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Mario Vargas Llosa bei der Präsentation der spanischsprachigen Ausgabe in Bogota.

Mario Vargas Llosa

„Der Ruf der Horde“: Aufschrei gegen den Führerkult

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Mario Vargas Llosas neuestes Buch „Der Ruf der Horde“ ist eine von Widersprüchen nicht freie Heldengalerie liberaler Denker.

In bestimmten Kreisen der lateinamerikanischen Linken gilt Mario Vargas Llosa als ein Verräter, einer, der sich den Banken, den Konzernen, den USA, dem Neoliberalismus an den Hals warf. Es hat keinen Sinn mit Leuten darüber zu streiten, die ihre linken Ideale zum Beispiel bei Fidel Castro oder Hugo Chávez, wenn schon nicht realisiert, so doch wenigstens gut vertreten sahen.

Wir wissen nicht, wie Mario Vargas Llosa Peru regiert haben würde, wenn 1990 er und nicht Alberto Fujimori die Präsidentschaftswahlen gewonnen hätte. Es ist aber ausgeschlossen, dass er das Land so runtergewirtschaftet und sich dabei persönlich so bereichert hätte, wie der Wahlsieger es dann tat.

Mario Vargas Llosa gilt als einer der bedeutendsten spanischsprachigen Autoren

Mario Vargas Llosa wurde 1936 in Peru geboren. Seit 1963 „Die Stadt und die Hunde“ erschien, gilt Mario Vargas Llosa als einer der bedeutendsten spanischsprachigen Autoren. 2010 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Schon seit den Sechzigerjahren kritisierte Vargas Llosa undemokratische Regime rechts und links. Seine Entwicklung vom sich an Sartre orientierenden Linken zu einem Liberalen stellt Vargas Llosa in seinem Vorwort zu den sieben Aufsätzen seine neuen Buches „Der Ruf der Horde“ knapp dar. Es trägt den Untertitel „Eine intellektuelle Autobiografie“.

Das ist nicht falsch. Aber es ist eine Autobiografie in Form von sieben Essays über große Liberale: Adam Smith, José Ortega y Gasset, Friedrich August von Hayek, Karl Popper, Raymond Aron, Isaiah Berlin, Jean-Francois Revel. Eine sehr persönliche Auswahl. Das ganze neunzehnte Jahrhundert mit seinen großen Liberalen fehlt. Insofern ist es tatsächlich mehr eine Autobiographie als eine Geschichte des Liberalismus.

Vargas Llosa öffnet dem Leser die Augen

Eine Sache wird dabei sehr deutlich. Abgesehen von Adam Smith gilt Mario Vargas Llosas Interesse ausschließlich den Liberalen, die ihre Position in der Auseinandersetzung mit dem real existierenden Sozialismus und den unterschiedlichen Varianten des Faschismus entwickelten. Das gilt auch für Ortega y Gasset (1883-1955). Dessen 1929 erschienener Essay „Der Aufstand der Massen“ kreise „um eine geniale Intuition: Mit der Vorherrschaft der Eliten ist es vorbei; die Massen, ihnen nicht länger unterworfen, sind in das Leben hereingeplatzt und haben die bürgerlichen und kulturellen Werte sowie die gesellschaftlichen Verhaltensweisen durcheinandergewirbelt. Geschrieben in einer Zeit, als der Kommunismus und die Faschismen, der Syndikalismus und die Nationalismen im Aufstieg begriffen waren und mit dem Massenkonsum eine Populärkultur entstand, kam Ortegas Intuition genau im rechten Moment.“

Mario Vargas Llosa: Der Ruf der Horde – Eine intellektuelle Autobiographie. Dt. v. Thomas Brovor. Suhrkamp. 315 S., 24 Euro.

Liest man das, hat man freilich den Eindruck der richtige Moment sei heute. Auf Variationen des ersten der zitierten Sätze stößt man derzeit fast täglich in den Zeitungen. Heute wird das Internet für die Entmachtung der Eliten, für den Zerfall bürgerlicher Öffentlichkeit und ihrer Werte verantwortlich gemacht. Vargas Llosa öffnet dem Leser die Augen für die Klarsicht Ortega y Gassets, aber eben auch für unsere eigene Kurzsichtigkeit.

Sein Buch bietet eine Heldengalerie. Aber es gehört zu Vargas Llosas großen Talenten des Schriftstellers auch des Essayisten bei aller Bewunderung, auch die Mängel nicht zu übersehen. Seine vorbehaltlose Bewunderung für Ortega y Gasset – einer der „intelligentesten und elegantesten liberalen Philosophen des zwanzigsten Jahrhunderts“ – hindert Vargas Llosa nicht daran, nicht nur dessen Missachtung des Zusammenhangs von politischer und wirtschaftlicher Freiheit zu kritisieren. Er arbeitet auch Ortega y Gassets verhängnisvolle Einschätzung des spanischen Bürgerkrieges heraus. In den Augen von Ortega y Gasset wehrte sich nicht die Republik gegen einen, der sie abschaffen wollte, sondern Ortega y Gasset sah Francisco Franco im Krieg gegen die Kommunisten. Damit übernahm er die Darstellung Francos. Der große Liberale, der kritische Intellektuelle, der Verteidiger der Rechte des Einzelnen votierte für Franco als das kleinere Übel. Die liberalen Ideale können ebenso verraten werden wie die sozialistischen oder die christlichen. Auch Liberale können der „totalitären Versuchung“ – so der Titel eines 1976 erschienenen Buches von Jean-François Revel – erliegen.

Vargas Llosas Helden in der Wirklichkeit sind Ronald Reagan und Margaret Thatcher

Keine Theorie, keine Weltanschauung schützt einen vor gewaltigen Irrtümern oder gar vor dem Rückfall in die eigene Gemeinheit. Man kann noch so genau den „Aufstand der Massen“ kritisieren und sich dennoch plötzlich mitten in ihm wiederfinden.

Der Titel des Buches „Der Ruf der Horde“, so der Titel des Buches von Mario Vargas Llosa, kann jeden erreichen. Karl Popper, in den Augen von Vargas Llosa Autor des wichtigsten philosophischen Buches des 20. Jahrhunderts, wetterte zum Entsetzen des peruanischen Autors, der seit 1993 auch Spanier ist, gegen Kafka und Musil und pries an deren Stelle den viktorianischen Bestsellerautor Anthony Trollope (1815-1882). Im Popper-Kapitel schreibt Vargas Llosa: „Die Schlacht ist noch nicht geschlagen, und dazu kommt es wahrscheinlich nie. Der Ruf der Horde, die Anziehungskraft, die von dieser Form des Daseins (der geschlossenen Stammesgesellschaft) ausgeht, in der das Individuum sich der mühsamen Verpflichtung der Freiheit ebenso begibt wie der Souveränität, die Ratio walten zu lassen – im freiwilligen Joch einer Religion, einer Doktrin oder eines Herrschers, der für ihn die Verantwortung übernimmt und Antworten gibt auf all seine Probleme –, dieser Ruf schlägt im Herzen der Menschen offenbar tiefste Saiten an. Denn ein ums andere Mal wird er von Nationen und Völkern oder, in den offenen Gesellschaften, von einzelnen Menschen und Gemeinschaften gehört, die alles daransetzen, sie wieder zu schließen und die Kultur der Freiheit abzuschaffen.

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Vargas Llosas Helden in der Wirklichkeit sind Ronald Reagan und Margaret Thatcher. Allerdings: „in vielen gesellschaftlichen und moralischen Fragen vertraten sie konservative, gar reaktionäre Positionen.“ Der einzig wahre Liberale scheint für Vargas Llosa Vargas Llosa zu sein. Aber man versteht das Buch nicht, wenn man es so liest. Es ist der Versuch eines Intellektuellen sich anderer Intellektuellen zu bedienen, um sich klar zu werden, was heute zu ist.

Ohne die tribalistischen Neigungen, die überall auf der Welt aufblühen, wäre dieses Buch nicht entstanden. Es ist ein Aufschrei gegen alle die, die uns einreden wollen, wir brauchten starke Führer, die uns sagen, wo es lang geht, die unter dem Vorwand des Kampfes gegen die Eliten, ihre eigene Klientel als Elite einsetzen wollen. Es gibt keinen Leisten, über den man alles schlagen kann. Wo der vorgeschlagen wird, geht es um Folter und Vernichtung. Das ist der Basso continuo dieser Aufsätze. Man hört ihn so deutlich, dass man misstrauisch wird und sich fragt, ob Vargas Llosa nicht selbst seine Variante des Liberalismus als Maßstab ins Spiel bringt. Das tut er.

Aber er zeigt uns, dass er es tut und auch wie er es tut. Er ermuntert uns, seine Leser, nicht dazu, seinen Wegen zu folgen. Wir würden Vargas Llosa zu einer Horde machen, deren Ruf wir folgten. Er führt uns vor, wie man sich frei bewegen kann zwischen seinen Helden und wie befriedigend es ist, ihnen auch einmal den Laufpass zu geben.

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