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Horst Krüger.

„Das zerbrochene Haus“

Horst Krüger zum 100.: „Die Zeit der schönen Lügen ist vorbei“

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Zum 100. Geburtstag: Schöffling bringt die Jugenderinnerungen des Wahlfrankfurters Horst Krüger wieder heraus.

Er gehört mittlerweile zu den Vergessenen der deutschen Nachkriegsliteratur. Und das ist traurig. Horst Krüger hat sich nicht mit großen Romanen in die Geschichte eingeschrieben. Er war vor allem ein Meister der kleinen Form. Seine literarische Spezialität waren die Feuilletons, die Reise-Erzählungen. Oft genug führten seine Reisen aber gar nicht in die weite Welt. Sondern in „mein Vaterland“, wie er es nannte.

Wobei der in Magdeburg Geborene, der seit 1964 in Frankfurt lebte, ausdrücklich auch den anderen deutschen Staat, die DDR, als Vaterland charakterisierte. Und das war in den sechziger und siebziger Jahren, als über die Annäherungspolitik Bundeskanzler Willy Brandts an das Staatswesen jenseits der „Zonengrenze“ erbittert gestritten wurde, ein mutiges Unterfangen.

Krüger wurde so auch zum literarischen Chronisten einer deutschen Teilung. Und frühzeitig hat er auf die Entfremdung der Menschen beidseits des Eisernen Vorhangs aufmerksam gemacht. Also auf einen Zustand, der heute noch fortwirkt. Der Journalist und Schriftsteller ist, anders als die übergroße Mehrheit der Westdeutschen, immer wieder in die DDR gefahren. Und er hat im Westen dafür geworben, es ihm gleichzutun. Vor allem aber dafür, die Menschen dort auch als Menschen wahrzunehmen, mit einer eigenen Lebensleistung. Leider war der Appell oft vergeblich.

Am heutigen Dienstag würde Krüger, der vor zwei Jahrzehnten starb, seinen 100. Geburtstag feiern. Der Frankfurter Verleger Klaus Schöffling, der die vergessenen und verdrängten Autorinnen und Autoren pflegt wie kaum ein anderer in der Bundesrepublik, hat aus diesem Anlass eines der wichtigsten Bücher Krügers wieder aufgelegt. Seine Jugenderinnerungen, die unter demselben Titel – „Das zerbrochene Haus“ – zuerst 1966 in München erschienen waren.

Sie hatten Krüger damals in ganz Deutschland bekanntgemacht und zugleich seinen literarischen Rang und seine politische Bedeutung als Autor verdeutlicht. Denn er schildert in diesem Buch seine eigene Jugend im nationalsozialistischen Berlin. Und macht deutlich, wie große Teile des Bürgertums sich bald der Nazi-Ideologie ergaben, wie sie ihren Frieden machten mit dem mörderischen Regime. Sein Vater war ein deutsch-national orientierter Beamter im Kultusministerium.

Wegen seines unangepassten Verhaltens und weil er eine Gruppe von Nationalbolschewisten um Ernst Niekisch unterstützt hatte, wurde der Jugendliche Horst schließlich im Dezember 1939 verhaftet. „Die Zeit der schönen Lügen ist vorbei“, schrieb er später. Die Eltern, die wie viele die Wirklichkeit des Nazi-Regimes verdrängt hatten, mussten sich der Wirklichkeit stellen – die Familie zerbrach. Der Sohn kam 1940 frei, ging nach Freiburg, studierte bei Martin Heidegger.

In der Wehrmacht nahm er dann an den blutigen Kämpfen um das Kloster Monte Cassino in Italien teil. Krüger war nie in der Lage, darüber Worte zu Papier zu bringen. Im „Zerbrochenen Haus“ schilderte er nur den Wahnsinn der letzten Kriegstage in Berlin – und dann den Auschwitz-Prozess in Frankfurt von 1963 an. Der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer hatte als erster den Versuch unternommen, den Massenmord im Konzentrationslager juristisch aufzuarbeiten. Der Journalist Krüger, der gerade nach Frankfurt gezogen war, wurde von ihm eingeladen, den Prozess zu beobachten. „Ich will meiner Jugend unter Hitler noch einmal begegnen“, schrieb er. Doch er begegnete tatsächlich „gutmütigen Herren“, wie er sie fassungslos nannte, „die modernen, bisher unbekannten Mörder, die Verwalter und Funktionäre des Massentodes“. Und der Beobachter prophezeite: „Hitler herrscht noch im Dunkeln, im Untergrund; irgendwie hat er uns allen einen Sprung beigebracht.“ Und dann: „Dieser Hitler, denke ich, der bleibt uns – lebenslänglich.“

Matinee zum 100. Geburtstag:22. September, 11 Uhr, im Arkadensaal des Goethe-Hauses. Mit Martin Mosebach und Hanna Kulessa. www.goethehaus-frankfurt.de

Dem Autor Krüger wiederum blieb es eine lebenslange Aufgabe, gegen eine Wiederkehr des Rechtsextremismus zu kämpfen. Als 1968 in Frankfurt und in ganz Deutschland die Studentenrevolte losbrach, war er durchaus skeptisch. In seinem Buch „Deutsche Augenblicke“ zog er 1969 eine Bilanz der Protestbewegung: „Ihre beredtsten Vertreter sind fast durchweg Kinder aus wohlhabenden Bürgerhäusern. Es sind Söhne von Kaufleuten, Anwälten, Ärzten, Industriellen. Arbeiterjugend ist, entsprechend der unveränderten Klassenstruktur unserer Universitäten, nicht vertreten. Kinder aus Bauernhäusern, aus dem Handwerk, den breiten Schichten der Unterprivilegierten, fehlen. Von daher bekommt ihr revolutionärer Anspruch, die Arbeiter aus dem Zwang des Kapitalismus befreien zu wollen, den Zug ins Romantische und kraus Verstiegene.“

Ende der sechziger Jahre begann eine sehr produktive Zeit. Viele Erzählbände erschienen: Zum Beispiel „Poetische Erdkunde“ (1978), „Spötterdämmerung“ (1981), „Tiefer deutscher Traum“ (1983), „Kennst Du das Land“ (1987). Krüger besuchte Ägypten und Peking, die USA und Indien. Aber immer wieder war es die DDR, die ihn anzog und für die er im Westen eindringlich warb. 1983 hieß die besorgte Frage einer Reiseerzählung: „Wie fremd sind sich die Deutschen?“

Krüger sagte sechs Jahre vor der Wende voraus: „Die Jugend hier nimmt kein Blatt vor den Mund. Und wenn dieses Gefühl des Unmuts, das überall spürbar ist, sich je zu massivem Protest verfestigen sollte, was unwahrscheinlich, aber denkbar ist, so kann diese Unruhe nur aus der Jugend kommen. Auch in dieser jungen Generation steckt Zündstoff.“

Krüger arbeitete von 1963 bis 1987 für das Feuilleton der „Zeit“. Er drehte zahlreiche Dokumentarfilme, darunter die berühmten Städteporträts „Der Kurfürstendamm – Glanz und Elend eines Boulevards“ (1982) und „Frankfurt am Main – Plädoyer für eine verrufene Stadt“ (1983). Frankfurt am Main hat der Autor stets verteidigt – auch als der Ruf der Stadt als „Bankfurt“ und „Krankfurt“ in den achtziger Jahren ganz am Boden war. Schonungslos urteilte er 1978: „Tatsächlich hat keine andere Stadt in Deutschland nach 1945 ihre eigene Vergangenheit so entschlossen, so rabiat weggeschmissen.“ Doch er lobte auch die „Ansätze zu einer humaneren Stadt“.

Mehr als zwanzig Bücher hat der „Schriftsteller auf Reisen“, wie ihn Marcel Reich-Ranicki nannte, hinterlassen. In guten Antiquariaten sind sie noch zu finden. Krüger verstummte als Autor, von Krankheiten gequält, in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre und starb am 21. Oktober 1999 in seiner langjährigen Heimatstadt Frankfurt.

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