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Wie bei den Hottentotten

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Historische Aufnahme von Männern, die in einem Dorf auf Sansibar Seile herstellen.
Historische Aufnahme von Männern, die in einem Dorf auf Sansibar Seile herstellen. © Getty Images

Hans Christoph Buch befasst sich im Doku-Roman "Sansibar Blues" mit einem der dunkelsten Flecken dieser Erde. Und plötzlich spiegeln sich die Spuren der Kolonialgeschichte in unserer Gegenwart. Von Martin Lüdke

Von MARTIN LÜDKE

Da ist nicht viel erfunden. Die zweite Realität des magischen Realismus, dem Hans Christoph Buch in seinen frühen Romanen und Erzählungen zu einer deutschsprachigen Präsenz verholfen hatte, dieses Andere der Realität ist hier, in seinem jüngsten Buch, schlichte, man sollte besser sagen, schlechte Wirklichkeit geworden.

Der Held des Romans heißt Afrika. Sein Schauplatz ist Sansibar. Zu dieser Insel im Indischen Ozean führen viele Wege. Von dieser Insel gingen viele Übel aus.

Der Name Sansibar wurde zum Mythos, das Leben dort ist ein einziger immerwährender Alptraum geblieben. Sansibar war der große Umschlagplatz für den Sklavenhandel und für das Elfenbein. Die Insel wurde Austragungsort schauriger Bruder- und Bürgerkriege. Sie war der Ausgangspunkt von Raubzügen, die den afrikanischen Kontinent verwüstet haben. Seit jeher diente sie der Zuflucht vieler zwielichtiger Gestalten.

Die koloniale Vergangenheit wirkt dort bis heute noch fort. Auch die Spuren deutscher Geschichte sind noch immer zu erkennen. Gegen Helgoland hatte das Deutsche Reich einst diesen "Besitz" eingetauscht. Von daher versteht sich, dass Buchs Unterfangen, Sansibar selbst zu erzählen, nicht in einer konventionellen Erzählung aufgehen kann.

Aus getrennten Reservoiren

Sein Roman, schreibt Hans Christoph Buch, der Spezialist für die dunkelsten Flecken dieser Erde, sei ein "System kommunizierender Röhren, das sich aus getrennten Reservoiren speist".

Buch stützt sich also nicht nur auf eigene Anschauung und Erfahrung, die er bei seinen Reisen durch Kenia, Tansania und den Kongo gewonnen hat, er bedient sich auch ordentlich aus den Berichten früher Afrikaforscher und deren einheimischer Führer, ohne die damals keiner der Reisenden auskommen konnte.

Gleich zu Beginn macht sich ein Hans Dampf auf seinen Weg nach Afrika. Es ist die erste Reise des angehenden Diplomaten ins kapitalistische Ausland. Der designierte Geschäftsträger der Deutschen Demokratischen Republik betritt, sein Beglaubigungsschreiben in der Tasche, sozusagen Neuland, für sich wie für seinen Arbeiter-und Bauernstaat. Sansibar hatte als erstes nichtkommunistisches Land die DDR anerkannt.

Der junge, unerfahrene Diplomat trifft zu seinem Schrecken bereits im Flugzeug auf den amerikanischen Kulturattaché. Er weiß weder hier noch später, in all den politischen Turbulenzen, die ihn auf der Insel erwarten, wie er sich verhalten soll. Dieser Mann, Hans Dampf, ist gut erfunden. Die Ereignisse, die ihn überrollen, sind allerdings historisch verbürgt. So kommen wir plötzlich, wenn nicht vom Hundertsten ins Tausendste, doch zumindest von einem ungewöhnlichen Lebenslauf zum nächsten.

Dieses Prinzip wechselnder Perspektiven meint der Autor mit seinen "kommunizierenden Röhren". Zwangsläufig verbinden sich Geschichte und Gegenwart. Lebensläufe werden aufgeblättert. Die Tochter des Sultans von Sansibar hatte einen Deutschen geheiratet und selbst in Deutschland gelebt. Sie verhandelte sogar mit Bismarck, dem deutschen Reichskanzler, weil sich, für einen Augenblick, ihre persönlichen Interessen mit denen des Deutschen Reiches trafen.

Historische Gestalten wie David Livingstone, der englische Missionar und Henry Morton Stanley, der amerikanische Journalist, treten auf. Ebenso wird von Tippo Tipp erzählt, dem Führer, der die beiden quer durch den afrikanischen Kontinent, geleitet hatte.

So spiegeln sich plötzlich die Spuren der Kolonialgeschichte in unserer Gegenwart. Die Vergangenheit ist noch immer lebendig. Buch erzählt Lebensgeschichten. Die einzelnen Schicksale durchdringen und verbinden sich. Randfiguren laufen über die Bühne. Etwa Che Guevara, der damals ebenfalls ein afrikanisches Süppchen kochen wollte und sich dabei die Finger verbrannt hat. Der polnische Reporter Ryszard Kapuscinski geht gleichsam nebenbei k.o. Vieles von dem, was da geschildert wird, erscheint kurios, wenn nicht gar surreal. Gerade die unwahrscheinlichsten Begebenheiten haben sich tatsächlich ereignet. Deshalb entspricht Buchs Dokumentarfiktion der Toyota-Reklame: Nichts ist unmöglich.

Hans Christoph Buch: Sansibar Blues oder wie ich Livingstone fand. Roman. Eichborn Verlag, Frankfurt/M. 2008, 255 Seiten, 28 Euro.

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