Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

„Die Vorfahren Christi“: Ausschnitt aus der Jakob-Josef-Lünette in der Sixtinischen Kapelle. Foto: Verlag Klaus Wagenbach
+
„Die Vorfahren Christi“: Ausschnitt aus der Jakob-Josef-Lünette in der Sixtinischen Kapelle.

Kunst

Horst Bredekamp: „Michelangelo“ – Nimmer befriedigen Malen und Meißeln die Seele

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
    schließen

Annäherungen an „Michelangelo“ von Horst Bredekamp: Eine unwiderstehliche Droge.

Es ist ein Brocken. Ich habe hier im Büro keine Waage. Ich kann Ihnen also nicht sagen, was das Buch wiegt. Dabei ist es kein fetter Kunstband auf entsprechend schwerem Papier. Dennoch definitiv kein Buch, das man mit ins Bett nehmen kann, um darin zu schmökern. Man legt es auf seinen Schreibtisch mit dem Laptop in Griffweite.

Dabei ist Horst Bredekamps „Michelangelo“ eines der schönsten Bücher des Jahres. Das hat natürlich mit dem Sujet zu tun. Der Maler, Bildhauer, Architekt und Dichter Michelangelo Buonarroti (1475–1564) hat ja mit seinen Arbeiten unseren Sinn für das, was wir für schön ansehen, wesentlich geprägt. Ich sage das so ungeschützt, obwohl ich natürlich weiß, dass, was wir Moderne nennen, wesentlich darin bestand, mit Michelangelos Kunstauffassung und schon ganz sicher mit dem, wie das 19. Jahrhundert sie verstanden hatte, zu brechen. Dennoch, sieht man auf seinen „David“, auf die Decke der Sixtinischen Kapelle, so ist man gepackt von Michelangelos Verlangen nach überwältigend schöner Größe.

Wilhelm von Bode, der Gründer des heute nach ihm benannten Museums, schrieb vor einhundert Jahren in seinem Büchlein „Die italienische Plastik“, die Bildwerke der Hochrenaissance litten „vielfach an nüchterner Einförmigkeit, gesuchter Ziererei und leerer Empfindungslosigkeit, die sich doppelt fühlbar machen durch den kolossalen Maßstab.“ Er nahm Michelangelo ausdrücklich aus, aber er macht keinen Hehl daraus, dass die intimere Kunst der Frührenaissance ihm die höhere war. Er betrachtete wohl die Tatsache, dass ein so außergewöhnliches Genie wie Michelangelo auch bei Minderbegabten Mode werden konnte, als Unglück. Dass das eine antiwilhelminische Regung des obersten Museumsmannes des Kaiserreichs war, kommt mir unwahrscheinlich und doch plausibel vor. Jedenfalls wären wir so schon mitten drin in der verwickelten Rezeptionsgeschichte Michelangelos.

Doch zurück zu ihm selbst und zu Horst Bredekamps Prachtbuch über ihn. Ich weiß nicht, ob man es einfach lesen kann. Mir ist es nicht gelungen. Ich habe es betreten wie ein Museum. Es beginnt mit einer Zeichnung des 14-jährigen Michelangelo und endet mit der Pietà Rondanini aus dem Jahre 1564. Das Buch ist auch ein Audioguide, der mir zuflüstert, was ich bei diesem und bei jenem Werk beachten soll. Bredekamp zeigt mir, wo Michelangelo welche Vorbilder wie nutzt. Jeder Hinweis wird begleitet von Fotos, die mir verdeutlichen, wovon Bredekamp spricht. Sein imaginäres Museum eröffnet ständig neue Säle, mit neuen Vor- und Nachbildern. Das Buch ist so komponiert, dass ich nur ganz selten umblättern muss.

Meist stehen Abbildung und der dazugehörige Text nebeneinander. Eine unwiderstehliche Droge. Ich muss hinschauen, vergleichen. Es entsteht ein Sog. Da ist Michelangelos „Treppenmadonna“ aus dem Jahre 1490 und eine Seite weiter Donatellos Pazzi-Madonna von 1420. Bredekamp schreibt: „Bis in die Feinheit der Fingerkuppen werden Abstraktion und körperliche Präsenz in einem Rahmen vorgeführt, der mit der Skulptur auch Malerei zu sein vorgibt.“

Sie verstehen, was er meint, aber Sie sehen vor lauter Begriffen – Abstraktion, Präsenz – nichts? Das ist auch nicht nötig. Der Satz funktioniert als Zeigestock. Er sagt Ihnen: Schauen Sie auf die Fingerkuppen der Madonna, und Sie werden sehen, mal sind sie wie gemalt, und mal drücken sie das Fleisch des Jesuskindes ein. Jetzt erkennen Sie, was Sie ohne Bredekamps Blickhilfen nicht erkannt hätten und Sie sehen, wie Michelangelo das Donatello abzugucken versuchte und wo er – diesmal noch – daran scheiterte. Aber er sah es. Und wir Leser tun es jetzt – dank Bredekamp – mit ihm.

Und schon bin ich weg. Am Laptop. Donatello (1386–1466). Ich habe Feuer gefangen und verschwinde für ein paar Tage bei ihm. So kommt man nicht voran mit Bredekamps „Michelangelo“. Aber nein: Genau so kommt man voran. Es dauert nur alles länger. Dafür aber wird man Seite für Seite immer mehr zum Enthusiasten. Es entsteht eine Lust am Schauen, am Vergleichen, am Sich-Zeit-Nehmen für die Eindrücke. Bredekamps Buch verführt dazu, sich von ihm und seinem Gegenstand treiben zu lassen. Dazu gehört auch, dass man zu anderen Büchern über Michelangelo greift. Zu Klassikern wie Herman Grimm oder Henry Thode. Oder zu zeitgenössischen Autoren wie William E. Wallace, dessen „Michelangelo – the Artist, the Man and his Time“ sich wegsäuft, oder auch nachschaut in den in der Forschung heftig umstrittenen Untersuchungen Alexander Perrigs über die Zeichnungen Michelangelos.

Dort lernt man, wie genau man jeden Strich einer Zeichnung verfolgen kann – soll oder gar muss. Natürlich blickt man in Thomas Krämers „Leonardo – Michelangelo – Raphael – Ihre Begegnung 1504 und die ‚Schule der Welt‘“. Man verliert sich. Nein, nein, man merkt, wie man wächst bei der Lektüre von Bredekamps „Michelangelo“. Und bei den Ausflügen, zu denen er einen treibt. Durch das, was er schreibt, und durch das, was er weglässt. „1550 erhielt der 75 Jahre alte Michelangelo sechs Scudi für die Vergoldung von acht Knäufen an den zwei Betten des Papstes.“ Mit diesem Satz setzt Wallace ein. Nicht mit einem Kunstwerk, sondern mit einem Blick auf die soziale Stellung des Titanen Michelangelo. Bei Bredekamp kommen die Knäufe nicht vor. Bredekamp baut auch dem Titanen keinen Sockel. Seine Liebe gilt den Einzelheiten, den so gern übersehenen und doch so sprechenden Details.

Der von Bode kritisierte Titanismus steckte in Michelangelo selbst. Beim Anblick des Steinbruchs von Carrara meinte er einmal, hätte er noch Jahrzehnte Lebenszeit vor sich, er würde den Felsen selbst in ein monumentales Denkmal verwandeln. Eine Vision, die in den USA vier Jahrhunderte später mit den aus dem Felsen gesprengten Präsidentenporträts von Mount Rushmore verwirklicht wurde.

Vor vielen Jahren erschien ein Bildband über Michelangelos „David“. Fotograf war der 1938 in Pistoia geborene Aurelio Amendola. Auf dem Umschlag war das Gesäß der Michelangelo-Statue zu sehen. Ich war jetzt sehr verblüfft, dass Bredekamp sich der Frage stellte, warum der Gluteus maximus – Bredekamp ist Professor und weiß sich unanzüglich auszudrücken – des David so flach sei.

Das Buch

Horst Bredekamp: Michelangelo. Verlag Klaus Wagenbach. Berlin 2021. 816 S., ca 900 Abb., 89 Euro.

Amendolas Fotos hatten noch nicht einmal die Idee eines solchen Eindrucks bei mir aufkommen lassen. Aber jetzt sehe ich: Bredekamp hat recht. Der Marmorblock, aus dem Michelangelo den David schlug, hatte jahrelang herumgestanden. Keiner traute sich ran. Die Schilderung, wie Michelangelo es dann doch schaffte und warum Davids Hintern so flach ausfiel, kann ich hier nur Ihrer Lektüre empfehlen. Es ist eine umständliche Geschichte, die aber das Vergnügen zeigt und den Mut, den Michelangelo angesichts unmöglicher Aufgaben entfaltete. Bredekamps Buch verdankt seine Schönheit nicht nur seinem Sujet. Sondern vor allem der Art, wie er sich ihm widmet. Wer mag, der kann bei der Lektüre des Buches sich einbilden, er säße in einer Vorlesung des Kunsthistorikers, folge dessen Hinweisen und lasse sich so wie von einer Sänfte getragen von Meisterwerk zu Meisterwerk entführen.

Das ist eine etwas schlaffe Schönheit. Die wahre Schönheit des Buches ist, dass es einen animiert mitzumachen. Man blickt, wohin Bredekamp einem sagt, dass man blicken soll, und dann passiert es: Man sieht etwas anderes. Man hat sich dazu verführen lassen, seinen eigenen Verstand zu gebrauchen. Das passiert immer wieder. Da Text und Bild beieinanderstehen, muss der Leser dem Autor nicht glauben, sondern schiebt sich immer wieder zwischen ihn und seinen Gegenstand.

Ganz am Anfang des Buches zum Beispiel beschreibt Bredekamp eine Szene so, als wäre sie auf einem zeitgenössischen Schnappschuss erhalten. Blickt man auf die von ihm interpretierte Zeichnung, erkennt man den propagandistischen Charakter des Bildes und wundert sich, dass Bredekamp die fast die ganze Fläche des Blattes ausmachende leere Hauswand mit keinem Wort erwähnt.

Der Leser ist auch eigenartig berührt davon, wie Bredekamp über Michelangelos Sexualleben spricht. Bei diesem Thema ist nichts zu spüren von der Imaginationskraft des Professors. In diesem Bereich wehrt er die Fantasie ab und verlegt sich darauf, die überlieferten Äußerungen Michelangelos zu zitieren. Es gebe, so schreibt Bredekamp, nur eine einzige Äußerung des Künstlers zu seiner Sexualität. Die lautet: „Vom Koitus: Das habe ich immer so gehalten, und wenn du dein Leben verlängern willst, praktiziere ihn nicht und wenn doch, dann so wenig wie möglich.“ Das sagt nicht viel. Was ist so wenig wie möglich? Was bedeutet das für den nichtkoitalen Verkehr? Wir wissen es nicht.

Aber es fällt schwer, sich die Lust an den lebendigen Körpern, an jeder Faser der Muskulatur, an der weichen und an der festen Haut, wie man sie in seinen Skulpturen und Gemälden beobachten kann, als Frucht der Entsagung im – sagen wir mal – „wirklichen“ Leben vorzustellen. Und nun gar die Gedichte, in denen so viel von Schönheit, von Glut und Liebe die Rede ist? Wir wissen es nicht, sagt Bredekamp.

Er hat sicher recht. Aber was wüsste man schon, wenn man nur wüsste, was man weiß? Bringen Kunsthistoriker wie Bredekamp einen nicht darauf, auch Körper, Gesten und Gesichter zu lesen? Bredekamp tut das fortwährend, freilich immer auch einschränkend, relativierend. Er ist begeistert, aber er ist ein reflektierter Enthusiast.

Michelangelo schreibt in einem seiner Gedichte: „Wenn ich dich von oben betrachte, scheinen mir deine Brüste wie zwei Wassermelonen in einem Sack, sodass ich vollständig wie Stroh entflamme, obwohl ich vom Meißeln zerschlagen und erschöpft bin.“ Ist das nur Literatur oder auch Haptik? Wie immer man Michelangelos Vergleich bewerten möchte, dem Betrachter der Werke wird seine Darstellung der Nacht einfallen.

Wer als Kind einen wiederkehrenden Angsttraum hatte, in dem er von einem Vogel entführt wurde, erfuhr wahrscheinlich irgendwann einmal, dass es sich um den Versuch der Verarbeitung einer homosexuellen Bedrohung handelte. Schon in der griechischen Mythologie war das ein Thema. Der Göttervater Zeus, so erzählte sie, habe in Gestalt eines Adlers sich Ganymed, „den schönsten aller Knaben“, geschnappt. Es gibt eine sehr schöne Zeichnung Michelangelos von 1532, die den Raub des Ganymed zeigt. Sie entstand als Antwort auf eine Ganymed-Zeichnung des Tommaso de’ Cavalieri, eines 20-jährigen römischen Patriziersohnes.

Der Austausch der beiden Ganymed-Bilder ist ein Dokument des Bewusstseins ihrer wechselseitigen Hingerissenheit. Bredekamp zitiert einen Brief Michelangelos, der dessen Ganymed-Zeichnung begleitete; „Es wäre statthaft, die Dinge, die man schenkt, nach dem zu benennen, der sie erhält: Aber in diesem Fall mache ich es um des guten Ansehens willen nicht.“ Bredekamp meint zur Freundschaft der beiden: „Zu Beginn ihrer Beziehung steigerte sich diese Zugewandtheit zu Äußerungen, die eine erotische Seite einschlossen, aber erneut spricht die Bereitschaft, die Briefe und Gedichte zu zeigen und zirkulieren zu lassen, gegen ein Unrechtsbewusstsein. Es kann schließlich nur festgehalten werden, dass zwischen Michelangelo und Cavalieri eine tief empfundene, lebenslang bleibende Verbindung bestand, deren Bekundungen in den Jahren 1532 bis 1534 den Charakter von Liebesbezeugungen besaßen.“

Dieser Eiertanz wirkt lächerlich. Er wurde eingeübt zu einer Zeit, die auf festen Identitäten bestand. Michelangelo war schwul, oder er war es nicht. Es gab Communitys, die ihn für sich reklamierten, und wer Michelangelos Schwulsein leugnete, war ein Adler, der ihnen ihren Ganymed raubte. Aber heute, in unserer Sternchenwelt, in der wir die Flüssigkeit wechselnder sexueller Orientierungen sogar orthografisch festzuhalten gelernt haben, wirkt das Rätselraten darüber, ob jemand heterosexuell, schwul oder sonst etwas sei, fast schon biedermeierlich. Identitäten, haben wir einzusehen gelernt, sind veränderlich.

Das habe ich bei Bredekamp gelernt: Selbst der vom Marmor zu klaren Kanten gezwungene Bildhauer versucht in ihm zugleich auch zu malen. Als Dichter liebt Michelangelo die schwebende Ambivalenz, die zarten „sfumature“ seines Konkurrenten Leonardo da Vinci. An die Stelle der Klarheit tritt ganz am Ende eines Gedichts, man weiß nicht wie, eine sich öffnende Weite, ein sich als Offenbarung gerierendes Zwielicht: „Nimmer befriedigen Malen und / Meißeln die Seele, der göttliche / Liebe am Kreuz ihre Arme bot.“ (Übersetzung: Thomas Flasch)

Inzwischen trat vielerorts – dabei spielte der ebenso stolze wie gläubige Michelangelo eine zentrale Rolle – für eine Weile die Kunstreligion an die Stelle der Kreuzesbotschaft.

Weiche Haut auf hartem Stein: der linke Fuß der Moses-Statue.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare