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Ian Rankin und William McIlvanney: „Das Dunkle bleibt“ – Der Mann, der nur innerlich lacht

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Von: Sylvia Staude

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Glasgow Anfang der 1970er.
Glasgow Anfang der 1970er. © Imago

„Das Dunkle bleibt“: Ian Rankin vollendet ein Manuskript von William McIlvanney, Meister des schottischen Noir.

Der gewaltvolle, mafiöse Untergrund Glasgows und die Verheerungen im Leben derjenigen, die diesen kriminellen Morast austrocknen wollen, das vor allem beschäftigte den dort lebenden (und lange Jahre als Lehrer arbeitenden) Schriftsteller William McIlvanney in seinen Romanen – ein nach dem Tod des schottischen Autors im Jahr 2015 noch vorliegendes Manuskript um seine berühmte Figur Jack Laidlaw wurde vom McIlvanney-Bewunderer Ian Rankin nun vollendet. 2021 erschien „The Dark Remains“, jetzt im Kunstmann-Verlag die Übersetzung „Das Dunkle bleibt“.

Der Kriminalroman handelt vom prekären Gleichgewicht zwischen drei Gangsterbossen – Cam Colvin, John Rhodes, Matt Mason –, die sich „Taxis, Schrottplätze, Türsteher, Puffs, Wettbüros“, die sich also die Stadt Glasgow ganz gut aufgeteilt haben. Doch dann wird Bobby Carter, Colvins gerissener Anwalt und „Gehirn“, erstochen aufgefunden. Dann brennt eine Kneipe. Als nächstes wird die Tatwaffe, noch blutig, in der Nähe der Wohnung eines von Colvins Leuten gefunden. Schließlich werden Taxis demoliert. Will da jemand (Matt Mason?) unbedingt einen Krieg anzetteln, um der lachende Dritte zu sein? Will einer von Colvins eigenen Männern fürs Grobe aufsteigen? Oder ist das Motiv simple Eifersucht, denn Bobby Carter war verheiratet mit der schönen Monica – und ist doch fremd gegangen mit (unter anderen) Jenni, Tänzerin im Stripclub. Nicht zuletzt sein Boss interessierte sich sehr für Monica. „Das Problem ist, es gibt zu viele Verdächtige“, sagt Laidlaw, ganz der Realist.

„Das Dunkle bleibt“ spielt Anfang der 70er. Frauen mächtiger Männer haben dekorativ zu sein und sonst nichts zu sagen. Großbritanniens konservativer Premierminister Heath möchte der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft beitreten (oh ja). In der Jukebox läuft „Ain’t No Sunshine“ und in Glasgows Kinos „Der Pate“. So ungefähr alle gucken sich den Film an, bis auf Jack Laidlaw und seine Frau Ena. Sie führen eine Ehe, in der man sich nichts mehr zu sagen hat; dumm nur, dass Kinder da sind.

Mit Jack Laidlaw hat McIlvanney den Typ des unberechenbaren und bissigen Einzelgängers geschaffen, einen Mann, der nur innerlich lacht, einen Ermittler, der immer aus der Reihe tanzt, seine Kollegen vergrätzt (keine Kolleginnen damals). Und wer, wie die Frau seines Partners Detective Sergeant Bob Lilley, über Einfühlungsvermögen und eine genaue Beobachtungsgabe verfügt, kann ihn „ticken hören wie eine Bombe“. Scharfe, ironische Wortwechsel mit Verdächtigen sind seine Spezialität, auch wenn diese Verdächtigen nicht für ihre Sanftmut bekannt sind. Immer muss man fürchten, dass er eines Tages zu weit geht – und endet wie Bobby Carter.

Ungewiss, was und wie viel Ian Rankin beigesteuert hat zu „Das Dunkle bleibt“. Die Atmosphäre, die Dialoge weisen keine Brüche auf – auch der 1960 geborene Rankin hat ja die 70er bewusst erlebt. Meisterlich gezeichnet so oder so die gesellschaftlichen Brüche und Spannungen, die Figuren, die sich durchmauscheln und durchsaufen, die anderen, die mal was waren – Fußballprofi zum Beispiel – und nun so tun, als hätten sie noch alles im Griff und ein dickes Konto. McIlvanney/Rankin vergessen in ihrer Figurenvielfalt auch die cleveren jungen Frauen und ihre kleinen Träume nicht, von denen einer darin besteht, sich bei der Polizei zu bewerben.

Das wäre dann freilich ein Krimi, in dem die schlecht gelaunten Jungs zur Seite treten müssten.

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