Ein Buch wie ein Soufflé

Hymne auf die Fantasie

Eine wahrhaft "souveräne Leserin": Alan Bennett lässt die Queen in die Welt der Lektüre eintauchen. Von Christine Pries

Von CHRISTINE PRIES

Es ist naheliegend, dieses Buch mit einem Soufflé zu vergleichen: Seine Idee ist einfach, die Durchführung raffiniert, und sein Genuss so köstlich, dass man sprachlos davorsteht, weil seine Perfektion keine Analyse zulässt. Wenn man in ein Soufflé hineinsticht, um seinem Geheimnis auf die Spur zu kommen, fällt es in sich zusammen, und ebenso verlöre dieses Buch einen Großteil seines Esprits, wenn man auch nur versuchte, seinen Inhalt nachzuerzählen; denn dieses Buch hat Witz im besten englischen Sinne, es kommt überhaupt ziemlich britisch daher: Was wäre, lautet Alan Bennetts Ausgangsfrage, wenn die Königin von England plötzlich zu einer besessenen Leserin würde?

Was genau dann wäre, kann aus den erwähnten Gründen nicht verraten werden, doch damit kommt der kulinarische Vergleich auch an sein Ende. Es wäre nämlich falsch, dieses Buch als süßes kleines Nichts abzutun, als das man es lesen könnte, wenn "Die souveräne Leserin" nicht ganz en passant so viele Wahrheiten über das Lesen offenlegte, für die die bisherige Lebensführung von Bennetts Protagonistin nur als Kontrastfolie dient.

Dieses Buch führt vor, was das Lesen mit dem Leser macht, und Bennetts eigentlicher Kunstgriff besteht darin, dies an einem Sujet zu zeigen, das zumindest für den durchschnittlichen Wagenbach-Leser so abgelegen ist, dass es sein eigentliches Thema nur um so näher rückt. Abgöttisch geliebte Hunde, eine schreckliche Familie, arrogante Hofschranzen, hölzerne Premierminister, oberflächliche Bäder in der Menge und eine unbestechliche Contenance - ungefähr so viel weiß jeder über die Queen, und das ist auch der Rahmen, dessen sich Bennett bedient, um zu zeigen, was es mit dem Lesen auf sich hat.

Ihre Umgebung ist nämlich ganz und gar nicht "amused" über die neue Leidenschaft Ihrer Majestät, fühlt sich verunsichert und gar bedroht von Elisabeths plötzlichem Interesse an Literatur, an Menschen, an psychologischen Feinheiten und größeren Zusammenhängen. Die kleinen Nachlässigkeiten, die sie sich etwa bei ihrer Garderobe gestattet - zweimal dasselbe Kleid innerhalb von 14 Tagen! -, weil sie sich ganz der Lektüre verschrieben hat, werden zu Rissen in einem System, das das Lesen als nicht mehr zeitgemäß erachtet.

Als man ihr erzählt, dass das Buch, das sie für die Zeit der Eröffnung des Parlaments in den Polstern ihrer Kutsche versteckt hatte, gesprengt worden sei, weil die Sicherheitskräfte es für eine Bombe gehalten hätten, lässt Bennett Elisabeth ganz unverblümt zum eigentlichen Punkt kommen: "Genau das ist es auch", antwortet sie, "Ein Buch ist ein Sprengsatz, um die Phantasie freizusetzen" - und genau das tut auch dieser kleine Roman. Er ist kein Soufflé, sondern eine Bombe, die - selbst wenn man sich keinen Deut für das Innenleben einer Königin interessiert, die seit Jahrzehnten Generationen von IllustriertenleserInnen als Projektionsfläche dient - gleichsam selbstreflexiv und ungemein liebevoll die Imagination spielen lässt.

Und so geht es dem Leser mit diesem Buch exakt so wie Bennetts Heldin: Er liest und liest und kann dieses Buch einfach nicht mehr aus der Hand legen - bis an ein Ende, das wie alle Enden von derart fesselnden Dingen, notgedrungen enttäuschend ausfällt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare