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Holocaust und Kolonialismus – „Wir haben von den Dingen gewusst“

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Von: Matthias Arning

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Die Gründung des Staates Israel: 14. Mai 1948 in Tel Aviv.
Die Gründung des Staates Israel: 14. Mai 1948 in Tel Aviv. © AFP

Anmerkungen von Norbert Frei, Saul Friedländer und anderen zu einem neuen Streit über den Holocaust.

Für Jürgen Habermas verschieben sich im Augenblick „die Gewichte“. Im früheren „Historikerstreit“ sei es Ernst Nolte über den Vergleich des Holocaust mit den Stalinschen Verbrechen darum gegangen, nachgeborene Deutsche von ihrer politischen Verantwortung zu entlasten.

„Wie alle historischen Tatsachen“, stellt Habermas gleich klar, könne man auch den Holocaust mit anderen Genoziden vergleichen. Grundsätzlich spreche heute nichts dagegen, Holocaust und andere Genozide miteinander in Beziehung zu setzen. Der Sinn des Vergleichs jedoch hänge vom Zusammenhang ab. Und von der Unterscheidung, die der Vergleich erst möglich macht: „Es waren die eigenen Bürger, die als subversive Gefahr erst kenntlich gemacht und schrittweise aus der eigenen Bevölkerung ausgegrenzt werden mussten, bevor sie in die Vernichtungslager abtransportiert wurden.“ Deshalb, bilanziert Habermas, spreche man beim Holocaust auch von einem einzigartigen Verbrechen, einem Zivilisationsbruch.

Im Grunde hat der große Philosoph mit seinen knappen Anmerkungen „zum neuen Streit über den Holocaust“, wie der Untertitel zu dem Sammelband „Ein Verbrechen ohne Namen“ heißt, überaus klar Position bezogen. Zu einer Auseinandersetzung, die augenblicklich von vielen – zumal von bundesrepublikanischen Historikern – als „quälend“, „zäh“, vor allem „unaufrichtig“ empfunden wird. Für die weitere Debatte kann man wohl nicht verzichten auf das, was der schmale Band auch mit Beiträgen von Saul Friedländer, Norbert Frei, Sybille Steinbacher und Dan Diner zu bieten hat, um sich Habermas präzise gehaltenes Anliegen an die Erinnerungskultur in Deutschland zu erschließen – in einem sich seit dem früheren Historikerstreit rasant wandelnden Land.

Erinnerungspolitisch „ist einiges in Bewegung“, merkt Norbert Frei zu den viel Wucht entfaltenden Thesen des australischen Historikers Dirk Moses an. Wohl nicht gerade zufällig am 23. Mai 2021, dem Jahrestag der Verkündigung des Grundgesetzes, habe Moses den Deutschen empfohlen, es sei nun an der Zeit, von jenem „Katechismus“ Abschied zu nehmen, der ihnen die Erinnerung an den Holocaust als Zivilisationsbruch vorschreibe und der zudem Vergleiche ausschließe. Moses beharre darauf, den Holocaust in einen historischen Zusammenhang zu stellen, hebt Frei hervor, denn „er soll gegenüber anderen Genoziden relativiert werden“.

Das Buch

Saul Friedländer, Norbert Frei u.a.: Ein Verbrechen ohne Namen. Anmerkungen zum neuen Streit über den Holocaust. C. H. Beck, München 2022. 94 S., 12 Euro.

Vergleichen geht für Frei dem Verdrängen voran. Es gebe das stete Bemühen um Schuldabwehr. Diese reiche zurück bis in die Schlussphase des Krieges: Damals seien die Deutschen „mit der verbrecherischen Wirklichkeit der gerade befreiten Konzentrationslager in ihrer Nachbarschaft“ konfrontiert worden. 1952 habe sich der damalige Bundespräsident Theodor Heuss in einer Rede „dem offensiven Vergessenwollen der post-nationalsozialistischen Volksgemeinschaft“ entgegengestellt, indem er erklärte: „Wir haben von den Dingen gewusst.“

Doch das „Verbrechen ohne Namen“, wie Churchill angemerkt hat, sei im Land der Täter lange „ohne eigenen Begriff“ geblieben. Die deutsche Mehrheitsgesellschaft habe sich selbst als Opfer gesehen. Mit dem Frankfurter Auschwitz-Prozess habe „Auschwitz“ als Metapher „Bezeichnungen aus der Sprache der Täter, etwa ,Endlösung‘“, abgelöst.

Mit seiner „aktivistischen Agenda“ komme Moses bei „Verfechtern linker Identitätspolitik“ gut an, stellt Frei heraus. Nicht anders bei der intellektuellen Rechten, die sich darüber freue, dass es „post-koloniale Angriffe auf den ,Auschwitz‘-Mythos‘“ gebe. Das ist wohl der Punkt, den Habermas „die Verschiebung der Gewichte nennt“.

Für Saul Friedländer steht fest, worum es eigentlich geht: Bei „postkolonialen Theoretikern“ gebe es das Bemühen, „die Gründung des Staates Israel als koloniale Landnahme zu beschreiben“. Er selbst lehne die israelische Siedlungspolitik nach dem Sechstagekrieg von 1967 ab, doch es sei „eine hoch politisierte Aussage“, Israel „als letzte koloniale Schöpfung darzustellen“. Die Kolonialherren Palästinas waren die Osmanen und dann die Engländer. In der postkolonialen Theorie werde aber „die Tatsache herunterspielt“, dass die jüdische Einwanderung vor allem aus Flüchtlingen bestanden habe – Menschen auf der Flucht vor dem Antisemitismus in Europa.

Auch das gehört zur Nachgeschichte des Nationalsozialismus. In diesem Zusammenhang erinnert Sybille Steinbacher an heftige akademische Debatten, die nach Jürgen Zimmerers Formel „Von Windhuk nach Auschwitz“ bereits vor Jahren unter Historikern einsetzten. Norbert Frei betont, „die Erinnerung an die Kolonialverbrechen“ müsse ja nicht dazu führen, dass man „die kritische Auseinandersetzung mit dem Holocaust“ schlicht beiseiteschiebe.

Für Jürgen Habermas stellt sich „die Erinnerung an unsere bis vor kurzem verdrängte Kolonialgeschichte“ als „eine wichtige Erweiterung“ dar. Mit der Immigration müsse sich unsere politische Kultur ergänzen, so dass sich Zugewanderte „darin wiedererkennen können“ – mit ihrem Erbe und „gegebenenfalls auch ihrer Leidensgeschichte“.

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