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Leben mit Hund.
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Leben mit Hund.

Gerbrand Bakker „Jasper und sein Knecht“

Hund ohne Herr

Der niederländische Romancier Gerbrand Bakker als Tagebuchautor: „Jasper und sein Knecht“. Ein Nebenprodukt, aber ein feines.

Von Ulrich Seidler

Man nimmt das Buch „Jasper und sein Knecht“ als Nebenprodukt in die Hand und findet bald auch Hinweise in dem mit fast schon zudringlicher Aufrichtigkeit geschriebenen Text, dass der niederländische Romanautor Gerbrand Bakker es auch selbst als solches ansieht. Aber dann kann man es nicht mehr weglegen.

Es ist das über ein Jahr geführte Tagebuch eines Schriftstellers, der sich ein Haus in der Eifel herrichtet, der sich einen schwierigen Hund angeschafft und sich mit den lästigen, aber auch unspektakulären Obliegenheiten des Autorenlebens – reisen, Kontakte pflegen, Interviews geben – herumzuschlagen hat.

Und selbstverständlich schreibt er auch. Zum Beispiel über die Vögel in seinem Futterhäuschen, die Rhabarberstaude in seinem Garten, über Tierarztbesuche, über seine Lebenserinnerungen, Familiengeschichten, über seine Homosexualität, seine inzwischen weniger heftig schwankende seelische Verfasstheit und in großer Unverbindlichkeit über seine neuen Nachbarn.

Je länger man hinschwimmt auf der Oberfläche der mit kühlem Ton abgeschilderten, mittelbedeutsamen Ereignisse sowie der zweitverwendeten Blogs und Zeitungsbeiträge, desto bohrender melden sich die Fragen des Widerstands beim Lesen – desto getroffener ist man also: Warum erzählt Gerbrand Bakker mir das? Was geht mich das an? Und auch: Ist das alles? Kommt da noch etwas? Ja, doch, es kommt.

Bakker hat leise Romane von großer Wucht und Tiefe geschrieben, durchaus mit einer autobiografischen Grundierung – geht ja gar nicht anders. In „Oben ist es still“ sperrt ein Bauer seinen Vater auf dem Dachboden ein und kann sich, während jener stirbt, aus seiner aufgezwungenen Lebensrolle befreien. In „Umweg“ ist es die Hauptfigur, die sterben muss, sich in ein Haus in der walisischen Einsamkeit zurückzieht und eine seltsame letzte Liebe mit poetischem doppelten Boden erlebt.

In „Jasper und sein Knecht“ legt Bakker nun den Gedanken nah, dass er sich selbst mit dem Schreiben dieser Romane gerettet hat und fragt: „Warum schreibe ich keine Romane mehr? Woher mein Widerwille gegen das, was ich bei anderen Autoren als eingebildet empfinde, überhaupt so ungefähr gegen alles, was mit der Literaturszene zu tun hat? Vielleicht müsste man aber eine andere Frage stellen: Warum keine Notwendigkeit des Durchschleppens, kein Bedürfnis danach? Liegt es einfach am Citalopram? Ist es so simpel?“

Citalopram erhöht die Serotonin-Konzentration in der Gewebeflüssigkeit des Gehirns, es ist ein Antidepressivum, das zur Aufhellung der Stimmung verabreicht wird.

Bakker wurde 1962 in dem nordholländischen Städtchen Wieringerwaard geboren und ist aufgewachsen auf einem Bauernhof. Er hat Germanistik, Niederlandistik und Musikwissenschaft studiert, war als Eisschnellläufer aktiv, verfasste ein etymologisches Wörterbuch für Kinder, einen Jugendroman und hat ein paar Jahre als Verfasser von Untertiteln für Naturfilme gearbeitet. 1999 gab Bakker diesen Job auf, lebte daraufhin von Arbeitslosengeld und begann im Alter von knapp vierzig Jahren eine Gärtnerausbildung. 2006 bekam er sein Diplom, im selben Jahr erlebte er mit dem Roman „Oben ist es still“ seinen literarischen Durchbruch.

Der Roman, dessen Manuskript von etablierten niederländischen Verlagen nicht angenommen wurde, erschien im neuen Verlag Cossee von Eva Cossée und Christoph Buchwald, wurde 2008 ins Deutsche übersetzt und erhielt unter dem Titel „The Twin“ 2010 den mit 100 000 Euro dotierten International Impac Dublin Literary Award. Von dem Geld hat sich Bakker im Dezember 2012 das besagte Haus in der Eifel gekauft. Das Tagebuch setzt zwei Jahre später ein.

Verglichen mit seiner verdichteten Romansprache wird hier eher geplappert. Bakker genießt offenkundig die öffentliche Zuwendung, beschwert oder freut sich über Rezensionen zu seinen Büchern, holt bisweilen Privates ans Licht, das man beim Lesen seiner Romane nun wohl nicht mehr aus dem Kopf kriegen wird. Es ist ein Herumreden, ein Alltagsbahnenziehen um die Gravitation des Lebenskerns, an den seine Romane rühren – und zu dem man im Alltag lieber Sicherheitsabstand hält.

Anders als in seinen vieldeutigen Romanen tut Bakker in dem Tagebuch so, als hätte er kein Interesse für die Metaphorik des Gärtnerns, der Tierpflege, des Ausbauens, Einmauerns und Hausbestellens. Als sprächen diese Verrichtungen auf einmal nur für sich. Um so unauffälliger entfaltet sich die seelische Wirkung. Die Zuwendung zu seinem Hund Jasper, den unerklärliche Krankheiten plagen, der immer wegläuft, Teppiche vollpinkelt und bis kurz vor Schluss irgendwie ungern Bakkers Gefährte zu sein scheint – dieser Hund steht dann da wie ein Fanal der herzzerreißenden Einsamkeit.

„Wenn ich noch einmal einen Roman schreibe“, so Gerbrand Bakker, „tue ich es für mich selbst.“ Wie tapfer. Als könne er seinen Kummer nicht mit uns Lesern teilen.

Gerbrand Bakker: Jasper und sein Knecht. A. d. Niederländ. von Andreas Ecke. Suhrkamp, Berlin 2016. 448 S., 24 Euro.

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