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Glückliche Preisträgerin und Rednerin: Felicitas Hoppe.

Felicitas Hoppe erhält Büchnerpreis

Hoppe träumt noch immer vom guten Ende

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Doch vom guten Ende träumen: Felicitas Hoppe erhält in Darmstadt den Büchnerpreis. Die Autorin erfindet in ihrem „asozialen Beruf“ die ganze Welt. Dabei schreibe sie anmutig und elegant mit hoher Umdrehungszahl, findet die Jury.

Doch vom guten Ende träumen: Felicitas Hoppe erhält in Darmstadt den Büchnerpreis. Die Autorin erfindet in ihrem „asozialen Beruf“ die ganze Welt. Dabei schreibe sie anmutig und elegant mit hoher Umdrehungszahl, findet die Jury.

Um die Spannung zwischen Dichtung und Wirklichkeit, welche stets zugunsten der Dichtung ausschlägt – die nicht nur schöner und interessanter, sondern vielfach auch wirklicher ist –, ging es beim größten deutschen Lob- und Dankredennachmittag des Jahres. Einer eleganten, verspielten, aber nicht wirklichkeitsfernen Ausgabe der dreifachen Preisverleihung, die die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung wie immer im Staatstheater Darmstadt vornahm.

Felicitas Hoppe, mit dem mit 50.000 Euro dotierten Büchnerpreis geehrt, sprach über Georg Büchner und ihren „Schutzdichter“ Ossip Mandelstam, über sich und über die Autorin Hoppe. „Hoppeleser“, ein Begriff, den ihr Laudator Hubert Spiegel zuvor wie eine geläufige Kategorie benutzt hatte, werden sich darüber nicht wundern. Dass neben ihr selbst die mit einer wahrlich abwechslungsreichen Biografie versehene Autorin Hoppe existiert – am deutlichsten ausgeführt in Hoppes Roman „Hoppe“ –, gab Hoppe Gelegenheit, die „Idyllenautorin“ Hoppe zu loben und zugleich Abstand von ihr zu nehmen. Und sie zu zitieren, etwa mit dem Satz: „Kröne dich selbst, sonst krönt dich keiner.“ – „Das wiederum könnte von Büchner sein“, kommentierte Hoppe, für die „Selbstüberhebung und Zweifel des Dichters“ seit jeher „siamesische Zwillinge“ sind.

„Ich war schon immer Schriftsteller“

„Was mich betrifft“, sagte die 52-Jährige, „ich wollte nie Schriftsteller werden, ich war das einfach schon immer.“ Nicht, dass sie sich das gewünscht hätte, einen so „asozialen Beruf“. „Man kann zwar die ganze Welt erfinden, aber faktisch ist man immer allein.“ Jetzt jedoch sei sie „unvermutet vor ein Publikum geraten, dass mir heute Abend immerhin zwanzig Minuten Zeit gibt, um zu sagen, was ich schon immer sagen wollte.“ Man kann Felicitas Hoppe, einer entschlossenen, präzisen und nüchternen Rednerin, mit Begriffen wie Selbststilisierung und Koketterie nicht beikommen, aber näher an beides rückte sie nicht mehr – höchstens noch mit dem Eingangssatz „Ich fasse mich kurz“, denn auch sie sprach auf die Minute so lang, wie sie durfte (17.55-18.20 Uhr).

„Wer schreibt und spielt, handelt auch“, betonte Hoppe mit Blick auf Büchner und betonte zugleich, dass das Genie nicht mit der Preisträgerin zu verwechseln sei, die „immer noch vom guten Ende träumt“. Über dessen Unmöglichkeit werde Hoppe zwar durch Büchner gleich mehrfach belehrt. Und doch schloss sie mit Valerios Schlaraffenland-Dekret aus „Leonce und Lena“: „... und dann legen wir uns in den Schatten und bitten Gott um Makkaroni, Melonen und Feigen, um musikalische Kehlen, klassische Leiber und eine kommode Religion.“

Prosa mir Reibungshitze

Felicitas Hoppe setze „mit ihrer eigensinnigen und abenteuerlustigen Prosa ... die Wahrheiten der Märchen, Mythen und Legenden wieder ins Recht“, so urteilte die Akademie für Sprache und Dichtung. „Hoppeprosa“, so urteilte der Literaturkritiker Spiegel, mache eine „Reibungshitze“ spürbar, wie sie „nur eine außergewöhnlich bewegliche Prosa“ hervorbringe, „eine Prosa von großer sprachlicher Bewegungsschönheit, Anmut, Eleganz und hoher Umdrehungszahl“. Den heillos auf biografische Zusammenhänge spekulierenden „Hoppe“-Hoppe-Leser fragte er, warum „ausgerechnet etwas so notorisch Unzuverlässiges wie eine Biographie die Kraft haben sollte, etwas so Reales wie ein literarisches Kunstwerk beglaubigen zu können. Diese Kraft muss das Kunstwerk schon allein aufbringen“.

Auf die haarscharfe Grenze, an der aus der Wirklichkeit wirkliche Dichtung werden kann, sofern ein Dichter anwesend ist, war zuvor der Germanist Heinz Schlaffer eingegangen, ausgezeichnet mit dem mit 12 500 Euro dotierten Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay. Schlaffer las die kleine Szene aus Jean Pauls Roman „Flegeljahre“, in der Bootsreisende einen Vesuv-Ausbruch im Wasser des Golfs von Neapel gespiegelt sehen. „...unversehrt gleiten wir über die kühlen Flammen, und unsere Bilder lächeln aus brennender Woge“. Die „ungreifbare Schönheit des Spiegelbilds“ ist es, die der Dichter seinem Publikum bieten kann – eine schillernde Beobachtung, nicht zuletzt, weil anderswo (in diesem Fall: an Land) ja tatsächlich verheerende Zerstörung waltet. „Nie wird die Realität gleichgültig werden, nie die Sorge um sie enden“, so Schlaffer mit Jean Paul und sicher auch mit Hoppe, auch wenn sie die hier bezeichnete Grenze kühn überwandert.

Beobachtungsscharf und kritisch

Die Akademie lobte die „geistvollen, überraschungsreichen und beobachtungsscharfen Studien und Essays“ des 73-Jährigen, in denen er „die Genauigkeit der Philologie mit dem Vergnügen der kritischen Polemik verbinde“. Seine Laudatorin, die Literaturwissenschaftlerin Ingeborg Harms, lobte seinen „Bauhaus-Stil“ und arbeitete heraus, wie auch der Literaturwissenschaftler ein „Mann der Tat“ sei, „einer, der Worten mit Worten ins Geschirr fährt“.

Zwischendurch zeigte sich der Verfassungsrechtler und ehemalige Bundesverfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde, 1930 in Kassel geboren, angenehm überrascht davon, als zweiter Jurist unter bisher 59 Ausgezeichneten den mit 12.500 Euro dotierten Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa zu erhalten. Juristendeutsch sei schließlich ein Problem. Böckenförde riet zu einer „Allgemeinverständlichkeit der Ausdrucksweise“, einem „Duktus dahinfließender Sätze ... Warum sollte das nicht auch eine Zierde juristischer Texte sein?“ In der Tat.

„Die Schönheit der Sprache lebt aus der Klarheit des Gedankens“, sagte sein Laudator und Schüler Bernhard Schlink über den meistzitierten Satz Böckenfördes: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“ Dass der Satz unter Schlinks Hand immer komplizierter wurde, ist kein Gegenargument, sondern gehört dazu.

Damit sie für die Fotografen gut standen, orientierten sich die Preisträger und Akademiepräsident Heinrich Detering an zwei blendend weiß markierten Punkten auf der Bühne. Dafür gab es heiteren Szenenapplaus an einem Nachmittag, dessen Redner die Orientierung den Zuhörern überließen. Denn das Ganze war eine charmante, aber gewaltige Aufforderung zum Selbst-Lesen.

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