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Ein zum Teil durch Feuer zerstörter Wald in British Columbia, Kanada.
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Ein zum Teil durch Feuer zerstörter Wald in British Columbia, Kanada.

Annie Proulx

Der Holzbaron, die Bestie

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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Der Schriftstellerin Annie Proulx misslingt ihr neuer, dicker Roman über die Zerstörung der Wälder: "Aus hartem Holz".

A nnie Proulx hatte ein Anliegen und nahm sich jahrelang Zeit für einen monumentalen Roman, einen Gigaliner sozusagen, der dieses Anliegen transportiert. Aber ach, der Vergleich liegt allzu nahe, um ihm widerstehen zu können: Der Stil der doch mit „Schiffsmeldungen“ (1993) berühmt gewordenen Autorin ist hier über weite Strecken so hölzern wie das Thema.

Vom Raubbau des Menschen an den riesigen Urwäldern erzählt Proulx auf 900 Seiten „Aus hartem Holz“ (Original: „Barkskins“, 2016). Das Buch beginnt 1693, zwei „Dienstboten“, eher Leibeigene kommen im französischen Teil Nordamerikas an, und es reicht bis ins Jahr 2013, bis zu verdienstvollen Wiederaufforstungsprojekten von Umweltschützern. Dazwischen vermehren und verzweigen sich die Sels und die Duquets, Dutzende, ja Hunderte von Figuren schuften, hungern, sterben, beuten aus, werden reich, ruinieren ihre Lebensgrundlage. Beziehungsweise wird auf Seiten Réné Sels und seiner Nachkommen eher für kleinen Lohn malocht, wird auf Seiten Charles Duquets und seiner Kinder und Kindeskinder skrupellos abkassiert. Der eine, Sel, nämlich wird von seinem Dienstherrn mit der abgelegten Mi’kmaq-Geliebten verheiratet, die Familie gehört fortan automatisch zu den Verachteten und Benachteiligten (am Ende aber auch mit einer gewissen Sapatisia Sel wie erwartet zu den Guten). Der andere, Duquet, nennt sich irgendwann Duke und begründet ein raubtierkapitalistisches Firmenimperium.

Von Anfang an hebt Annie Proulx ab und zu den (ökologischen) Zeigefinger. Jedenfalls traut sie der Leserin offenbar nicht zu, eigene Schlüsse zu ziehen aus dem immer wieder geschilderten verschwenderischen Abholzen und Brandroden der herrlichen Wälder Neufrankreichs. Sie glaubt offenbar auch, bei der Figurenzeichnung keine Fragen offen lassen zu dürfen: „im Innersten war er eine opportunistische Bestie“, beschreibt sie Charles Duquet. Das würde man lieber – und kann man eigentlich auch – an seinen Taten erkennen.

Denn am Anfang des Buches, vielleicht so 300 Seiten lang, macht die Autorin noch ziemlich viel ziemlich gut: Proulx reichert ihre Erzählung von den ersten Kolonialisten-Jahren Sels und Duquets mit Details an – sei es der Aberglaube an einen heulenden, jammernden loup-garou, Werwolf, im scheinbar endlosen Urwald, seien es die Heilkräuterkenntnisse der Mi’kmaq Mari. Sie nimmt sich auch Zeit, Landschafts-, Stimmungs- und Seelenbilder zu entwerfen: „Über Nacht brachte eine Brise kalter Luft einen neuen Geruch – den Geruch von Eis, Tierhaaren, brennenden Wäldern und vom Blut der Gejagten“, schreibt sie über den Vormarsch der Holzarbeiter und Pelztierjäger. Oder: „Der Dezember brachte steinstille Tage mit sich“ – und sofort liegt einem alles vor Augen.

Auch die Zahl der handelnden Personen ist zunächst noch übersichtlich, so ist es möglich, sich ein lebendiges, facettenreiches Bild von ihnen zu machen. Prall zum Beispiel die Schilderung, wie Duquet sich falsche Elfenbeinzähne machen lässt, die zwar alles andere als angenehm zu tragen sind, mit denen man aber Eindruck schinden kann. Das tut er dann auch, plus prächtiger Perücke auf dem Kopf, bei seinen holländischen Verwandten, dieser „habgierige Opportunist“ (wir haben es mittlerweile verstanden).

Seite um Seite aber gewinnt „Aus hartem Holz“ nicht etwa an Fahrt, sondern ermüdet mit immer mehr Figuren, die immer schneller abgefertigt werden, denen manchmal nur ein, zwei Sätze gewidmet sind, ehe sie abrupt ins Gras beißen, von Baumstämmen zerschlagen und -quetscht, von Krankheiten dahingerafft, vom Feuer verschlungen, von Rassisten ermordet werden. Einige der indianischstämmigen Figuren versuchen, zu ihren Wurzeln zurückzukehren, aber das bleibt bei Proulx nicht mehr als eine Behauptung.

Sie eilt voran, je später im Roman, desto atemloser, sie belehrt ihre Leser immer öfter, sie lässt ihr Personal dabei Sätze sprechen, die völlig unglaubwürdig sind in ihrer Papierhaftigkeit. Wenn eine dumme Weiße das frische Quellwasser preist, ist man nicht überrascht, wenn bald alle davon die Cholera bekommen und sterben wie die Fliegen. Wenn ein Holzbaron seine Pfeife auf einem Holzstumpf ausklopft, brennt sein Besitz gleich lichterloh. Und eine Katzenallergie wird nur erwähnt, da die Betreffende sodann als einzige das von einer die Kerze umstoßenden Katze ausgelöste Flammeninferno überleben wird.

Annie Proulx scheint „Aus hartem Holz“ nicht zu erzählen, weil sie Freude am Phantasieren, Formulieren, poetischen Abschweifen hätte (aber war es nicht einmal so?). Sie hat selbst frankokanadische Vorfahren, ohne Zweifel hat sie auch umfangreich recherchiert und nimmt die Dinge genau. Aber sie wirkt dabei zuletzt wie eine Sachbuchautorin. Irgendwann möchte man ihr zurufen, dass sie doch nicht auch noch den allerletzten Sel- oder Duquet-Urururururenkel in einem Nebensatz namentlich erwähnen müsse. Es ist doch ihre Erfindung, Entscheidung, es ist doch ihre Fiktion.

Am Ende ist Annie Proulx’ ehrgeiziger Raubbau-am-Wald-Roman furchtbar dick geworden – und doch ein Skelett. Oder vielmehr magert er Kapitel um Kapitel ab bis auf Sätze, die nur noch etwas beweisen und etwas abschließen sollen.

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