Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Howard Jacobson.
+
Howard Jacobson.

Roman

Howard Jacobson „Rendezvous...“: Zimperlein und die furchtbare Frau

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
    schließen

Howard Jacobsons fabelhaft lustiger und trauriger Roman über zwei alte Menschen und ihre Zuneigung.

Der Brite Howard Jacobson wurde 1942 in Manchester geboren. Mit Fug und Recht kann man also seinen 2019 unter dem Titel „Live a little“ erschienenen, nun als „Rendezvous und andere Alterserscheinungen“ übersetzten Roman ein „Alterswerk“ nennen. Eines, das die Fülle von Jacobsons Formulierungskunst und -list ausbreitet, seines Witzes und seiner feinen Ironie, seiner Fähigkeit, memorable Figuren zu erschaffen. Die beiden hier zentralen Charaktere haben die 90 überschritten, aber es wäre ein Fehler, sie für uninteressant, gar nur müde und harmlos zu halten. Oder, Gott bewahre, für „niedlich“, ein Wort, das tatsächlich im Zusammenhang mit der weiblichen Hauptfigur fällt. Die hat im Gegenteil Haare auf den Zähnen – und sie haben sich, anders als ihr Gedächtnis, noch nicht gelichtet.

Beryl Dusinbery weiß, dass ihr Leben oder vielmehr die Erinnerungen an ihr Leben mittlerweile „zu drei Fünfteln eine Leerstelle“ sind. Besonders mit der Sortierung und Benennung ihrer Männer und Söhne hat sie Probleme. Wie könnte man das deuten? Shimi Carmelli wiederum leidet am hyperthymestischen Syndrom, das heißt, er erinnert sich an praktisch alle Details aus seinem Leben. Die alten Damen, die ihn als Kartenleger schätzen (er sagt ihnen die Zukunft voraus – und warum denn nicht), kann er damit verblüffen. Ihn selbst quälen viele dieser Erinnerungen, besonders jene eine, in der er als Kind eine voluminöse Unterhose seiner Mutter aus dem Schmutzwäschekorb fischte und anzog. Was mag da in ihn gefahren sein? Die Scham darüber wird ihn bis an sein Lebensende begleiten.

Erst nach mehr als 200 Seiten, in Buch zwei, werden sich Beryl und Shimi begegnen, feststellen, dass sie sich viel zu sagen haben, wird Shimi Tag um Tag die Straße überqueren und Beryl besuchen, so dass sich irgendwann Beryls Politiker-Söhne – einer bei den Tories, einer Labour – dafür zu interessieren beginnen werden, wer dieser Mann ist und ob er womöglich noch ihr Stiefvater werden wird. Folgt Buch drei, ein von Beryl gewünschtes „Kennenlern-Bankett“ für die Familie.

Ein Paar wie Feuer und Wasser, eigentlich. Da ist die bissige, auch ihrer beginnenden Demenz resolut, mit haufenweise Notizen begegnende Beryl Dusinbery – „Sie ist ihr ganzes Leben lang eine furchtbare Frau gewesen“. Und ist es noch, immer mal zu ihren Pflegerinnen und Haushälterinnen Nastya und Euphoria. Und da ist auf der anderen Seite Shimi Carmelli, der stets den Eindruck macht, sich am liebsten unsichtbar machen zu wollen (Kartentricks kann er ja schon): „Alles, was er tut, tut er geflissentlich.“

Das Buch:

Howard Jacobson: Rendezvous und andere Alterserscheinungen. Übers. J. C. Maass. Klett-Cotta 2021. 400 S., 24 Euro.

In seinem Alter, findet er, „sollte man nichts dem Zufall überlassen“. Die Kleidung nicht und auch nicht die Spazierwege. Letztere schon deswegen nicht, da ihn oft ein plötzlicher Harndrang plagt. An der Karte Londons interessieren ihn mehr oder weniger nur noch die Standorte öffentlicher Toiletten. Er geht zum Arzt, der schreibt ihm Tabletten auf und rät ihm, er solle halt im Park spazieren gehen, dort könne man zur Not immer an einen Baum pinkeln. Aber Shimi weiß, dass ihm dieser Rat nicht helfen wird, denn er war und ist „Zimperlein aus Klein-Stanmore“.

Zimperlein Shimi Carmelli trifft also auf der Beerdigung seines Bruders Ephraim „Prinzessin“ Dusinbery (so beliebt sie sich selbst zu nennen), ein schüchterner Pedant trifft eine herrische Diva – und Jacobson macht plausibel und spannend, wie die beiden sich finden und was sie aneinander finden. Sie wünschen sich Unterhaltung. Geistreiche, wenn es geht. Um dabei jedem Missbehagen aus dem Weg zu gehen, sind sie bereit, Grundregeln aufzustellen und diese zu befolgen, auch für eine möglicherweise nur sehr kurze Beziehung.

„Bei Wortfindungsproblemen wird jeder dem anderen kommentarlos helfen“, lautet Regel Nummer eins. Nummer drei, weil sie sich nicht gegenseitig langweilen wollen: „Vergesslichkeit hin oder her: Wiederholungen werden nicht toleriert.“ Punkt sieben und auch schon letzter: „Sie wird nicht zu seiner Beerdigung gehen. Und er nicht zu ihrer.“

Natürlich geht es auch um den Tod in diesem Roman, schließlich sind seine Hauptfiguren sehr alt. Schließlich hat Shimi früh seine Mutter an den Krebs verloren, Beryl den ein oder anderen Mann (so ganz genau will sie es gar nicht mehr wissen), auch einen Sohn, den ersten. Meisterhaft unsentimental formuliert Jacobson, manchmal ein bisschen spöttisch, nie herzlos. Und sowieso erzählt er, wenn er von den beiden Alten erzählt, auch von dem Buben, der am Krankenbett seiner erblindeten Mutter sitzt und vor Angst und Grauen nicht piep sagt; von der jungen Frau, die die Hosen anhaben musste für zwei und nicht fassen konnte, dass ihr zarter Harris nur eine Woche nach Ankunft im Krieg getötet wurde, dass er so „mit fürchterlicher Mühelosigkeit“ aus ihrem Leben schlüpfte.

Ein bisschen, „a little“ wollen sie noch leben, zusammen, und indem sie aufeinander achtgeben. Mehr braucht es nicht.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare