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Von Hoffnungen und Bedrängnissen

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Wolfgang Mattheuer spricht über seine Kunst in der alten und neuen Zeit.
Wolfgang Mattheuer spricht über seine Kunst in der alten und neuen Zeit. © U.Mattheuer-Neustädt/Kerber

Lesenswert, weil sie nicht der Routine folgend: Interviews, die der Kunst- und Theaterkritiker Peter Iden, langjähriger Feuilleton-Leiter der Frankfurter Rundschau, in einem Band vorlegt. Von Eduard Beaucamp

Von EDUARD BEAUCAMP

An Interviews besteht kein Mangel. Auch die Feuilletons sind heute von diesem Genre überflutet. Das Interview drückt sich auf weiten Strecken um Analysen und Urteile. Freiwillig räumt der Kritiker das Feld und überlässt dem Künstler vielfach eine vorteilhafte Selbstkommentierung.

Jetzt hat auch der Kunst- und Theaterkritiker Peter Iden, der langjährige Feuilleton-Leiter der Franfurter Rundschau, einen Band mit Interviews vorgelegt, die fast alle im Auftrag der Kunstsammlungen in Chemnitz und vielfach im Kontext von Ausstellungen und Erwerbungen zustande kamen. Als Herausgeberin figuriert daher Ingrid Mössinger, die überaus erfolgreiche Chemnitzer Museumsdirektorin, die in ihren zwölf Dienstjahren dem Haus im südöstlichen Winkel Sachsens zu bemerkenswerten Ausstellungen und Stiftungen verholfen hat. Sie beschließt die Parade der sechzehn Interview-Partner Idens. Mössingers größter Coup war die Übernahme und feste Bindung der Sammlung des Münchner Kunsthändlers Gunzenhauser: Ein Jahrhundert deutscher Moderne ist damit in einem eigenen Galeriegebäude, einer umgebauten Sparkasse, in Chemnitz verankert.

Den Zyklus der Interviews eröffnet, recht ambitiös, ein Gespräch mit Helmut Schmidt, der sich aber nicht auf wehleidige Kulturkritik einlassen will: Er teilt nicht die Sorge um einen notleidenden Kunstbetrieb, hält diesen heute eher für zu großspurig und warnt vor jedem politischen Kulturlobbyismus. Idens Gespräche sind lesenswert, weil sie nicht der Routine folgen und keine anekdotischen Erwartungen bedienen, vielmehr auf Klärung ästhetischer Fragen drängen. Aus genauer Kenntnis und in sensibler Zuneigung bringt er die befragten Künstler zur Aussprache ihrer innersten Motivationen, ihrer Hoffnungen und Bedrängnisse. Iden skizziert den Werdegang der Künstler und den Standpunkt des Werks. Seinen Interviews stellt er kurze Einführungen voran und beschreibt die Atelierbesuche in meist szenischen Tableaus.

Willkommen ist, dass er nicht nur die sattsam bekannten und auftrumpfenden Matadoren, die den Betrieb und die Medien heute beherrschen, vorstellt, sondern auch zurückhaltende, subtile und introvertierte Künstler. Neben Baselitz, Lüpertz oder Kiefer kommen hier auch Gotthard Graubner, Raimund Girke, Georg Karl Pfahler oder Lothar Quinte zu Wort, lauter Vertreter einer Generation abstrakter "Fundamentalisten", die einst so prägend war für die westdeutsche Nachkriegskunst.

Iden macht kein Hehl daraus, dass er hier ästhetisch zu Hause ist. In den frühen sechziger Jahren erlebte er, wie er einmal bemerkt, seine "Schule des neuen Sehens" in südwestdeutschen Ateliers und Galerien. Die abstrakten Bildsprachen, die spontane Setzung und eruptive Geste, die Form, die sich nicht mehr vom Gegenstand bevormunden lässt, die "totale Freisetzung der Farbe", all das umschreibt den Rahmen, in dem sich Idens Vorstellungen, Kriterien und Ideale bewegen. "Malerei ist", so sagt er, "Reaktion auf Welt. Entscheidend ist aber, dass sie selber ein Stück Welt schafft, die eigengesetzliche Welt des Bildes". Kunst, die sich über die "Materialität von Farbe und Leinwand" hinaushebt, ziele dahin, "wo vielleicht Wahrheit ist". Solche Erinnerungen an eine unangefochtene, utopische Moderne, die noch nicht durch Schaustellerei und Kommerz pervertiert war, liest man heute nicht ohne Bewegung.

Eingangs macht sich Peter Iden im Gespräch mit Helmut Schmidt Sorgen um den deutschen Vereinigungsprozess und die Rolle der Künste.

Ingrid Mössinger und er haben durch ihre Chemnitzer Aktivitäten zweifellos viel dafür getan, den Westen in den Osten zu transferieren. Leider blieb die Gegenbewegung aus, ein Transfer bester Ostkunst in die westdeutschen Museen und Sammlungen. Auf ähnlich verständnisvolle und eindringliche Einlassungen mit ostdeutschen Künstler und ihren Mentalitäten warten wir bis heute vergeblich. Nach dem Tod des Sammlers Peter Ludwig hat sich in dieser Hinsicht im Westen nichts mehr bewegt. Im Gegenteil: Die kapitalen Ostkunst-Vermächtnisse, die Ludwig seinen Vertragsmuseen hinterließ, werden bis heute in Depots unter Verschluss gehalten; damit werden dem Publikum Vergleiche vorenthalten.

Einem blasierten Westen gilt die Ostproduktion immer noch als inferior, unfrei und verzichtbar. Zwar konnte sich die Ostkunst nicht in der westlichen Vielfalt und kontroversen Fülle entfalten, aber in den Spitzen ist sie der Westkunst keineswegs unterlegen. Es spricht für Iden, dass er den Leipziger Trotz-Maler Wolfgang Mattheuer, aber auch seinen Widerpart, Norbert Tadeusz, der dem westlichen "Formalismus" und Konformismus und sogar seinem Lehrer Beuys widersprach, als Gesprächspartner aufnahm.

Es war übrigens Helmut Schmidt, der bereits vor der Wende sein offizielles Kanzler-Porträt vom Leipziger Maler Bernhard Heisig malen ließ und damit seine Bewunderung bezeugte.

Peter Iden: Vom Glück, ein Künstler zu sein. Interviews. Hrsg. von Ingrid Mössinger. Kerber Verlag Bielefeld/Leipzig 2008, 256 Seiten, 38,50 Euro.

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