Hübsche Kaffeeflecken

Nora Bossongs angenehm überreiztes Erzähldebüt "Gegend"

Von PAUL BRODOWSKY

Unerträglicher Stillstand. Eine Gruppe von Menschen, eingeschlossen in einem Garten. Sie umschleichen einander, beschimpfen sich, es ist Sommer, irgendwo im Süden, Frankreich vielleicht, die Sonne brennt herunter. Zwischendrin Momente einer müden, fast klebrigen Erotik, wenn sich zwei der Eingeschlossenen zueinander hingezogen fühlen und in den Rhododendronbüschen verschwinden.

Das ist der Grundzustand in Nora Bossongs Debütroman Gegend, eine seltsam überreizte, spannungsvolle Handlungsarmut. Die Ich-Erzählerin ist mit "dem Vater" im Urlaub, um ihre Halbschwester Marie zu besuchen, das Kind einer früheren Geliebten des Vaters. Maries Mutter betreibt eine heruntergekommene Pension; als der Vater und die Ich-Erzählerin eintreffen, ist die Pensionsbesitzerin verschwunden. Derweil kümmern sich die vierzehnjährige Marie und ihr jüngerer Bruder um die wenigen Gäste. Neben den Geschwistern lungert Lo auf dem Grundstück herum, eine zwielichtige Schönheit unbestimmten Alters: "Sie lag auf dem Rücken, das Braun ihrer Brustwarzen schimmerte durch den Stoff ihres Kleides, es sah aus wie zwei Kaffeeflecken." Und dann hängt noch Jakob auf dem Gelände ab, halbe Tage verbringt er trommelnd im Obstgarten, abends grillt er Fleisch am Lagerfeuer.

Alles klar? Nur halb.

Viel mehr passiert zunächst nicht. Und als Leser braucht man eine Weile, bis man die vielen Figuren auseinanderhalten kann, zumal sich die Erwachsenen wie Kinder verhalten und die Halbwüchsigen wie Erwachsene gebärden. Aber von Beginn an spürt man zwischen den Figuren ein Netz aus untergründigen Beziehungen: "Jakob steckte ihr mit einer Gabel einige Bissen in den Mund, dann drückte sie ihn von sich weg. Sie griff die Schulter des Jungen und zog ihn zwischen sich und Jakob. Ohne die Augen zu schließen küsste sie ihn auf den Mund. ‚Der ist zu jung für dich', sagte Jakob und lachte. Dann musterte er den Vater."

Nach und nach wird dem Leser klar, dass es sich bei den vermeintlichen Gästen Lo und Jakob um weitere Mitglieder der Familie handelt. Im Nebenbei gelingt Bossong das Portrait einer zeitgenössischen Patchwork-Familienkonstellation: die Verwandtschaftsverhältnisse nur halb geklärt, die Rollenzuschreibungen fast ganz aufgelöst.

Maßgeblich für die konstante Spannung des Buches ist Bossongs feinsinniges Verfahren eines Poetischen Realismus'. In den Text sind zahlreiche Spiegelungen und Verweise eingewoben, Metaphern und Kippfiguren, die sich nie aufdrängen und sich teilweise erst auf den zweiten Blick erschließen. Dazu gehören die Katzen, die sich schneller vermehren, als Marie ihnen den Kopf umknicken kann, dazu gehört das Grundstück, der Garten, eine Art hortus conclusus, von dem es immer wieder heißt, dass man ihn nicht verlassen könne: "In ihrem gleichmäßigen Schaukeln bildeten die Rhododendronzweige eine geschlossene Fläche, es sah nicht aus, als hätte man einen einzelnen herausbrechen können."

Mehrmals meint die Ich-Erzählerin, einer der anderen Figuren beweisen zu müssen, dass sie diesem Familienhort entfliehen kann; aber jedes Mal bricht sie diese Versuche wieder ab, sie erscheinen ihr plötzlich lächerlich. Erst ganz zum Schluss, nachdem die Ich-Erzählerin fast beiläufig mit Maries Stiefvater geschlafen hat und sie ihren Vater mit Maries Mutter in dem alten Campingwagen am See überrascht, erst nach diesen Initiationserlebnissen ist der Bann gebrochen, kann die Ich-Erzählerin den Garten (und damit ihre Familie) verlassen, in die Welt aufbrechen.

Auffallend an diesem Debütroman ist die wahrnehmungsgesättigte, teils fast überschießende Sprache: "Es fiel mir schwer zu atmen. Die heiße, stickige Luft fühlte sich an wie eine gallertartige Masse, kein Insekt gab es mehr darin. Kein Geräusch. Ich nahm nicht den Pfad ums Haus, sondern hielt mich im Schatten der Wände. Die Metallstange glänzte wie ein Schnitt in einer Leinwand, durch den grelles Licht fiel." An dem erfrischend eigenwilligen Ton, der poetischen Doppelbödigkeit, wird die Lyrikerin Bossong erkennbar - deren erster Gedichtband im Frühjahr erscheinen wird.

Mit ihrer sozusagen zitternden Poetik des Stillstands hat die Autorin ein spannungsreiches Verfahren gefunden, lyrische Qualitäten für einen Roman fruchtbar zu machen. Und durch ihren weitgehenden Verzicht auf angloamerikanische, psychologische Erzähltechniken hebt sich Bossong weit von der literarischen Dutzendware vieler junger Autoren der letzten Jahre ab. Gegend ist eines der überzeugendsten Erzähldebüts des soeben vergangenen Jahres.

Nora Bossong: Gegend. Roman. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt / M. 2006, 128 S., 16,90 Euro.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion