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Warlam Schalamow

In Hoffnungslosigkeit vollendet

Ein Vergleich mit Solschenizyn erhellt das Schicksal des Schriftstellers, dessen "Erzählungen aus Kolyma" in der Sowjetunion keine Chance hatten.

Von OLGA MARTYNOVA

Erstaunlich, wie anders die Literaturgeschichte aussieht, wenn wir sie nicht von außen, sondern von innen betrachten. Das verzerrt zwar etwas das Gesamtbild und kann eventuell ein Gefühl von Beliebigkeit, Zufälligkeit aller Geschehnisse suggerieren (was allerdings nicht ganz wahr ist), doch ist es sehr spannend, hinter die Fassade zu blicken, um die verdeckten Mechanismen der Geschichte zu beobachten.

Der 2003 in Deutschland gestorbene russische Exil-Autor Georgi Wladimow (ein exzellenter Romancier, dessen Roman über den Zweiten Weltkrieg "Der General und seine Armee", dt. 1997 bei Volk & Welt, leider fast unbemerkt blieb) war in den 60er Jahren Lektor bei der berühmten Zeitschrift Nowyj Mir (Die Neue Welt), die 1962 Solschenizyns "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch" veröffentlichte, ein Ereignis, das zum Symbol der Chruschtschowschen Liberalisierung wurde. Wladimow erzählte gerne aus seinem Leben, auch über Die Neue Welt und deren Redakteur Alexander Twardowskij.

Eine seiner Geschichten erklärt, warum "Erzählungen aus Kolyma" von Warlam Schalamow, deren Übersetzung im vorigen Jahr eine hohe Aufmerksamkeit des deutschen Feuilletons auf sich zog und in diesem Jahr fortgesetzt wird, das ruhmreiche Schicksal des "Einen Tages" nicht teilen durften: Der Redakteur Twardowskij hatte die Wahl zwischen Schalamow und Solschenizyn.

Nach Meinung der Obrigkeit und auch seiner eigenen Vorstellung entsprechend hatte er nur einen Versuch frei, um ein GULAG-Werk zu profilieren; es gab nur eine Position für einen GULAG-Autor in der sowjetischen Literatur. Er musste eine Entscheidung treffen. "Verstehen Sie", gestand Twardowskij, "Schalamow mag ein besserer Schriftsteller sein. Aber" - und hier begannen die verdeckten Mechanismen zu arbeiten - "Solschenizyn hat einen Roman, der in einem Stück veröffentlicht werden kann. Selbst wenn die Zensur ihn entstellt, bleibt er als Werk erhalten. Bei Schalamows Kurzgeschichten würde die Zensur die besten Texte einfach rausschneiden, und der Rest würde untergehen."

So wurde entschieden - sozusagen zensurtechnisch - , dass es Alexander Solschenizyn sein würde, der den Nobelpreis bekommt, ins Exil geht, die ganze Menschheit und insbesondere das russische Volk belehrt, "nicht in Lüge zu leben", feierlich in einem Sonderzug durch das ganze Land nach Moskau zurückkehrt, sich in einer ehemaligen Funktionärs-Datscha ansiedelt und von Zeit zu Zeit den russischen Präsidenten zum Tee und zu einem erbaulichen Gespräch empfängt. Und nicht mehr richtig ernst genommen wird, bis er 90-jährig stirbt.

Obwohl Solschenizyn in den letzten Jahrzehnten seines Lebens eine eher umstrittene Figur war - weil er sich selbst zum Gewissen der Nation erklärte, weil er sich antisemitische Äußerungen erlaubte, weil es hieß, er sei im Lager als Informant tätig gewesen (was, genau wie nun im Fall Milan Kundera, weder bewiesen noch widerlegt wurde). Trotz allem veranlasste Solschenizyns Tod viele, vom Ende einer Epoche, ja sogar vom wirklichen Ende des 20. Jahrhunderts zu sprechen: So hypnotisch wirkt der Ruhm.

Und Schalamow? Heute gehört sein Werk zum Kanon der russischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Zu Lebzeiten jedoch konnte er keinen einzigen Absatz aus seinen "Erzählungen aus Kolyma" in Russland publizieren und starb 1982 verbittert, krank und einsam in einer Nervenklinik, wohin er aus einem Altersheim überwiesen worden war.

Der 1907 in Nordrussland geborene Schalamow kam in den 20er Jahren nach Moskau, wo er als Student und junger Literat lebte, bis er 1929 zum ersten Mal verhaftet und ins Lager geschickt wurde. 1932 war er wieder in Moskau und arbeitete als Journalist. 1937 - im Jahr des Großen Terrors - wurde er erneut festgenommen: An diesem Punkt beginnt sein Kolyma-Leben. Kolyma ist eine an Bodenschätzen sehr reiche Region, deren Böden aber dermaßen hart, fast immer zugefroren sind, dass diese Schätze ihr kaum zu entreißen sind. Stalin benutzte die Sklavenarbeit der Häftlinge: Das GULAG-System war nicht nur durch die Paranoia des Tyrannen bedingt - es war auch ein Wirtschaftsfaktor. Zu sagen, dass die Häftlinge unter unmenschlichen Umständen lebten und arbeiteten, hieße, nichts zu sagen. Man sollte Bücher von Schalamow lesen, um sich eine Vorstellung davon zu machen. Das Allerschlimmste waren die Kriminellen, die den Polithäftlingen ungehindert alles (samt ihrer menschlichen Würde und ihres Lebens) wegnehmen konnten - das Schlimmste war also nicht die Natur, sondern die Menschen selbst. All das erzählt Schalamow schonungslos präzise, sachlich und knapp.

Wohl das bekannteste Schalamow-Zitat ist: "Kein einziger Mensch wird besser oder stärker durch das Lager". Seine in jedem Text präsente Erbitterung hat viele zu der Meinung verführt, Schalamow sei ein Misanthrop, ein Feind jeder Hoffnung, ein grundsätzlicher Skeptiker. Die Geschichte der zu Feindschaft entarteten Freundschaft zwischen Schalamow und dem elf Jahre jüngeren Solschenizyn hat viele Seiten, auch diese. Solschenizyn verstand es, seine Lagerberichte mit großen Ideen zu zieren. Schalamow wollte nur das erzählen, was er erlebt hatte. Solschenizyn ging es um Politik und seine eigene Stellung als Prophet. Schalamow war von den Abgründen der menschlichen Natur als solcher entsetzt, und diese universale Botschaft war ihm wichtiger als jede Politik.

Nach der Veröffentlichung von "Einen Tag im Leben des Iwan Denissowitsch" schrieb Schalamow einen langen Brief an Solschenizyn: eine seltsame Mischung aus Begeisterung und Enttäuschung. Zwischen Lobesworten werden diverse faktische Ungereimtheiten aufgelistet, die, im Grunde genommen, die Authentizität der Lagererfahrung Solschenizyns in Frage stellen: Es hat unmöglich sein können, dass es weit und breit keine Kriminellen gab, unmöglich, dass ein Kater im Lager herumspazierte - man hätte ihn sofort getötet und verspeist -, unmöglich, dass man das Brot in seiner Matratze aufbewahren konnte und sogar ein Kopfkissen hatte.

"Zu gerne hätte ich ein Jahr damals in so einem Lager verbracht!", schreibt Schalamow. Später, als die Beziehung zwischen den beiden Autoren immer schlechter wurde, beschuldigte Schalamow Solschenizyn, er instrumentiere den Kalten Krieg für die eigene Karriere. Schalamow selbst wollte nicht an einer Dissidenten-Bewegung teilnehmen. Er wollte nur schreiben und publizieren. Und damit seinen Lebensunterhalt bestreiten.

Als seine Erzählungen in den Emigrantenzeitschriften im Westen erschienen, empfand Schalamow diese von ihm nicht bewilligte Veröffentlichung als Raub seines geistigen Eigentums und als Ende jeglicher Hoffnung, seine Kolyma-Erzählungen jemals in der Sowjetunion gedruckt zu sehen. Er antwortete darauf mit einem offenen Brief in der offiziellen Zeitung der Sowjet-Schriftsteller, Literaturnaja Gaseta, in dem er sich von seinem Werk lossagte und die Emigranten-Presse der Provokation beschuldigte. Somit hatte er nun alle gegen sich: die offiziellen Schriftsteller, die ihn niemals als ihresgleichen anerkannten, und die Berufsdissidenten und Emigranten.

Das verschärfte noch die Tragik seines Lebens. Mit unerklärbarer Härte, die verdächtig nach Genugtuung aussah, reagierte Solschenizyn auf diese Geschichte: "Warlam Schalamow ist tot."

Czeslaw Milosz bemerkte einmal, dass es die Aufgabe der Kunst sei, die unerträgliche Wahrheit über den Menschen auszusprechen und die Welt erträglicher zu machen. Nur sehr wenige Autoren, unter ihnen Schalamow, sehen es anders. Seine "Erzählungen aus Kolyma" sind in der Weltliteratur mit nur sehr wenigen Werken vergleichbar, vielleicht mit den Texten von Tadeusz Borowski über Auschwitz, die ebenso von einer grundsätzlichen Enttäuschung von der menschlichen Natur zeugen. Die Reaktion Solschenizyns auf Schalamow ist den Vorwürfen nicht unähnlich, die Czeslaw Milosz, ebenfalls Nobelpreisträger, gegen Borowski erhob.

Vielleicht war nicht nur die Zensur der Grund für Twardowskijs Wahl. Vielleicht erschien Schalamows Wahrheit auch Twardowskij zu kompromisslos. Wie so viele privilegierte sowjetische Intellektuelle seiner Generation kam er nicht ohne Kompromisse mit der Macht aus. Oder wusste er, der alte Fuchs, dass die nackte Wahrheit keinen Literaturnobelpreis bekommt?

Wenn man heute über Schalamow spricht, spricht man meistens über die unendliche Tragik seines Lebens. Zweifellos ist das richtig. Ich möchte zum Schluss jedoch Irina Sirotinskaja, die letzte Lebensgefährtin Schalamows, zitieren, über die er sagte, sie habe ihm zehn Jahre Leben und Glück geschenkt: "Er sagte oft über jemanden: ‚Sein Leben war ein Misserfolg wie ein jedes menschliche Leben'. Sein Leben scheint ungeachtet seiner Tragik herzzerreißend vollendet gewesen zu sein. Es passierte eben das, was beim Zusammenstoß eines starken, harten und unbeugsamen Menschen mit dem Staat passieren musste."

Diese Worte geben dem Leben Schalamows Sinn und Zweck. Er hat gesiegt. Ob die Bedeutung dieses Sieges ausreichend wahrgenommen und verstanden wird, bleibt noch offen. Hoffen wir, dass die mehrbändige Ausgabe von Matthes & Seitz uns diesem Verständnis näher bringt.

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