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Hören, wie das Herz bricht

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Von: Sylvia Staude

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Chronistin des unspektakulären amerikanischen Lebens: Elizabeth Strout.
Chronistin des unspektakulären amerikanischen Lebens: Elizabeth Strout. © Heike Steinweg

Elizabeth Strouts andeutungsvoller Roman über Tochter und Mutter: „Die Unvollkommenheit der Liebe“.

My Name Is Lucy Barton“, mein Name ist Lucy Barton, das ist eine Ansage schon im Titel der englischen Originalausgabe des jüngsten Romans von Elizabeth Strout. Eine Stimme hebt zu sprechen an, eine Frau, die sich erinnert, die nicht mehr jung ist, die aber jung war, mit zwei Töchtern von fünf und sechs Jahren, als sie einmal Mitte der 80er Jahre „fast neun Wochen im Krankenhaus“ lag.

In diesen knapp neun Wochen kam ihre Mutter sie fünf Tage besuchen und wachte an ihrem Bett. Und von diesen fünf Tagen vor allem erzählt Lucy Barton, erzählt die amerikanische Schriftstellerin Elizabeth Strout.

Sie nannte sie Wizzle

Nach einer simplen Blinddarmoperation kann Lucy Barton nichts mehr bei sich behalten, hat ständig Fieber, eine Ursache finden die Ärzte nicht. So liegt sie also im Krankenhaus (der direkte Blick aufs New Yorker Chrysler Building tröstet sie nicht), zu Hause kümmert sich ihr Mann um die kleinen Töchter. Und bittet Lucys Mutter, sie zu besuchen. „Ich hatte meine Mutter viele Jahre nicht gesehen, und ich musste sie immerzu anschauen; sie sah so verändert aus, aber ich hätte nicht sagen können, warum.“

Lucy ist allein schon dadurch getröstet, dass ihre Mutter sie mit ihrem Kinderkosenamen Wizzle nennt und an ihrem Bett sitzen bleibt. Tag und Nacht. Lucy fragt sich, wann eigentlich ihre Mutter schläft.

Mutter und Tochter sprechen. Aber sie sprechen zu keinem Zeitpunkt in diesen fünf Tagen darüber, warum sie so lange keinen Kontakt hatten, nicht einmal telefonischen Kontakt. Und schon gar nicht wird die Armut erwähnt, in der die Familie in einem Kaff namens Amgash, Illinois, lebte. Und schon gar nicht wird über den Vater/den Ehemann gesprochen, der mit etwas aus dem Krieg kam, das man heute wahrscheinlich Posttraumatische Belastungsstörung nennen würde. Und schon gar nicht ruft das Wort Pick-Up eine Erinnerung auf bei Lucys Mutter. Wohl aber bei Lucy: „Ich wurde dort eingesperrt, weil meine Schwester und mein Bruder zur Schule gingen – so erkläre ich mir das jetzt – und meine Eltern beide arbeiteten. (…) Ich erinnere mich an Salzcräcker mit Erdnussbutter, die ich vor lauter Angst nicht essen konnte. Ich erinnere mich daran, wie ich schreiend an die Fensterscheiben trommelte.“

Das Bemerkenswerte an Strouts Roman ist, dass es in ihm keine Abrechnungen gibt. Dass er zart und dezent ist. Dass er Weniges direkt ausspricht. Dass Lucy die „Unvollkommenheit der Liebe“ (so der deutsche Titel) ohne Bitterkeit akzeptiert.

Man begreift trotzdem bald, was für eine Kindheit Lucy hatte, die auch wenig mit ihren Geschwistern verband. „Dann meine ich wieder, hören zu können, wie mein Herz in mir bricht, so wie man draußen auf den Feldern meiner Jugend manchmal – wenn sämtliche Bedingungen stimmten – hören konnte, wie der Mais wuchs.“ Man begreift trotzdem bald, dass das Kind die Mutter liebte. Und wahrscheinlich auch den Vater, der seiner Krankheit wegen die unberechenbare Gewitterwolke war im Leben der Familie.

Elizabeth Strout ist eine Chronistin des unspektakulären amerikanischen Lebens. Pathos und Melodrama hält sie aus ihren Romanen heraus. Ihre Figuren mögen Wehmut, vielleicht Schlimmeres empfinden über das Scheitern ihrer Träume, aber sie machen nicht viel Aufhebens um ihren Schmerz. Lucy Barton erinnert sich wie nebenbei daran, dass irgendwann auch ihre Ehe gescheitert ist; aber sie hat nun einen anderen Mann und aus ihren Kindern ist auch etwas geworden, also was soll’s.

Aber Lucy, die in ihrer Familie immer die Außenseiterin war, die darum wegging in die große Stadt, sobald sie es konnte, erzählt auch davon (alles in diesem schmalen Roman!), wie sie Schriftstellerin wurde. Sie belegt einen Workshop bei einer Autorin. Sie erhält Ermutigung und eine Liste von Büchern, die sie lesen soll. Sie lernt, dass sie beim Schreiben nie jemanden in Schutz nehmen darf.

Es ist eine Anweisung, die Elizabeth Strout allemal befolgt. Sie nimmt ihre Figuren nicht in Schutz. Sie stellt sie aber auch nicht bloß. Sie hält die Balance auf eine ganz besondere, kühle, stille Zwischen-den-Zeilen-Art. Und macht sich die Dinge alles andere als einfach. Wie in dem Satz, in dem „Die Unvollkommenheit der Liebe“ gleichsam zusammengefasst ist. Da wartet Lucy Barton darauf, dass ihre todkranke Mutter wenigstens ein einziges Mal sagt: „Ich hab dich lieb“. Vergeblich. „Ich fürchte, es könnte schwer zu verstehen sein, dass mir das nichts ausmachte.“

Elizabeth Strout: Die Unvollkommenheit der Liebe. Roman. Aus dem Englischen von Sabine Roth. Luchterhand 2016. 208 S., 18 Euro.

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