Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Auschwitz-Birkenau.
+
Auschwitz-Birkenau.

Timothy Snyder „Black Earth“

Der Holocaust kann sich wiederholen

Das neue streitbare Buch des US-Historikers Timothy Snyder heißt „Black Earth“ und geht den politischen Verkettungen nach, die aus seiner Sicht zum Holocaust geführt haben. Klar ist: „Black Earth“ wird Debatten auslösen.

Von Dirk Pilz

Dieses Buch wird Debatten auslösen. Es wird um Details gehen, um die wissenschaftliche Methode, den Stand der Forschung. Vor allem aber stellt es grundlegende Fragen. Kann man aus der Geschichte lernen? Wiederholt sie sich?

Vor fünf Jahren veröffentlichte der US-amerikanische Historiker Timothy Snyder sein Buch „Bloodlands“, ein Territorium vom Baltikum bis zur Ukraine, in dem Hitler und Stalin gleichermaßen morden ließen. Wird die stalinistische und nationalsozialistische Diktatur damit gleichgesetzt? Haben Holocaust und Sowjet-Terror vergleichbare Ursachen? Das war damals die Diskussion.

Jetzt greift Snyder mit „Black Earth“ diese Frage wieder auf: Wie konnte der Holocaust entstehen? Und wie in „Bloodlands“ geht es ihm darum zu zeigen, dass er nicht zufällig in einem „schwarzen Loch“ stattfand. Das Buch ist dabei bemerkenswerterweise frei von jenen Diskursen, die vor allem in Deutschland geführt werden, den Fragen nach der Vor- und Darstellbarkeit des Holocaust etwa. Snyders Perspektive ist die politische Geschichte, der Holocaust für ihn entsprechend das Produkt von Politik, nicht von unvorstellbaren, dämonischen Mächten. Das ist ein Vorteil, denn es erlaubt eine politische Erklärung des Geschehens.

Das erste Kapitel ist deshalb Hitlers „ökologischer Politik“ gewidmet, seiner fatalen Gleichsetzung von Politik und Natur, indem er mit dem angeblich bedrohten „Lebensraum“ durch „die Juden“ argumentiert und sie zur bedrohlichen Gruppe stigmatisiert. Entscheidend für Snyder ist hier Hitlers „logischer Zirkel“, in dem Gesellschaft gleich Natur, weil Natur gleich Gesellschaft gilt. Daraus leitet Hitler seine Politik ab, für die es nur „das Gesetz des Dschungels“ gibt. Er hebt damit die Differenzen zwischen Wissenschaft und Politik, Natur und Mensch auf, für Snyder ein generelles Kennzeichen diktatorischer Politik.

Den Holocaust allein mit Antisemitismus zu erklären, gilt ihm deshalb als unpolitische Erklärung. Das sei, schreibt er, eine „Hinterlassenschaft“ der NS-Ideologie: „Die rassistische und kolonialistische Vorstellung, wonach der Holocaust als gewaltiger Ausbruch eines primitiven Antisemitismus begann, entstand als NS-Apologetik, ja als NS-Propaganda.“ Er sieht hier eine Verdrängung am Werk, die uns Nachkommenden das Gefühl der Überlegenheit verschaffe, „ähnlich dem, das die Nationalsozialisten damals empfanden. Wir erlauben uns den Gedanken, dass diese Menschen doch ziemlich primitiv sind“. Man tappe so in die „Falle des Ethnizismus und der Zuschreibung kollektiver Verantwortung“ und rede „im Bunde mit nazistischen und sowjetischen Propagandisten einer Abschaffung des politischen Denkens und der Aufhebung individueller Verantwortung das Wort“.

Ohne Politik geht das nicht

 Das sind kräftige Vorwürfe gegen eine wirkmächtige Linie im wissenschaftlichen und öffentlichen Umgang mit dem Holocaust. Sie speisen sich aus Snyders Überzeugung, dieser beispiellose Massenmord wäre ohne „bestimmte politische Verkettungen“ unmöglich gewesen. Genau diese Verkettungen schildert er so ausführlich wie eingängig; er schaut dabei detailliert auf Polen und Palästina, auf Einzelschicksale und den „Mut außergewöhnlicher Einzelner“.

Seine These in jedem der zwölf Kapitel ist, dass erst die Zerstörung staatlicher Strukturen den Holocaust ermöglicht hat. Deshalb fand er vor allem im „schwarzen Loch“ der entstaatlichten Territorien statt. Juden, schreibt er, hatten dort eine Chance zu überleben, wo der Staat intakt war, wo es eine funktionierende Bürokratie gab. Die Bürokratie stehe zwar im Ruf, die Juden ermordet zu haben, tatsächlich sei es aber die Beseitigung der Bürokratie gewesen, die Juden tötete.

Das ist eine der Zuspitzungen, zu denen sich Snyder zuweilen verleiten lässt. Dass ein Mann wie Adolf Eichmann so gut wie keine Rolle bei ihm spielt, ist symptomatisch: Eichmann ist der Beleg dafür, dass Bürokratie sehr wohl auch töten kann. Allerdings ließ auch er in staatenlosen Gebieten morden, insofern trifft Snyders Analyse zu.

Deshalb ist Auschwitz für ihn nicht der zentrale Ort des Holocaust, er sei in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg vielmehr „ein ziemlich brauchbares Symbol“ geworden, um die „groteske Behauptung“ plausibel erscheinen zu lassen, die Deutschen hätten nichts vom Massenmord gewusst. Man habe sich nicht mit der Tatsache auseinandersetzen müssen, „dass Menschen, die sich gar nicht so sehr von uns unterscheiden, andere Menschen, die sich gar nicht so sehr von uns unterscheiden, in unmittelbarer Nachbarschaft ermordeten“.

Das will Snyder als Mahnung verstanden wissen. Sie mündet in ein Schlusskapitel, das streitbarste überhaupt. Denn Snyder tut hier etwas höchst Ungewöhnliches: Er skizziert Szenarien, die einen Holocaust zukünftig wieder möglich machen könnten. Zunächst argumentiert er auf anthropologischer Ebene, indem er behauptet, nur die wenigsten von uns würden sich anständig verhalten, wenn Staaten zerstört, lokale Institutionen korrumpiert und Marktanreize auf Mord ausgerichtet wären. Er plädiert deshalb, sehr zu recht, für einen starken demokratischen Staat.

Dann aber schildert er mit Blick auf China, die USA, den Klimawandel gegenwärtige politische Zusammenhänge, die die Wiederholung eines Holocaust als reale Gefahr erscheinen lassen. Selten liest man derart Beunruhigendes, zumal dieses Buch jetzt in einem Europa erscheint, das seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mehr so verunsichert und herausgefordert ist. Auch deshalb wird „Black Earth“ zu diskutieren sein.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare