Köln. 

Dann „das Wunder der Einheit“. Jedoch, heißt es in einem Beitrag von 2004: „Die Geschichte der Trennungen, noch hört sie nicht auf, vielleicht nähert sie sich einem Ende, wenn unsere Nachkommen einmal damit umgehen wie mit einem alten, ramponierten Fotoalbum, in das die eigene Erinnerungsspur nicht mehr hineinführt.“ 

Was die Wiedervereinigung nicht alles ermöglicht hat! Auch den ersten Roman von Jürgen Becker, zehn Jahre nach dem Fall der Mauer: „Aus der Geschichte der Trennungen“. Unter den Gesprächen im neuen Sammelband findet sich der Hinweis, dass das Wiedersehen mit den Orten der Kindheit für den Roman entscheidend gewesen sei: „Ich habe nicht viel erzählerische Phantasie; ich bin angewiesen auf Erlebtes und Erfahrenes, und indem all das, was ja auch vergessen und verloren schien, wiederkam, fand mein Schreiben eine neue, eine um Stoff und Inhalt angereicherte Dimension, die zwangsläufig nach weiträumigen Gebilden, nach romanhafter Prosa verlangte.“ 

Und weiter geht es, immer weiter. Das Alter halte ihn nicht davon ab, sagte Becker 2014 am Ende seiner Rede zum Büchnerpreis, „immer aufs neue anzufangen, im Zweifel nämlich, ob ich die entscheidenden Sätze überhaupt schon geschrieben, ob ich nicht zu vieles falsch gemacht habe“. Was für ein großartiges Schreibmotiv, was für ein inspirierendes Lebensmotto, was für eine schöne Aussicht auf weitere Texte von Jürgen Becker.

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