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E.T.A. Hoffmann im Romantik-Museum in Frankfurt: Womöglich gleich hinter der nächsten Ecke

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Von: Judith von Sternburg

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Hoffmann-Zeichnung vom Kapellmeister Kreisler im Wahnsinn.
Hoffmann-Zeichnung vom Kapellmeister Kreisler im Wahnsinn. © Sammlung Archiv für Kunst und Geschichte Berlin

Die E.T.A.-Hoffmann-Ausstellung „Unheimlich Fantastisch“ im Deutschen Romantik-Museum zeigt das Lebenswerk des Multitalents.

Der Abstand zu Stift und Papier wächst weiter, und man kann sich noch nicht sicher sein, wie zwangsläufig, günstig oder grausig das ist. Nun führt auch die neue Ausstellung im Deutschen Romantik-Museum in die unsereinem noch ganz vertraute Zeit, in der eine geläufige Handschrift das Selbstverständlichste auf der Welt war. Das galt schon für die erste Wechselausstellung im jungen Frankfurter Museum („Zeichnen im Zeitalter Goethes“), und in der jetzt eröffneten Ausstellung zum 200. Todestag von E.T.A. Hoffmann ist die Frage des Mediums ebenfalls keine beiläufige, sondern eine zentrale.

Es ist nicht auszudenken, was Hoffmann mit den elektronischen Medien angestellt hätte. Es ist aber zugleich nicht zu leugnen, dass ein Mensch, dem jedes Mittel zum Ausdruck recht ist, in der analogen Sphäre bereits alles vorfindet, was er braucht. Warum fällt das ausgerechnet hier so auf? Weil E.T.A. Hoffmann ein Kurznachrichtenschreiber und eine Plaudertasche ist, und wenn er nicht schreibt, dann stellt er eine freche Zeichnung her. Ständig will etwas aus ihm heraus. Und wenn nicht aus ihm, dann aus seinem Avatar, dem Kapellmeister Kreisler, der für ihn manches schrieb und unterschrieb.

Wenn Hoffmann eine Skizze vom Gendarmenmarkt in Berlin zeichnet, dann spazieren nicht nur Brentano und Tieck umher, sondern auch ein Vogel Strauß und ein Affe, und in der Ecke erleichtert sich ein Anonymus, weil nichts so blöde ist, dass man es nicht auch einmal hinzeichnen könnte. Und wenn er dem Freund seinen Kater von der vergangenen Nacht schildert, so ist er doch bereits aufgelegt, abends zu neuen Bummeleien mit ihm auszuziehen (dazu ein Bildchen wie drangehängt). Hoffmann ist nicht wegen seiner Alkoholprobleme unser Zeitgenosse, sondern wegen der Unmittelbarkeit des Kontaktes, der in einer fiktiven, aber kraftvollen Echtzeit stattfindet. Die Nachrichten müssen eigentlich hinausschnellen wie E-Mails.

Ludwig Buchhorns Hoffmann-Kupferstich.
Ludwig Buchhorns Hoffmann-Kupferstich. © Staatsbibliothek Bamberg

Natürlich kann das nicht sein. Darum geht es ja gerade. Aus dem Alltag erwächst das Unmögliche, Verrückte und Grausige, die andere Seite derselben Welt. Sie ist nicht weit weg, die andere Seite, und darum umso schauriger. „Unheimlich Fantastisch – E.T.A. Hoffmann 2022“ heißt die Ausstellung, bringt das Nächtliche (keineswegs Rückwärtsgewandte) und das Unwahrscheinliche (keineswegs Wissenschaftsferne) zusammen und betont lieber den Bezug zur Gegenwart als zum Jahr 1822, in dem Hoffmann am 25. Juni mit nur 46 Jahren starb.

„Unheimlich Fantastisch“ hat schon etwas gesehen von der Welt, na ja, wurde jedenfalls in unterschiedlichen Varianten in Bamberg und Berlin gezeigt. Viel weiter kam auch Hoffmann nicht herum (Königsberg, Warschau, Plock ...), nicht einmal – das ist eine Überraschung, dazu gleich mehr – bis Frankfurt, wo die dritte, letzte Runde zu sehen ist. Auch sie mit eigenen Stationen. Neben der Kuratorin Christina Schmitz war Wolfgang Bunzel vom Freien Deutschen Hochstift zuständig.

Hoffmann, im Hauptberuf Jurist und Beamter, schreibt und schreibt (manchmal parallel zu länglichen Verhandlungen), und er zeichnet und komponiert, und von allem ist hier mancherlei zu sehen. Frankfurt profitiert insofern besonders, weil es kaum handschriftlichen Hoffmann in der Hochstift-Sammlung gibt. Briefe und Noten werden gezeigt, Literarisches neben Amtlichem. Der Beamte Hoffmann setzt sich (erfolgreich) dafür ein, dass der verklagte Turnvater Jahn Besuch von seiner Frau bekommen kann.

Zugleich ist die Ausstellung ziemlich sinnlich. Direkt am Anfang ein riesiger Spiegel, und, huch, die Fläche bewegt sich so, dass das Bild unscharf wird, und wenn es wieder scharf wird, ist es, als hätte man sich das nur eingebildet. In einem unterschiedlich ausgeleuchteten Rondell, das je nach Beleuchtung gruselig schöne Wandzeichnungen sichtbar macht, wird Kunst in Szene gesetzt, die Hoffmann beeinflusst hat. Jacques Callot natürlich, eine wilde Felsenlandschaft von Salvator Rosa, darunter gemogelt zudem eine Goya-Zeichnung (obwohl er, versichert Kuratorin Schmitz, Goya nicht gekannt haben könne), die einer dazugehängten Hoffmann-Zeichnung verblüffend ähnelt. Hoffmanns Gespenstertrüppchen ist lediglich auf den ersten Blick possierlicher.

Die Neugier auf das Unsichtbare verbindet Hoffmann (und uns alle, wenn man ehrlich ist) mit zauberischen Gegenständen – ein Hexenspiegel ist zu sehen und Angsthasen werden nicht hineinblicken wollen –, aber auch mit Magnetismus und Elektrizität, dem Stand der Wissenschaften. Man lud sich mit neckischen und vermutlich ungesunden Maschinen elektrisch auf, ein Gesellschaftsspiel, bei dem dann bitzelnde Küsschen verteilen wurden.

Spektakulär, auch wenn er aus Gründen der Schonung leider nicht mehr angestellt werden darf: ein automatischer Trompeter. Wie der Übergang zwischen Offensichtlichem und nur indirekt Erfahrbarem bei Hoffmann und in der Schau inszeniert wird, so auch der Übergang von Mensch zu – ja, was eigentlich? Die Ausstellung, die bei jeder Gelegenheit auch gegenwärtige (Kunst-)Bezüge einbaut, tippt vieles an, Mischwesen, Kunstfiguren, Prothesen, Implantate.

An einer großen Wand hat die Schriftstellerin Emma Braslavsky ihrer (verfilmten) Erzählung „Ich bin dein Mensch“ die Olympia-Passagen aus dem „Sandmann“ gegenübergestellt. Dazu eine beunruhigende Baby-Puppe (mit Emma-Braslavsky-Haar), die (mit der Stimme von Emma Braslavskys Tochter) vor sich hin- und gewissermaßen durch die Ausstellung hindurchsummt. Bewegt sie nicht auch den Kopf? Das ist ja schrecklich, das ist ja sehr unangenehm, aber man kann nicht mehr wegschauen.

Man sieht auch mit Interesse den Dolch, mit dem der Student Sand den Dichter Kotzebue eventuell ermordet hat!

Unter den Frankfurt-Stationen unter anderem ein Stadtplan, auf dem verzeichnet ist, wo „Meister Floh“ herumspringt: Peregrinus Tyß wohnt am Roßmarkt, Buchbinder Lämmerhirt in der Kalbächer Gasse, die erwähnten Gasthäuser (etliche) sind markiert. Die fiktive Welt befindet sich in der realen. Hoffmann selbst, der die Stadt bloß theoretisch kannte, schwamm darin wie ein Fisch im Wasser. Den „Meister Floh“ publizierte er im Frankfurter Verlag von Friedrich Wilmans, den man hier nebenbei als einen der ganz wesentlichen Verleger früher romantischer Literatur kennenlernt.

„Unheimlich Fantastisch“ ist ein Labyrinth mit Nischen und Kurven. Nicht vollgestopft. Man denkt, man hätte rasch einen Überblick, aber das ist der größte Irrtum.

Deutsches Romantik-Museum, Frankfurt: bis 12. Februar 2023. deutsches-romantik-museum.de

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