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Gedenken in Lidice.
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Gedenken in Lidice.

Gerald Kersh

Hundert Blumen am Himmel

  • VonKatharina Granzin
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Nach mehr als 70 Jahren endlich auf Deutsch: Der große Lidice-Roman des Briten Gerald Kersh.

Warum nur kennt kein Mensch diesen Autor? Die Geschichte, auch die Literaturgeschichte, ist oft ungerecht. Zu Lebzeiten hatte der 1911 in England geborene Gerald Kersh zeitweise großen Erfolg als Autor, unter anderem als Verfasser von Genreromanen. Doch auch in der Originalsprache war Kersh nach seinem frühen Tod (er starb 1968) lange Zeit vergessen, und im deutschsprachigen Raum vollkommen unbekannt. Der kleine Berliner Verlag Pulp Master hat nun einen Roman auf Deutsch herausgebracht, in dem Kersh ein besonders furchtbares Kapitel aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs zu einer Erzählung verdichtet, die das Geschehen intensiv und überdeutlich miterlebbar macht.

„Die Toten schauen zu“ ist die erste deutsche Übersetzung von „The Dead Look On“, 73 Jahre nach der englischen Erstausgabe. Gerald Kersh, der selbst auch als Soldat gegen die Deutschen kämpfte, schrieb den Roman 1943. Da lag das Massaker von Lidice noch nicht lange zurück.

Lidice hieß einst ein Dorf unweit der tschechischen Hauptstadt Prag. Am 10. Juni 1942 wurde es durch die deutsche Ordnungspolizei (nicht durch die SS, wie lange Zeit überliefert) vollständig zerstört. Alle männlichen Bewohner wurden erschossen, die weiblichen in KZs gebracht, alle Kinder in getrenntem Transport weggeschafft. Die meisten von ihnen wurden vergast, ein paar wenige zur „Arisierung“ ausgesondert. – Das Lidice-Massaker war ein terroristischer Vergeltungsakt der Besatzer als Reaktion auf das Attentat auf Reinhard Heydrich. Man wollte ein Exempel statuieren, ein maximal abschreckendes Beispiel schaffen. Bis heute hat sich nicht klären lassen, warum es gerade Lidice traf.

Das Dorf in Kershs Roman heißt nicht Lidice, sondern Dudicka. Kein Heydrich wird zu Beginn erschossen (in Wirklichkeit war es eine Bombe), sondern ein von Bertsch. „Die Toten schauen zu“ ist kein dokumentarischer Roman. Kersh verarbeitet nicht Zahlen, Daten und Namen, sondern die schicksalhafte Essenz des Ereignisses. Er beschreibt einen unbeschreiblichen Vorgang, den todbringenden Überfall eines übermächtigen Gewaltapparats auf wehrlose Menschen, so wie er sich aus der Perspektive jener darstellt, die dabei sind.

Die Liebe. Das schlimme Ende

Zwei Dinge stehen am Anfang seiner kleinen Geschichte, und nur das eine trägt das schlimme Ende schon in sich: So kurz und lakonisch das Attentat auf den deutschen Funktionär von Bertsch beschrieben wird, so gigantisch sind die Folgen, die es haben wird. Der andere Anfang der Geschichte hat mit Liebe, und daher paradoxerweise mit Hoffnung, zu tun. Zwei junge Leute, Max und Anna, die – er als dessen Neffe, sie als adoptierte Tochter – gemeinsam im Haus des gütigen alten Dorflehrers aufgewachsen sind, entdecken just an jenem schicksalhaften Morgen ihre tiefe Zuneigung füreinander. Verzaubert durch das neue Gefühl, deuten sie die Zeichen der Zeit ganz im Sinne ihrer Hochgestimmtheit, als sie in den Morgenhimmel blicken: „Eine zweite Blume erblühte, dann drei weitere, dann fünfzig, dann hundert. Sie verharrten in der Luft, bevor sie herabsanken. Anna sagte: ‚Gott weiß, dass ich dich liebe, also wirft er Blumen herab.‘“ – Eine berührende emotionale Exaltiertheit liegt über dieser Szene. In Wirklichkeit handelt es sich bei den Himmelsblumen um Fallschirme, an denen die Nazis abspringen. (In der Romanwirklichkeit. Es kann so natürlich nicht gewesen sein.) Es ist eine in ihrer romantischen Ästhetik unheimliche, dabei ungemein wirkungsvolle Szene, die exemplarisch für Gerald Kershs erstaunliche Fähigkeit steht, emblematische Bilder zu finden, um die Ungeheuerlichkeit des Geschehens zu fassen.

Während Anna und Max in den Wald fliehen und sich in einer Höhle verstecken, nimmt im Dorf das Unvorstellbare seinen Gang. In drei Gruppen von Männern, Frauen und Kindern getrennt, begreifen die Dorfbewohner allmählich, dass ihr Schicksal bereits besiegelt ist. Kersh verdichtet die Ereignisse, entwickelt eindrucksvolle Nebenfiguren, zeigt ganz nebenbei eine allgemein menschliche Gut-Böse-Ambivalenz, die auf Opfer- wie auf Täterseite vorhanden ist. Sogar die deutschen Soldaten gestaltet er differenziert, zeigt tumbe Mörder ebenso wie solche, die sich selbst in einer ihnen unerträglichen Lage gefangen fühlen. In der Figur des Nazi-Funktionärs Horner (der, wie Herausgeberin Angelika Müller im Nachwort erläutert, Himmler nachempfunden wurde) entwirft er das expressive Porträt eines mit sadistischer Lust mordenden Bürokraten.

Die poetische Expressivität dieses Romans, die über die Jahre nichts an Wirkung verloren hat, wirkt beim Lesen in zwei entgegengesetzte Richtungen. Zum einen steigert sie die verzweifelte Empathie mit den Figuren. Zum anderen ist dabei auch ein Effekt ästhetischer Überhöhung wirksam, der das Geschehen fast ein wenig ins Surreale entrückt. Es ist, als wäre man gleichzeitig ganz dicht dran und ganz weit weg. Was soll man noch sagen: Ja, es ist furchtbar. Und furchtbar grandios geschrieben.

Gerald Kersh: Die Toten schauen zu. A. d. Engl. v. Ango Laina und Angelika Müller. Pulp Master, Berlin 2016. 200 S., 12,80 Euro.

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