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Manchmal nutzt alles Gold nichts.

Joe Ide „IQ“

Der Hund von Los Angeles

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Ein junger Sherlock kombiniert in den USA: „IQ“ heißt der lässige und sehr schnelle Debüt-Thriller von Joe Ide, und wenn der Held so weiter macht, reicht es beim nächsten Mal nur noch für eine Short Story.

Arthur Conan Doyles Sherlock-Holmes-Geschichten waren die Lieblingslektüre des im berüchtigten South Central Los Angeles aufgewachsenen, japanischstämmigen Joe Ide, wie er auf seiner Homepage schreibt. Der Einfluss des berühmten Briten auf Ides Debütroman „IQ“ ist nicht schwer auszumachen – es wird nach Strich und Faden geknobelt, -tüftelt, deduziert –, der detektivische Held und sein Milieu unterscheiden sich freilich sehr vom Vorbild.

Isaiah Quintabe ist herrlich schnell von Kapee, da wird er bald nur noch I. Q. genannt von seinen dankbaren Kunden. Der schlaksige junge Mann muss zwar auch mal sportlich und regelrecht wagemutig sein – der Roman beginnt zum Beispiel mit der rasanten Verfolgung des Bootes eines Pädophilen (hat eigentlich schon jemand die Filmrechte an „IQ“ erworben?) –, doch überwiegend findet die Ermittlungsarbeit eben in Isaiahs klugem Kopf statt.

Das Ausgangsrätsel, das Ide ihm und den Lesern stellt: Ein steinreicher Rapper entkommt in seiner bewachten Villa nur knapp einem riesenhaften Pitbull (schlimmer als der Hund von Baskerville!), der offenbar darauf trainiert ist, ihn zu töten. Aber wie kann das sein, wie kann das Tier aus der Ferne auf sein Opfer gelenkt werden? Der Rapper Black the Knife jedenfalls hat danach so gar keine Freude mehr an seinem ganzen Bling-Bling, ihm fallen nur noch jammerige Texte ein. Der Produzent, mit dem er einen Vertrag über drei Alben abgeschlossen hat, ist selbstredend besorgt. Sein bestes Macho-Pferd im Stall ein Häufchen Elend?

I. Q. macht sich an die Arbeit, will vom Hund auf den Mann kommen, ruft einen befreundeten Züchter an, der hört sich seinerseits um.

Der Fall des Goldketten-Rappers mäandert durch das Buch, aber Joe Ide erzählt ausführlich aus dem (Vor-)Leben Isaiahs, eines jungen schwarzen Mannes aus den Hoods von L. A., der nicht nur beinahe, sondern tatsächlich eine kriminelle Laufbahn einschlägt, nachdem sein großer Bruder Marcus ums Leben kommt. Zusammen mit dem Gauner und Drogenhändler Dodson bricht Isaiah des Nachts Läden auf. Sie nehmen die teuren Dinge mit, seien es auch spezielle Angelruten. Auf moralisch korrekte Art nutzt Isaiah seine Pfiffigkeit erst, als ihm im Wäschekeller eine alte Frau ihr Herz ausschüttet: Die Hochzeitsgeschenke ihrer Tochter wurden geklaut (nein, das waren nicht I.Q. und Dodson). Der junge Mann zeigt, was er außer Einbrechen sonst noch kann.

Joe Ide steckt zwischen die Hauptstränge seines Romans auch noch manch andere Geschichte, etwa die des Musikproduzenten Bobby. Lässig, ironisch, manchmal herb witzelnd ist sein Ton, es gibt den „Nigga“-Schlagabtausch, die „Schlampe“-Beleidigungen und die coolen Beobachtungen von I. Q. Inwieweit die Sprache authentisch ist, ist natürlich schwer zu beurteilen.

„IQ“ war in den USA schon erfolgreich und soll der Anfang einer Thriller-Reihe sein. Isaiah und sein Sidekick Dodson (auch er halbwegs bekehrt) sind durchaus Figuren, über die man sich vorstellen kann ein weiteres Buch zu lesen. Allerdings ist ja nun ihre mit allerlei, auch berührenden Schlenkern interessierende Vorgeschichte auserzählt. Vielleicht wird I.Q. etwas langsamer von Kapee sein müssen, sonst reicht’s nur noch für eine Short Story.

Joe Ide: IQ. Thriller. A. d. Englischen von Conny Lösch. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016. 388 Seiten, 14,95 Euro.

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