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Der Hydrologe hat böse Ahnungen

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Welt in Tropfen.
Welt in Tropfen. © REUTERS

Anthony Doerrs Roman über einen Wunderlichen, der seine Familie verlässt und dann wieder sucht.

Von Petra Pluwatsch

Bereits vor elf Jahren versuchte der C. H. Beck Verlag erstmals, den amerikanischen Autor Anthony Doerr auch in Deutschland bekannt zu machen. 2005 veröffentlichte er dessen Debütroman „About Grace“, der ein Jahr zuvor in den USA erschienen war. Der Erfolg von „Winklers Traum vom Wasser“, so der deutsche Titel, war überschaubar: ein paar wohlwollende Rezensionen. Fünf Jahre später folgte eine Taschenbuchausgabe.

Inzwischen zählt Doerr, 1973 in Cleveland geboren, zu den literarischen Größen seines Heimatlandes. Für seinen Kriegsroman „Alles Licht, das wir nicht sehen“ erhielt er im vergangenen Jahr den Pulitzer-Preis. Allein in den USA verkaufte sich das Werk rund zwei Millionen Mal und wurde in mehr als 40 Sprachen übersetzt. Auch in Deutschland entwickelte er sich zum Bestseller.

Jetzt hat der Verlag einen zweiten Anlauf genommen, das Publikum für Doerrs Debütroman zu interessieren. Ein ehrenwerter Versuch, dem durchaus Erfolg beschieden sein könnte. Denn schon dieser erste Wurf verrät das erstaunliche Erzähltalent des Autors. Knapp 500 Seiten widmet Doerr dem verschrobenen Hydrologen David Winkler aus Anchorage in Alaska. Der Wasserforscher ist von Kindheit an fasziniert von Schneekristallen und der Kraft des Wassers. Sogar ein Buch will er darüber schreiben.

Winkler verfügt zudem über eine unheimliche Gabe: Er vermag Ereignisse in seinen Träumen vorwegzunehmen. „Es hatte Jahre gedauert, bis er gelernt hatte, den Moment zu erkennen, wenn er sich ankündigte – etwa am Geruch eines Raumes oder im Rumpeln eines Dieselbusses, der unter einer Wohnung vorbeifuhr, und er wusste, dass er dieses Ereignis schon einmal erlebt hatte und dass das, was gleich passieren würde, etwas war, das bereits geschehen war, in der Vergangenheit, in einem Traum.“

Er glaubt den Tod seines Kindes zu sehen

So ist auch die erste Begegnung mit Sandy Sheeler keine Überraschung für ihn: Winkler hat die junge Bankangestellte, die später die Mutter seiner Tochter Grace werden soll, bereits im Traum gesehen. Fatal wird es jedoch, als der junge Vater den Tod des Kindes vorauszusehen glaubt. Grace, so sein immer wiederkehrender Traum, ertrinkt während einer Überschwemmung in seinen Armen. „Winkler schnappte nach Luft. Er hatte seine Brille verloren, konnte aber erkennen, dass Graces Mund offenstand. Ein dunkles Loch. Ihr Haar war nass, das gelbe Mützchen verschwunden. Ihr Gesicht hatte seine frische Farbe verloren und sah wie gelbliches Wachs aus.“

Winkler flieht, so weit er kann. Ohne Geld, ohne Plan strandet er auf einer kleinen Insel in der Karibik – und bleibt 25 Jahre. Seine Briefe an Sandy kommen ungeöffnet zurück. „Komm nicht zurück. Schreib nicht. Denk nicht einmal daran. Du bist tot.“ Mehr hat Sandy dem abtrünnigen Ehemann nicht zu sagen. Erst als knapp 60-Jähriger kehrt er zurück nach Alaska. Sandy ist gestorben, die gemeinsame Tochter unauffindbar.

Doerr nimmt sich Zeit beim Erzählen. Und Zeit muss auch der Leser mitbringen, um sich anzufreunden mit diesem wunderlichen, bindungsgestörten Mann namens Winkler. Zurück in den USA, beginnt er nach Grace zu suchen. Sie lebt, dessen ist er sich inzwischen sicher, der Fluch des Traums ist gebrochen. „Sie haben es abgewendet“, macht ihm vor seiner Abreise in die Heimat ein Bekannter Mut. „Begreifen Sie es? Vielleicht haben Sie den Traum mit Ihrer Tochter verändert.“

Winkler reist kreuz und quer durch ein Land, das ihm fremd geworden ist, und büßt alles ein: sein Geld, seinen Besitz, seine Brille, ohne die er verloren ist. Erst in der Eiseskälte Alaskas gesundet er mit Hilfe von Naaliyah, einer jungen Wissenschaftlerin, die er seit ihrer Kindheit kennt.

Der Weg des David Winkler zurück ins Leben ist eine lange, beschwerliche Reise. Doerr beschreibt sie mit einer fast schmerzhaften Genauigkeit. Hier und da hätte eine Straffung des Textes, das Streichen manch überflüssiger Passage dem Werk sicher gut getan. Indes: Doerr ist ein guter, ein fantasievoller Erzähler, der Lust hat am Spiel mit der Sprache. Was wiederum über die eine oder andere Länge hinweghilft. Sicher, dem Werk fehlt die Brillanz von „Alles Licht, das wir nicht sehen“. Doch ein gutes, ein interessantes und lesenswertes Buch ist dieser Debütroman allemal.

Anthony Doerr: Winklers Traum vom Wasser. Roman. A. d. Engl. von Judith Schwaab. C.H.Beck 2016. 487 Seiten, 19,95 Euro.

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