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Jewgeni Jewtuschenko, hier 2015 auf einer Moskauer Bühne.
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Jewgeni Jewtuschenko, hier 2015 auf einer Moskauer Bühne.

Jewgeni Jewtuschenko

Hühnergott und Wolfspass

Paradiesvogel und Polemiker: Zum Tod des russischen Dichters Jewgeni Jewtuschenko, der jetzt in Oklahoma gestorben ist.

Von Jürgen Verdofsky

Im heutigen Russland blieb Jewgeni Jewtuschenko ein Rufer aus einer anderen Zeit, ein Zitat seiner selbst. Seinen letzten großen Auftritte hatte er vor drei Jahren in der Duma mit einer Rede an die Jugend des Landes: „Der Nationalismus wird niemals zum Hauptweg der russischen Seele werden… Wer gab jemandem das Recht, andere zu kränken?“ Wie wird man alt, mitten im Schwarm, erfolgreich und gefeiert, wenn der Nationalismus überkocht?

Wird sein Gedicht von 1961, „Meinst Du, die Russen wollen Krieg“, noch gelesen? Jewtuschenko ging nach Oklahoma. Hier starb er am 1. April in Tulsa mit 84 Jahren, ein Sterben am falschen Ort.

1932 in Sibirien geboren, wird der Krieg zum „Kindergarten meiner Generation“. 1961 durchbricht der junge Dichter Grenzen. Mit dem Poem „Babi Jar“ erinnert er an die 33 000 Juden, die von deutschen SD-Einsatzgruppen in einem Abgrund bei Kiew ermordet wurden. Ein Tabu ist gebrochen. Jewtuschenko gibt den Opfern, die in der Amtssprache nichts als Sowjetbürger sind, ihre jüdische Identität zurück. Schostakowitsch vertont das Gedicht, Celan dichtet es nach.

Ein Lyriker, der Stadien füllt

Im Westen wird der Dichter zu einer Leitfigur des „Tauwetters“, Kopf einer Dichter-Generation: Okudshawa, Axjonow, Wosnessenski und Bella Achmadulina, Jewtuschenkos erste Ehefrau. Lyriker, denen volle Säle erlaubt sind. Sie glauben, mit Vernunft und großen Worten den Lauf der Welt beeinflussen zu können. Tumult, Jugendgebärde, Funktionärsschreck. Jewtuschenko füllt mit seinen Gedichten Stadien. Paradiesvogel, Polemiker und Provokateur. Für nicht wenige ein wiederauferstandener Majakowski. Wie dieser hält er nichts von der Askese seiner Zeit. Seine Liebesgeschichte „Der Hühnergott“ wird Jugendkult. Ein Hühnergott ist ein Glücksbringer der Krimtataren, ein Meeressteinchen mit einem Loch, etwas für Liebende.

Aber Ruhm ist flüchtig. Früh erlebt Jewtuschenko die Unruhe eines Mannes, dem keiner mehr zuhört. Sein erster Roman „Wo die Beeren reifen“ (1981) lässt niemanden mehr an Majakowski denken. Der Roman „Stirb nicht vor deiner Zeit“ (1994) befreit sich nicht vom koketten Selbstbild. Sein Alter Ego rezitiert vom Balkon des Moskauer Weißen Hauses Verse gegen die Putschisten. Der Roman geht in den Turbulenzen der russischen Veränderungen unter.

Dann setzt Jewtuschenko als Ausgleich für ungeschriebene Bücher das eigene Leben: „Der Wolfspass. Abenteuer eines Dichterlebens“ (1998). Ein „Wolfspass“, den er sich selber ausstellt, diese Kennung der Aussätzigen und Dissidenten, leitet er von einem Schulverweis ab.

Mehr ist nicht zu finden bei einem Dichter, der gern bis an die Grenzen geht, aber nicht darüber hinaus. Sonst hätte es für ihn nicht jenen anderen Pass gegeben, mit dem er schon als Jungdichter wie ein Diplomat den Westen bereist, als eine Achmatowa noch bangen muss, ihre Ehrungen in Oxford empfangen zu dürfen. Er trifft nicht nur Castro, sondern auch Robert F. Kennedy, Nixon und Kissinger. Die eingenommene Doppelrolle Dissident und Diplomat erfordert einiges an Erzählkunst. Immer bleibt er „stolz, nicht Beobachter, sondern Teilnehmer dieses Kampfes um die Zukunft zu sein“. Aber dann läuft alles auf ein unbestimmtes Ende zu. In den letzten Jahren hat Jewtuschenko etwas verloren, nicht unbedingt sein Selbstvertrauen, vielleicht aber seine literarische Bestimmung.

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