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Die Hysterie, das Radium und der verdammte Eros

Raffinierte Erfindungen: Per Olov Enquist erzählt weit mehr als die außergewöhnliche Geschichte von Blanche und Marie

Von INA HARTWIG

Rätselhafte Fragen und Sätze: "Wie bittet man um Entschuldigung für ein Jahrhundert, das seine Wurzeln nicht wählen konnte?" Oder: "Das Abgetrennte und Verschwundene hat auch seine Liebe, seine Erinnerungen." Oder: "Der Punkt, von dem aus wir die Erzählung betrachten, ist ein Torso." Diesen Torso, oder besser Amputationen an Leib und Seele zu suchen, hat sich Per Olov Enquist in seinem neuen, schmalen, virtuos erzählten Roman Die Geschichte von Blanche und Marie vorgenommen.

Gemeint sind die Beschneidungen einer gewissen Blanche Wittmann, einst bekannt als "Königin der Hysterie" in Jean Martin Charcots Pariser Klinik Salpêtrière, die ihren jungen Körper aufwarf unter den Blicken Sigmund Freuds, August Strindbergs oder der legendären Schauspielerin der Comédie Française Sarah Bernhardt. Gemeint sind ferner die Beschneidungen der zweifachen Nobelpreisträgerin Marie Sklodowska Curie (1867 bis 1934), deren Assistentin Blanche wurde, nachdem ihre Karriere als Hysterikerin beendet war. Und schließlich sind, wenn auch nur am Rande, die Beschneidungen der Mutter des Ich-Erzählers gemeint, eines Schweden, der seinen Vater verlor, als er sechs Monate alt war. Seine Mutter blieb allein ihr Leben lang, amputiert um ihren Mann, in der Einsamkeit von Västerbotten, Nordschweden.

Drei Frauen also mit ihren Liebesgeschichten und ihren "Amputationen"; eine vierte Frau, die die Szene betritt, Jane Avril, bekannt als Modell des Malers Toulouse-Lautrec, zuvor wie Blanche Patientin in der Salpêtrière, wurde ebenfalls beschnitten, doch weniger hart, wie es scheint, beschnitten bloß um ihre Hoffnung. Die Frage, ob es um faktische oder metaphorische Amputationen geht, muss und soll der Leser sich stellen. Blanche Wittmann, der lebende Torso, sagt einmal zu ihrer einzigen Freundin Marie Curie, nur das Faktische zähle.

Zu dem Zeitpunkt ist sie bereits amputiert um ihre beiden Beine und um den linken Arm. Sie hatte nach ihrer Entlassung als Patientin in der Röntgenabteilung der Salpêtrière gearbeitet, bevor sie Marie Curies Assistentin wurde und gemeinsam mit der großen Forscherin wochenlang in der Schlacke der radiumhaltigen Pechblende rührte. Auch bei Marie Curie, die schön gewesen sein soll, wie Enquist zu betonen nicht müde wird, haben die Strahlen ihre Spuren hinterlassen, die Hände sind entstellt. In ihren Erinnerungen hat die Nobelpreisträgerin für Physik und Chemie ihre Assistentin Blanche Wittmann, den Torso, nicht erwähnt, wie Enquist verrät. Auch eine Beschneidung?

Das Buch von Blanche und Marie, so der Titel des raffinierten Werkleins, hält ein weiteres Leitmotiv bereit, nämlich das große Leuchten. Erstens das blaue, sie entzückende Leuchten des Radiums, das Marie Curie zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts entdeckte. Zweitens das "Selbstleuchten" der Hysterikerin Blanche während ihrer konvulsivisch-theatralischen Aufbäumung vor Publikum, ein Leuchten, das schon damals Zweifel säte, weil der Anteil des Spiels, also der Show, ungewiss war. Und schließlich, drittens, das große Leuchten der Liebe in jenem Moment, in dem zwei Menschen "ihr Dunkel teilen", wie Enquists mystische Formel lautet. Letzteres geschieht zwischen Blanche und Professor Charcot einige Minuten vor dessen Tod im Hotelzimmer eines ländlichen Gasthauses, 15 Jahre nachdem Blanches Gestalt ihm eingebrannt wurde "wie ein Brenneisen in ein Tier" (Racine); der Ehebruch des Arztes wird dann gewissermaßen vom Tod verdeckt.

Und es geschieht zwischen Marie Curie und ihrem Geliebten Paul Langevin, einem angesehenen französischen Physiker, Familienvater und unglücklichen, aber schwachen Ehemann, mit dem sie - drei Jahre nach dem Tod ihres geliebten Mannes Pierre und 15 Jahre, nachdem Paul ihr verfallen war - für sechs herrliche Monate zusammen ist.

Die erregende, leuchtende, gefährliche, verlockende Grundatmosphäre zu erzeugen, darin ist Enquist Meister. Und man liegt wohl nicht falsch, anzunehmen, dass es ihm auf exakt diese Atmosphäre schriftstellerisch ankommt. Das Radium, die Hysterie und den verdammten Eros behandelt der inzwischen siebzigjährige Schwede dabei wie Substitute, in denen sich dieselbe - je nachdem erregende oder grausame - Ambivalenz bündelt. Man muss jedoch hinzufügen, dass es sich um eine vergangene Ambivalenz handelt, um vergangene Irrtümer, Ehrvorstellungen und Erfahrungen von Schande. Heute würde die uneheliche Beziehung einer Nobelpreisträgerin nicht mehr an den Pranger einer zwischen Panik und Geilheit aufgepeitschten Öffentlichkeit gestellt, sie würde gar nicht zur Kenntnis genommen. Doch der armen Marie Curie, die fast ihren zweiten Nobelpreis für die verbotene Liebe hätte opfern müssen, ist es so ergangen.

Die französische Presse schäumte, nachdem die Ehefrau von Langevin die verzweifelten, bösen Briefe Marie Curies an ihren Liebhaber publik gemacht hatte, Briefe einer von Eifersucht aufgelösten Frau. Marie Curie wurde zur Wiedergängerin des "jüdischen Verräters" Dreyfus stilisiert, als wiederholte Entehrung Frankreichs - und es entbehrt nicht einer bitteren Ironie, dass ausgerechnet Pierre Curie 1898 den Aufruf Zolas zugunsten von Dreyfus unterzeichnet hatte. Doch Pierre war tot. Der geballte Hass auf die Wissenschaftlerin, auf die Ausländerin, auf die (vermeintliche) Jüdin ging im Jahr 1911 ungeschützt auf Marie Curie nieder, auf eine in den Falschen verliebte Witwe. Sie verlor alles durch ihre Liebe zu Paul Langevin, ihren Ruhm, ihre gesellschaftliche Stellung, ihre Ehre, ihre Forschung, während er nur sie verlor. Von all dem erzählt Enquist in rastlosen, elegant montierten Abschnitten.

Es ist die außergewöhnliche Freundschaft zwischen dem "Torso" Blanche und der so tief fallenden Nobelpreisträgerin Marie Curie, die die Kluft zwischen Ruhm und sozialer Vernichtung, zwischen Liebesglut und Schande, zwischen Gesundheit und Krankheit überbrückt. Blanche verehrt Marie, und Marie liebt Blanche für ihre absolute Loyalität, ja, und für ihre höchst seltsame Liebesgeschichte mit Professor Charcot, über die Marie alles wissen möchte, weil sie eine Lösung - eine Formel - darin zu finden hofft, oder besser: Eine Antwort auf ihr eigenes, zwischen einer festen Arbeitsehe und einer brennenden Affäre zerrissenes Liebesleben.

Ebensogut könnte man sagen, dies sei die Geschichte eines Buchs, nämlich des "Fragebuchs", geschrieben von Blanche Wittmann, dem Torso. Sie wollte das Wesen der Liebe erklären und schrieb das "gelbe", das "schwarze" und das "rote" Buch, schon amputiert, mit der verbliebenen rechten Hand, in Marie Curies Pariser Wohnung, in einer rollenden Holzkiste, die die Nobelpreisträgerin ihr eigens hatte bauen lassen. Das "Fragebuch" sei irgendwann in Ausschnitten veröffentlicht worden, teilt Enquist mit, doch niemals vollständig. Der Autor suggeriert, das Buch habe ihm vorgelegen; und stammten die zum Teil langen Ausschnitte, die er daraus mitteilt, tatsächlich aus der Feder der einstigen Hysterikerin und Curie-Assistentin Blanche Wittmann, dann hätte man vor dieser Trouvaille den Hut ziehen müssen.

Ihre Prosa ist glasklar, schockierend direkt, fein im Detail und extrem poetisch. Das erklärte Ziel dieses Buchs, dem Geheimnis der Liebe auf die Spur zu kommen, klingt kitschig. Dass es nicht kitschig gerät, liegt es an Enquists großem Geschick. Und an seiner Erfindungsgabe, jetzt muss es doch gesagt werden. Denn ein Notizbuch Blanche Wittmanns scheint zwar existiert zu haben, aber was Enquist daraus vorträgt, sind seine eigenen Worte. Mit ihnen formt er eine Persönlichkeit (Blanche), eine Freundschaft (zwischen Marie Curie und ihrer amputierten Assistentin) und eine Liebesgeschichte (zwischen Blanche und Charcot), die es so nie gegeben hat.

Die verbotene Liebe zwischen Arzt und Patientin gehört zu den kühnsten, skandalträchtigen Schichten des Romans. In der Geschichte der Psychoanalyse haben die Hysterikerinnen der Salpêtrière keinen besonders guten Ruf. Charcots Verehrung für seine weiße Königin hingegen ist verbürgt, mehr aber nicht. Dem Neutralitätsgebot widersetzt sich Enquist entschieden, indem er die liaison dangereuse zwischen Arzt und Patientin als echte, tiefe Liebe begreift. Eine Provokation der Zunft auch deshalb, weil dieser Enquist'sche Charcot sich manchmal wünscht, auf der Seite der Kranken und der Frauen zu stehen, das heißt, auf der anderen Seite.

Um die wissenschaftshistorisch gesicherten und die fiktionalen Anteile abschließend zu beurteilen, müssten erhebliche Forschungsanstrengungen erbracht werden. Das Raffinement von Enquists Erfindungen würde dadurch nicht erschüttert.

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