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E.T.A. Hoffmann zum 200. Todestag: „Eine verhängnisvolle schwere Zeit hat den Menschen mit eiserner Faust ergriffen“

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Von: Wilhelm v. Sternburg

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Aus Bewunderung für Mozart änderte er seinen dritten Vornamen von Wilhelm zu Amadeus und wurde E.T.A. Hoffmann. Stich um 1820
Aus Bewunderung für Mozart änderte er seinen dritten Vornamen von Wilhelm zu Amadeus und wurde E.T.A. Hoffmann. Stich um 1820 © epd

Zum 200. Todestag des Schriftstellers, Komponisten, Malers und preußischen Beamten E.T.A. Hoffmann

Viele glauben damals, das Männlein, dem sie in den Gassen von Bamberg oder Berlin begegnen, sei direkt vor ihnen aus einer seiner gespenstischen und grotesken Geschichten in die wirkliche Welt gesprungen. Häufig in Selbstgespräche vertieft, eilt er in quirligen Sätzen voran, übernervös und nach dem Genuss vieler Gläser Punsch mit leicht schwankendem Gang. Wenige dürften ahnen, dass dieser seltsame, auffallend klein gewachsene Mensch in den kommenden beiden Jahrhunderten als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Autoren seiner Zeit bewundert werden wird.

Ernst Theodor Amadeus Hoffmann ist Schriftsteller, Komponist und Maler. Er ist Romantiker und ein Realist, der von der Welt und ihrer umtriebigen Bewohnerschaft ein komisches und schauerliches, ironisches und sarkastisches Bild zeichnet. Er ist Künstler und preußischer Staatsbeamter. Geldsorgen begleiten ihn sein ganzes Leben lang, weil Beamtengehalt und Buchhonorare rasch in die Gasthäuser getragen oder am Spieltisch verloren werden. Er ist gesellig in den nächtlichen Punschstunden und vereinsamt doch mehr und mehr in seinen meist kärglichen Zimmern und Wohnungen. Er trinkt zu viel, hat kleine und größere Affären, liebt gleichwohl seine ihm tief zugeneigte polnische Ehefrau, wechselt Wohnorte und Berufe: eine unruhige Existenz. „Das Alltagsleben ekelt mich mit jedem Tag mehr an“, lässt er seinen wichtigsten Lebensfreund Gottfried Friedrich von Hippel 1806 als 30-Jähriger wissen.

In diesem Jahr vertreibt Napoleons polnischer Feldzug die Preußen und damit auch den Justizbeamten Hoffmann aus Warschau. Schon vorher hat er Ärger, als er während seiner Zeit in Posen die Gesellschaft der Stadt mit höchst ironischen Karikaturen bloßstellt und daraufhin für zwei Jahre in die polnische Provinz versetzt wird. Liebesschmerz und gescheiterte Berufspläne führen später zur Flucht aus Bamberg, wo er als Kapellmeister, Dramaturg und Kulissenmaler am Theater tätig war. Hoffmanns Kompositionen finden nur selten einen Verleger, die Oper „Undine“ teilt das Schicksal der romantischen Opern von Franz Schubert und Robert Schumann, auch sie wird übersehen.

Erst spät folgen seine ersten literarischen Veröffentlichungen. „Die Wochentage bin ich Jurist und höchstens etwas Musiker“, schreibt er aber schon 1796 an Hippel, „sonntags am Tage wird gezeichnet und Abends bin ich ein sehr witziger Autor bis in die späte Nacht.“ Mit der kurzen Geschichte „Ritter Gluck“ stellt er sich dem Publikum 1809 vor. Seine letzte große Erzählung, „Meister Floh“, erscheint kurz vor seinem Tod 1822. In diesen knapp 13 Jahren macht sich der Dichter E.T.A. Hoffmann unsterblich. Meisterwerke erscheinen. Sie reichen von „Der goldene Topf“ bis zur Novelle „Der Sandmann“, von den „Elixieren des Teufels“ bis zu den „Lebensansichten des Katers Murr“ und den fantastischen Berichten des Kapellmeisters Johannes Kreisler. Das literarische Werk wird seinen Schöpfer nicht reich machen, aber der Name Hoffmann hat schon zu seinen Lebzeiten einen besonderen Klang.

Seine Erzählkunst setzt auf das Grausige und das Komische zugleich. Sie fesselt und sie beunruhigt. Sie spiegelt bis ins Detail die Wirklichkeit von Hoffmanns Zeit (Orte, Straßen, Wohnungen) und wechselt doch übergangslos ins Unwahrscheinliche und Fantastische. Der berühmte Komponist Christoph Willibald Gluck ist 1809, als der Erzähler ihm im Berliner Tiergarten leibhaftig und sehr lebendig begegnet, schon mehr als zwanzig Jahre tot. Auch der Naturforscher Antoni van Leuwenhoek erklärt im „Zweiten Abenteuer“ des „Meisters Floh“: „Ihr seid der einzige Mensch in der ganzen Stadt Frankfurt, welcher weiß, dass ich begraben liege in der alten Kirche zu Delft... .“

Präsent in fast allen Märchen und Erzählungen ist der Doppelgänger. Nicht bloß ein närrischer Einfall – das Leben des Künstlers Hoffmann wird tatsächlich stets vom Schatten des preußischen Beamten Hoffmann verfolgt. 1806 notiert er im Tagebuch: „Alle Nerven excitiert von dem gewürzten Wein – Anwandlungen von Todesahnungen – Doppel-Gänger.“ Und Hippel erreichen 1815 die bitteren Sätze: „Erinnere Dich, teuerster Freund! dass es nie meine Idee war, zur Justiz zurückzukehren, denn zu heterogen ist sie der Kunst, der ich geschworen.“ Das schreibt er nach dem Wiedereintritt in den Staatsdienst, weil Dichtung und Musik allein ihn nicht ernähren können.

Freund Hippel blickt nach dem Tod des Dichters auf die gemeinsame Studentenzeit zurück: „Eine Eigentümlichkeit Hoffmanns war es in jener Zeit auch, dass er nie über Religion, Politik oder Staatsbehörden sprach“, bei politischen Diskussionen sei er rasch schweigsam geworden. Das hat sich später deutlich geändert. Hoffmann – das unterscheidet ihn von den meisten seiner intellektuellen Kollegen aus der „romantischen Schule“ – bleibt auch dann noch ein überzeugter Aufklärer und Liberaler, als Napoleon in St. Helena seine Erinnerungen diktiert und das reaktionäre Deutschland bereits wieder die Herrschaft übernommen hat. Die Brüder Schlegel oder Ludwig Tieck, Achim von Arnim oder Clemens von Brentano werden nach den Befreiungskriegen konservative Bekenner, die zwar in den Berliner Salons brillieren, in deren Prosa sich aber zunehmend peinlich frömmlerische Töne einschleichen. Im Briefwechsel zwischen Arnim und Brentano wird die Judenfeindlichkeit unübersehbar.

Frömmelei, Reaktion und Realitätsverdrängung bleiben Hoffmann hingegen zutiefst fremd. Sein satirischer Blick auf die gesellschaftliche Wirklichkeit ist unbestechlich, und sie spiegelt sich nicht nur in seinen literarischen Werken, sondern auch in seinen meist humorvollen, gelegentlich aber seine Zeitgenossen auch mit aller Schärfe entlarvenden Karikaturen. 1820 bezeichnet er die von den Karlsbader Beschlüssen bestimmte Politik der Zensur und „Demagogenverfolgung“ als „ein ganzes Gewebe heilloser Willkür, frecher Nichtachtung aller Gesetze, persönlicher Animosität“.

Hoffmann verschließt die Augen auch nicht, als er mit dem Grauen des Krieges konfrontiert wird. 1813 wird er Augenzeuge der Beschießung von Dresden und berichtet einem Freund die Szene ganz im Stile eines kühl beobachtenden Kriegsreporters: „Wir sahen ganz gemütlich mit einem Glas Wein in der Hand zum Fenster heraus, als eine Granate mitten auf dem Marktplatz niederfiel und platzte – in demselben Augenblick fiel ein westfälischer Soldat, der eben Wasser pumpen wollte, mit zerschmettertem Kopf nieder.“

Hoffmann wird geboren, als der Absolutismus in seine letzte Phase tritt und der Sturm auf die Bastille eine politische und gesellschaftliche Wendezeit ankündigt. In seiner Geburtsstadt Königsberg verkündet in diesen Jahren Immanuel Kant seine philosophischen „Kritiken“, und der Herrscher Preußens ist der Kriegsabenteurer und Reformer Friedrich II.. Bereits sechs Monate nach Hoffmanns Geburt am 24. Januar 1776 hatten die nordamerikanischen Kolonisten ihre Unabhängigkeit von der englischen Krone erklärt. Es ist die Ouvertüre für ein Zeitalter, in dem Politik und Wissenschaft, Technik und Wirtschaft sich in rasender Geschwindigkeit verändern. Der Dichter Hoffmann weiß, wie diese Revolutionen die Menschen zu überwältigen drohen, sie verunsichern, ihre Sehnsucht nach Rückkehr in eine vermeintlich so überschaubare Vergangenheit steigern, sie das Unerklärbare zu erklären versuchen. In seiner humoristischen Groteske „Klein Zaches genannt Zinnober“ kritisiert der Bewunderer der Schriften Kants und Lessings nicht nur die Fehlentwicklungen einer falsch verstandenen Aufklärung, sondern weiß auch staatliche Willkür mit beißender Ironie zu geißeln: „Ehe wir mit der Aufklärung fortschreiten, d. h. ehe wir die Wälder umhauen, den Strom schiffbar machen, Kartoffeln anbauen, die Dorfschulen verbessern, Akazien und Pappeln anpflanzen, die Jugend ihr Morgen- und Abendlied zweistimmig absingen, Chausseen anlegen und die Kuhpocken einimpfen lassen, ist es nötig, alle Leute von gefährlichen Gesinnungen, die keiner Vernunft Gehör geben und das Volk durch lauter Albernheiten verführen, aus dem Staat zu verbannen.“

Der Künstler Hoffmann erkennt illusionslos, in welche politische Dramen auch sein Leben eingesponnen ist. „Welcher Künstler hat sich schon um die politischen Ereignisse des Tages bekümmert“, sagt 1813 sein Alter Ego, der Kapellmeister Kreisler, „er lebte nur in seiner Kunst, und nur in ihr schritt er durch das Leben; aber eine verhängnisvolle schwere Zeit hat den Menschen mit eiserner Faust ergriffen, und der Schmerz presst ihm Laute aus, die ihm sonst fremd waren.“

Die Politik lässt ihn selbst in den Monaten des Sterbens nicht aus ihren Fängen. Hoffmann steht dem zunehmenden Fanatismus der von den gesellschaftlichen Entwicklungen der Nach-Napoleon-Zeit tief enttäuschten Studenten und Professoren, ihrer Agitation gegen Fürsten und Kleriker, gegen französische Literatur und italienische Musik zwar distanziert gegenüber, aber er lehnt die wachsende Unterdrückungspolitik der Wiener und Berliner Staatskanzleien vehement ab.

Schon 1815 hat er über seinen Beamtenalltag gespottet: „Allerlei Diebe, Notzüchtiger, Betrüger pp liegen auf dem grünen Tisch und warten, dass ich sie einigermaßen prügle und ins Zuchthaus schicke.“ Seit dem tödlichen Attentat des Studenten Carl Ludwig Sand auf den Dichter August von Kotzebue am 23. März 1819 aber gibt es nichts mehr zu lachen. Hoffmann, inzwischen Rat am Berliner Kammergericht, wird zum Mitglied der „Immediat-Commission zur Ermittlung hochverräterischer Verbindungen und anderer gefährlicher Umtriebe“ ernannt. Er protestiert gegen die Verhaftung des „Turnvaters“ Jahn und verlangt und erwirkt seine Entlassung aus dem staatlichen Verfolgungsorgan. Das Ende des Disziplinarverfahrens, mit dem der preußische Staat seinen störrischen Beamten daraufhin abstrafen will, erlebt Hoffmann nicht mehr. „Abends mich mit Mühe heraufgeschraubt – durch Wein und Punsch“, lautet eine der letzten Tagebucheintragungen. Heute vor 200 Jahren, am 25. Juni 1822, stirbt der schon lange leidende Dichter.

Ein Biograph hält 1926 bewundernd fest: „Hoffmann hat Berlin literarisch Gesicht gegeben. Er hat für Berlin getan, was Balzac, der ihm so seltsam seelisch verwandte, für Paris getan hat.“ Aber das ist längst nicht alles: Als Europas Moderne ihre Morgendämmerung erlebt, findet sie in E.T.A. Hoffmann einen ihrer ersten kritischen Deuter und skeptischen Warner. Nicht zuletzt ist er ein Verkünder des Absurden der menschlichen Existenz.

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