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In Houellebecqs Roman übertrumpft Halal-Essen Bio schnell. Diese Halal-Burger stehen in Paris zum Verkauf.

Michel Houellebecq "Unterwerfung"

Houellebecqs Satire

Frankreich unter dem Islam: Michel Houellebecqs Roman "Unterwerfung" erscheint am Freitag auf Deutsch. Dieses Buch lässt einen nicht unberührt. Es fesselt vor allem durch den Plot und seine kalte Intelligenz.

Von Cornelia Geissler

François interessiert sich nicht für Politik. Aber der Roman, in dem er als Ich erzählt, ist an politischer Symbolkraft nicht zu überbieten. „Die Unterwerfung“ von Michel Houellebecq kam am Tag des Mordanschlags auf die Mitarbeiter von „Charlie Hebdo“ in Frankreich heraus. In Deutschland erscheint der Roman am Freitag in einer Auflage von 100 000 Exemplaren. Houellebecq will ihn trotz seines Rückzugs aus Paris am nächsten Montag in Köln vorstellen. Man liest das Buch unter dem Eindruck der Ereignisse, aber auch mit den bewegenden Bildern von der riesigen Demonstration in Paris vom Sonntag im Kopf. Es spielt im Jahr 2022, da der Spitzenkandidat der muslimischen Bruderschaft neuer Präsident Frankreichs wird und das Land islamisiert. Gerade Frankreich, das Mutterland der freien Bürger.

Das erleben wir durch die Augen jenes François, dessen Name so sehr nach seinem Land klingt. Er ist mittleren Alters, 44, und ein mittelmäßiger Literaturwissenschaftler an der Pariser Sorbonne. Er bändelt jedes Jahr neu mit einer seiner Studentinnen an, hat ein paar Kontakte zu Kollegen, aber keine Freunde. Er raucht viel und trinkt noch mehr. Er ist unsympathisch wie die meisten von Houellebecqs Helden. Und doch macht sich der Autor den Leser früh zum Komplizen – den Leser, der nicht nur auf der Suche nach dem Skandal in diesem Buch ist.

Denn Houellebecq schreibt: „Allein die Literatur vermittelt uns das Gefühl von Verbundenheit mit einem anderen menschlichen Geist, mit allem, was diesen Geist ausmacht, mit seinen Schwächen und seiner Größe, seinen Grenzen, seinen Engstirnigkeiten, seinen fixen Ideen, seinen Überzeugungen…“ Und der Autor „ist zuvorderst ein Mensch, der in seinen Büchern gegenwärtig ist“.

Ewiger Provokateur

François spricht hier zwar über den Gegenstand seiner Dissertation, den Schriftsteller Joris-Karl Huysmans (1848–1907). Der wurde von Oscar Wilde und Stéphane Mallarmé verehrt, sein Werk steht für Egozentrik, für Naturalismus und Dekadenz. Das passt zum Erzähler. Doch preist Houellebecq die Person des Autors auch mit Blick auf die Wahrnehmung seiner selbst. Als er sich in seinem fabelhaften Künstlerroman „Karte und Gebiet“ ermordete, hatte man ihn fast liebgewonnen, diesen ewigen Provokateur. Seit „Ausweitung der Kampfzone“ (1999) schockt er die westliche Ich-orientierte, geldgierige Gesellschaft mit satirisch überzogenen Porträts, die stets irritierend genau geschrieben sind.

Der Umgang mit Migranten aus muslimisch geprägten Kulturen ist in Frankreich ein Problem, an dem Stadtverwaltungen und Regierungen seit Jahren herumdoktern. Es wird von der extremen Rechten genutzt. Houellebecq denkt sich dafür eine politische Lösung aus. Darf ein Autor das? Er schreibt als François: „Sehr viele Intellektuelle hatten im Laufe des 20. Jahrhunderts Stalin, Mao oder Pol Pot unterstützt, ohne dass ihnen das jemals ernsthaft zum Vorwurf gemacht worden wäre“, und fasst zusammen: „der Intellektuelle in Frankreich musste nicht verantwortlich sein, das lag nicht in seinem Wesen.“ Das liegt im Wesen der Meinungsfreiheit.

„Die Unterwerfung“ ist ein typischer Houellebecq-Roman. Der Autor provoziert. Er provoziert nicht zum Steinewerfen, Brandschatzen, Schießen, sondern zum Nachdenken. François beobachtet eingangs, dass entgegen der allgemein schlechten Wirtschaftslage das Verlagswesen Gewinne mache: „Lesen sei das Letzte, was den Menschen in ihrer Hoffnungslosigkeit blieb.“ Wenn er die Gegenwart studiert hätte, wäre ihm einiges eher aufgefallen: „Ich bereute es, das politische Geschehen bislang nur nebenher, nur oberflächlich verfolgt zu haben.“ Die Vorzeichen waren kaum zu übersehen. Der nationalistische Identitäre Block, der ganz nach Pegida-Art „Wir sind das französische Volk“ auf Transparente schrieb, hat seine Anhänger auch an der Universität. Und die Medien (Lügenpresse!) berichteten nicht mehr über Randale junger Moslems, aus Angst, die radikale Rechte weiter zu stärken.

Dieses Buch lässt einen nicht unberührt. Es hat nicht die literarische Größe von „Karte und Gebiet“, dieses brillante Vexierspiel um Markt und Urheberschaft. Es fesselt vor allem durch den Plot und seine kalte Intelligenz, den unemotionalen Blick des Erzählers. Der geht chronologisch vor, im Mittelteil tagebuchartig, wenn François Paris verlässt und aufs Land fährt. Er landet sogar in dem Kloster, in dem einst auch sein Held Huysmans war. Dessen Verhältnis zur katholischen Religion, die ihn reizte und abstieß, wird zur Folie für die Auseinandersetzung mit dem Islam. Währenddessen verhelfen die konservative UMP, die liberale UDI und die sozialdemokratische PS dem Muslimbruder zur Macht. Die Hintergründe erklärt ein Ex-Geheimdienstmitarbeiter François. Ebenfalls dialogisch erläutert später der zum Islam konvertierte Sorbonne-Rektor die neue Ordnung.

Bezahlter Sex

Wie dann in wenigen Tagen alles im Sinne der Muslimbrüder umgekrempelt wird in Frankreich, das ist unübersehbar Satire. Vertraute Läden verschwinden, Halal-Essen übertrumpft Bio, Züge fahren unpünktlicher. Immerhin gibt es noch bezahlten Sex, François wählt Nadiamaghrebina aus dem Online-Katalog. Er trifft auf Kollegen, die nun mehrere Frauen haben – eine fürs Bett, eine für die Küche. Wer sich nicht zum Islam bekennt, verlässt mit hoher Abfindung die Universität. Die Frauen sowieso. Die Ausgaben für Bildung werden drastisch gekürzt. Die Linke in der Regierungskoalition nimmt das mit einem „leichten Zähneknirschen“ hin, wie sie immer alles hinnahm. Doch es ist nicht alles schlecht: Die Arbeitslosenquote sinkt, die Kriminalitätsrate auch. Europa soll sich ausdehnen wie einst das Römische Reich.

Dem Autor vorzuhalten, über eine Islamisierung Frankreichs dürfe man nicht scherzen, ist genauso, wie wenn man den Karikaturisten von „Charlie Hebdo“ Bilderverbote auferlegte. Houellebecq ist so frei, mit diesem Gedankenspiel herauszufordern. Es ist derselbe Autor, der den Kapitalismus, die Forschung und den Kunstmarkt überzeichnete, er ist „in seinen Büchern gegenwärtig“.

Dieser Roman ist sein „1984“, eine böse Vision. Manche Kritiker sagen, er beschreibe ja nur die gemäßigte Version eines islamischen Staates und sei deshalb nur halb so schlimm. Der Skandal besteht vielmehr darin, einen Staat, der sich von den Kirchen so fern hält, dass er Religionsunterricht bisher nur mit Sondergenehmigung zulässt, unter eine Glaubensdoktrin zu stellen.

Als François schließlich konvertiert und sich auf eine Zukunft mit mehreren Ehefrauen freut, erscheint alles im gleißenden Licht der Übertreibung. Da aber wählt Houellebecq den Konjunktiv, die Möglichkeitsform.

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