Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Der am Höllenschlund dichtet

Jochen Winter stellt seinen poetischen Weltentwurf vor und lädt zu einer Reise aus dem Zwielicht ins Licht ein

Von Jamal Tuschick

Auch die Sprache ist ein Kontinent, nach dem mit imperialistischer Absicht gegriffen werden kann. Wer dazu aufgelegt ist, argumentiert mit Gott und Geschichte. Frühere Epochen kannten genug Anlass für aufgerüstete Vergleiche zwischen Politik und Poesie. Nun hält einen der Co-Autor Gegenwart dazu an. Der politische Augenblick erscheint gespenstig, die Geschichte als Alb, "aus dem ich", um es mit Joyce zu sagen, "zu erwachen suche".

Dieser Zug zum hochfahrenden Wort verdankt sich einem Abend mit Gedichten von Jochen Winter. Es geht darin um das Sinare, Lunare, kurz Kosmische. Winter trug seinen Weltentwurf auf der Studiobühne des Mousonturms vor, nach einer Einführung von Elisabeth Borchers. "Betörende Zeilen" fand sie in seinem Werk: "Winters Gedichte sind nicht mühelos der zeitgenössischen Lyrik zuzuordnen."

Winter wurde 1957 in Schwetzingen geboren, in München studierte er Philosophie. Er lebt in Paris und am Cap d'Antifer. Sein Debüt (Agora Verlag) datiert auf 1989. Ein zweiter Band folgte neun Jahre später. Eine Einführung zu Giordano Bruno (2000) zeigt ihn als Essayisten. Von seinen Gedichten wird gesagt, dass sie "blitzartig den Zwiespalt des heutigen Bewusstseins erhellen". Winter beschrieb seine Arbeit als "Umkreisung unserer täglichen Untergänge". Sein Publikum lud er zu "einer Art Dante'scher Wanderung" ein, "zu einer Reise aus dem Zwielicht ins Licht". Nach Winters Einschätzung entstehen Gedichte im Dialog mit dem Zuhörer, der sich indes seiner Verhaftung im (kurzsichtigen) Augenblick erst entziehen müsse.

So viel Didaktik war lange nicht mehr. Aber warum soll man sich nicht erziehen lassen von einem Autor, der mit so viel Autorität auftritt, dass man seine Aussprache komplizierter Wörter sofort zu übernehmen bereit ist. Und das versteht man auch: "Gestern, auf verwaistem Vorplatz, wo / Die Zeit dir Dämmer schwor, erschien auch / Die andere, selbst schon schmerzgewohnte Erdhand, / Dein Blut zu stillen mit flüssigem Licht." Die Gedichte entstanden am erwähnten Cap d'Antifer, mit seiner Steilküste über tückischer See. Der Autor vermutet dort eine "Gegenhölle", allein die ursprüngliche Ortsbezeichnung gibt das schon her: trou d'enfer - Höllenschlund. Die Gegend in der Normandie wurde von Winter mit hundertprozentiger Silbengenauigkeit angesprochen wie eine Person.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare