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Ian McEwan: „Lektionen“ - Es ist wirklich nicht seine Schuld

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Von: Sylvia Staude

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Frühere US Abhöranlage Field Station auf dem Teufelsberg in Berlin. Ian McEwans Held schlägt sich mit Klavier-Tingeltangel durch Leben und Geschichte.
Frühere US Abhöranlage Field Station auf dem Teufelsberg in Berlin. Ian McEwans Held schlägt sich mit Klavier-Tingeltangel durch Leben und Geschichte. © imago images/Ray van Zeschau

Ian McEwans „Lektionen“ über einen, der wie die meisten von uns die Welt nicht veränderte

Kein Fötus, der altklug daherredet. Kein Politiker, der sich in eine Kakerlake verwandelt und England zu einer Kloake macht. Keine Menage à trois mit einem Roboter. Auch Ian Macabre, einst ein Beiname Ian McEwans, scheint in „Lessons“, „Lektionen“, lange her und vorbei. Ein wenig Statistik gleich noch zum neuen Roman des Briten: Es ist der 17. und der bisher umfangreichste. Und er hat die englischsprachige Kritik zu einem eher seltsamen Superlativ inspiriert: „Lessons“ sei der „traditionellste“ Roman des Autors. Er könne also etwas vom Pep anderer seiner Bücher gebrauchen, lautet von da aus ein Urteil. Er sei das „menschenfreundlichste“ seiner Werke, heißt es anderswo.

Hier soll noch das Wort altersmilde ins Spiel gebracht werden, die Mäßigung durch Erfahrung. McEwan übt in „Lektionen“ Nachsicht und Toleranz gegenüber allen Figuren, selbst jenen, die der Hauptfigur Verletzungen beibringen (wie tief diese sind, weiß der Betroffene auch Jahre später nicht zu sagen).

Erzählt wird das Leben des – wie Ian McEwan – 1948 geborenen Roland Baines, das vor allem geprägt wird durch krasse Handlungen zweier Frauen: seiner Klavierlehrerin und seiner ersten Frau. Aber eben auch durch sein Zögern, Zaudern, seine Neigung, Ausbildungen abzubrechen und sich treiben zu lassen – durch ein Jahr nach dem anderen, von einer Frau zur anderen und einem Job zum nächsten. Und nichts, was diese beiden Frauen an moralisch Fragwürdigem taten, nimmt Roland Baines die Verantwortung für sein Leben ab.

Das erste Kapitel beginnt mit der ineinandergeflochtenen Erinnerung an beide, der „Erinnerung eines Schlaflosen, kein Traum“, wie sofort klargestellt wird. Da ist in Rolands Vorstellung noch einmal die Klavierstunde, in der Miriam Cornell den Elfjährigen schmerzhaft in den Oberschenkel kneift. Später wird sie ihn auf den Mund küssen. Ihm geradezu befehlen, sie zu besuchen. Er wird es trotzdem lange nicht tun, bis er, aus Angst, als Jungfrau zu sterben (es ist Kubakrise, alle sprechen vom Atomkrieg), eines Tages zu ihr radelt. Missbrauch ist es da immer noch, Roland erst 14.

Beim anderen einschneidenden Ereignis seines Lebens ist er 37 und plötzlich alleinerziehend. Alissa Eberhardt, seine deutsch-englische Frau, hat ihn und das gemeinsame Kind, Lawrence, sieben Monate, verlassen. Sie schreibt ihm: „Es ist nicht Deine Schuld. Ich liebe Dich, aber dies ist endgültig. Ich habe das falsche Leben gelebt. Bitte vergib mir, wenn Du kannst.“ Das ist nicht zu schaffen; oder erst, wenn die sprichwörtliche Zeit sich heilend über alles gelegt hat.

Die Leserin kann nun im Autobiografischen graben, denn McEwan führte einen üblen Sorgerechtsstreit mit seiner ersten Frau, allerdings waren die beiden Söhne schon halbwüchsig und gibt es mit der fiktiven Alissa nichts auszufechten, weiß doch Roland nicht einmal, wo sie jetzt lebt. Eine Art von Vergebung wird möglich, weil er erkennt und sich eingesteht, dass Alissa Eberhardts Furore machender Roman „ein Meisterwerk“ ist: „Weil sie so gut schrieb, würde er ihr vergeben müssen.“ (Möchte Ian MacEwan, dass wir das so lesen: Große Kunst wiegt auf der Waagschale des Lebens mehr als moralische Rechtschaffenheit, mehr als, wie Alissa, „zweifellos ein schrecklicher Mensch“ zu sein?)

Dem Meisterwerk folgen weitere, bis Alissa Eberhardt die berühmteste deutsche Schriftstellerin ihrer Generation ist, regelmäßig für den Nobelpreis gehandelt wird. Der Preis: der durchaus schmerzhafte Verzicht auf die Familie. Vielleicht ja auch die Sucht, der Alkohol schon am Vormittag, die Zigaretten. Es ist eine dunkel-vergnügte Szene, als Roland Alissa endlich wiedersieht – weil sie ihn noch einmal sehen will. Ein Fuß wurde ihr schon amputiert, Lungenkrebs hat sie auch, sie scherzt, es werde diesmal auf eine Novelle rauslaufen müssen.

Das Buch

Ian McEwan: Lektionen. Roman. A. d. Eng. v. Bernhard Robben. Diogenes, Zürich 2022. 720 S., 32 Euro.

„Lektionen“ ist bevölkert von zwar zutiefst fehlbaren, sich manchmal jedoch unerwartet bewährenden Menschen. Das Kind Roland wird Zeuge, wie sein Vater, Captain Robert Baines, bei einem Verkehrsunfall umstandslos hilft. Aber seine Mutter hat „Angst vor Robert, wenn er trank, also jeden Tag“. Alissas Vater hat im Umkreis der Weißen Rose Mut bewiesen. Und ist trotzdem zu einem starren, konservativen, seine Frau Jane herumkommandierenden Mann geworden. Die, anders als ihre Tochter, ihre schreiberischen Ambitionen aufgegeben hat, so dass Alissa ihr vorwirft: „Mutti, ich bin im Schatten, in der Kälte deiner Enttäuschung aufgewachsen.“

„Lektionen“ ist ein traditioneller Roman, insofern er vom ganz normalen, vom unspektakulären Leben erzählt. Von Erwartungen und Enttäuschungen. Von Schulsorgen und Pubertätsträumen, in denen man die Rolle eines Weltveränderers hat. Von Sex und Rock’n’Roll und von der Ernüchterung der Elternschaft und Gewohnheit. Unausweichlich irgendwann die Abrechnung mit den Eltern. Und das Sterben der Eltern.

Dann vielleicht das Realisieren, dass man es selbst besser hatte, schon weil man erst nach einem großen Krieg geboren wurde, schon weil man seine Charakterfestigkeit in einem Unrechtsregime gar nicht beweisen musste: „Roland hatte das Glück der Geschichte auf seiner Seite und jede Chance gehabt.“ Er fühlt sich höchstens ein wenig schuldig, weil er für Freunde in der DDR Schallplatten über die Grenze geschmuggelt hat, Bob Dylan u. a., Politisches halt. Und sich, als diese Freunde ihre Jobs verlieren, als ihnen für eine Weile die Kinder weggenommen werden, fragen muss, ob seine recht naiv geschmuggelten Platten zu ihren Schwierigkeiten mit der Stasi beigetragen haben.

Stets kann die Leserin das fortschreitende Leben des Roland Baines im Zeitgeschehen verankern, kein Raten hier, wann was spielt: Kubakrise, Tschernobyl (Lawrence ist ein Baby, Roland klebt panisch die Fenster zu), Gorbatschow, Mauerfall (schon deswegen musste das neue Jahrhundert „fundamental anders werden, besser, weiser“, denkt er in Berlin). Dann aber Sarajevo, 9/11. Schließlich Brexit. Corona-Pandemie. Er kommt gut zurecht mit dem Alleinsein.

Lange hat Roland Baines hohe Ziele: Dichter, Konzertpianist, Jazzmusiker, Komponist. Aber: „Erreicht hatte er nichts.“ Stattdessen Sprüche rausgesucht für Glückwunschkarten. Sich und Lawrence durchgebracht als Barpianist, mit „Mampfmucke“. Als irgendwann die Polizei kommt wegen Miss Cornell – es ist die Zeit, als Missbrauch zum Thema wird, er aber schon fast ein alter Mann ist -, sagt er nur: „Sie haben doch sicher dringendere Fälle.“

Nein, ein dringender Fall ist Roland Baines in keiner Weise. Vielmehr ein ganz und gar durchschnittlicher Typ und Lebensfall, jetzt in den Siebzigern. Indem man ihn anhand dieses Romans begleitet, begleitet man auch sich selbst durch die vergangenen Jahrzehnte, erkennt sich wieder, erkennt die Welt wieder.

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