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Das Leben Hölderlins auch als Graphic Novel.

Literatur

Hölderlin verhetzt

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Arte dokumentiert das Leben des Dichters so aufwendig wie heikel.

An Friedrich Hölderlin wird in diesem Jahr wohl mehr als sonst in den letzten Jahren gedacht, an ihn, seiner, häufiger und auch ganz bewusst. Das eine wie das andere hat damit zu tun, dass er vor 250 Jahren geboren wurde. Damit das Datum nicht einfach nur ein Vierteljahrtausend zurückliegt und das Leben des Dichters nicht zurückbleibt, hat Arte gar einen Film über ihn produziert. „Hölderlin - Dichter sein. Unbedingt!“ haben Hedwig Schmutte und Rolf Lambert ihre Dokumentation genannt, die in der Arte-Mediathek weiterhin angeschaut werden kann.

Es ist ein Film auf der „Grundlage historischer und autobiografischer Quellen“, mit Spielszenen und dokumentarischen Aufnahmen, zudem ist der Film eine Montage. Montagen haben immer etwas Hartes, Sprunghaftes obendrein, auch diese auf den Fersen eines Hölderlin-Darstellers, Thorsten Hierse, der, trotz aller Ruhelosigkeit eigentlich immer, tastend die Frage stellt: „Wer war Hölderlin?“

Beim Tasten nach dem Dichter und armen Hölderlin bleibt es nicht stringent, auch wenn der Hölderlinkenner Kurt Oesterle eine feinfühlige Antwort gibt: ein „hochbegabter bis genialer Sohn“, der Mutter „nicht unbedingt ein Geschenk, bei aller Liebe“.

Ein zwingender Gedanke, auch angenehm durchrhythmisiert, daran hätten sich die Filmautoren halten können, auf den Spuren des Dichters, der am 20. März 1770 in Lauffen am Neckar geboren wurde, von der Mutter für das Pfarramt unbedingt vorgesehen war, für eine theologische Laufbahn, die dann auch noch im Tübinger Stift angestrebt wurde in einer sagenhaften Studentenbude, zusammen mit solchen Kapazitäten wie den Kommilitonen Hegel und Schelling. Zusammen zwei Denker, ein Dichter, gemeinsam ihr „Systemprogramm des deutschen Idealismus“ verfassend, überliefert in einer Handschrift Hegels, so zu sehen.

Schon im Stift war die Französische Revolution „das große innere Erlebnis“, erläutert Durs Grünbein, doch durch die blutige Mechanik der Revolution wurde Hölderlins Enthusiasmus erheblich gedämpft. Hölderlin enttäuscht, wie vor den Kopf gestoßen, verzweifelt: Auch dafür will der Film Bilder finden, zudem für das Rastlose durch Szenen, Spielfilmgeschnipsel, Radierungen auf einem aufgeklappten Tablet. Der Naturbeseelte in der Natur, der entrückte Dichter mit einer Reclamausgabe (Ost) unter einem Baum, der orientierungslose Wanderer in der Eiswüste, oder weit weg vom Schuss, in Sicherheit vor der Belagerung Frankfurts durch die Franzosen. Hölderlin in Jena, in Bad Homburg, in Tübingen, in Bordeaux, die Distanzen, mehrtägige Tagesreisen, werden sehr up to date überbrückt, durch Graphic-Novel-Szenen. Ein neuer Ton bei ihm, ein drängender Ton, deshalb auch ein solches Gedränge an disparaten Elementen?

Hölderlin war unter den Liebhabern der griechischen Antike ein unbedingt rückhaltloser. Das ist dann die größte Lücke in dem Film, denn Hölderlins Besuch in Kassel, wo er Seite an Seite der Geliebten Susette Gontard vor den Skulpturen der Griechen stand, wird ebenso wenig erwähnt wie sein „Empedokles“-Drama.

Der Griechenland-Enthusiast Hölderlin feierte den Freiheitskampf der Griechen gegen das Osmanische Reich, zu lesen in seinem einzigen Roman, „Hyperion“ – ebenso wie die Desillusionierung seines Helden über die enthemmten Bluttaten aufseiten der Freiheitskämpfer, worin sich Hölderlins Schauder über der Terror in Frankreich ausdrückte. Am Boden zerstört kam er, wie es im Roman heißt, zurück aus Griechenland, wieder „unter die Deutschen“, im Film vorm Eisernen Steg zu Frankfurt.

Berühmt diese Deutschen-Schelte, in dem Feature wird darüber spekuliert, dazu ein Taumel des Hölderlindarstellers durch Frankfurts Bankenviertel, ob der Dichter nicht nur die „Kommerzialisierung der Lebenswelt“ bereits messerscharf erkannte, sondern die Auswüchse des „Finanzkapitalismus vorausgesehen“ habe. Na denn.

Zweifellos taten Obrigkeit und feudale Umstände Hölderlin einen Tort an. Sein Freiheitsdrang rieb sich an dumpfen Verhältnissen wund. Hölderlinverse sollen das belegen, doch Hölderlinzeilen werden unterlegt mit Tönen aus dem Computer eines Elektromusikkomponisten. Am Ende, nach 60 Minuten, war keine Zeit für auch nur 30 Sekunden Hölderlin am Stück, für keine 1:30 eines Experten im Zusammenhang, so dass Durs Grünbeins großer Satz umso monumentaler nachwirkt: Hölderlin, „einer von diesen Dichtern, die immer schon in der Zukunft angekommen sind“.

Szene, Statement, Szene - und die Dokumentarmontage wie ein mechanisches Räderwerk? Der Film gibt sich als adäquater Ausdruck der Moderne, als Ausdruck einer rastlosen Existenz, eines zudem eminent modernen Dichters, der der bisherigen Lyrik die bisherigen Schemata aufkündigte, Reim, Metrum, Satzstellung – ein Vorbild bis heute, ein Affront, beides.

Über drei Jahrzehnte ein Leben im Dämmer, von Sommer 1807 an vergleichsweise friedlich, für damalige Verhältnisse ungewöhnlich, in der Obhut einer Schreinerfamilie. Zuvor die nackte Tortur. Der Psychiater Uwe Gonther erklärt die entsetzliche Maske, die sie dem Patienten in der Tübinger Psychiatrie über den Kopf stülpten, mit einem Knebel für den Mund, was den Delinquenten um den Verstand bringen musste, den Menschen beinahe ersticken, ein „Dichtungsprojekt mit allerhöchstem Lebensrisiko“ (Grünbein) verstummen ließ.

Sollte Hölderlin, der Rebell, der sich in Bad Homburg konspirativen Kreisen um den Freund Sinclair angeschlossen hatte, für die Verwahrung als Wahnsinniger absichtsvoll entschieden haben, wie Pierre Bertaux in seinem epochalen Hölderlinbuch meinte? Auch für die These vom Simulanten (aus Selbstschutz) ist in dem Film dann doch keine Zeit.

In Anbetracht von Dichtung, so zeigt sich immer wieder in dieser so ambitionierten wie äußerst aufwendigen Produktion, kann die TV-Dokumentation kaum traditionell genug ausfallen. Brauchen suggestive Sprachbilder turbulent montierte TV-Bilder? Gerade im Falle Hölderlins schwierig. Man nehme nur sein Gedicht „Hälfte des Lebens“.

„Mit gelben Birnen hänget/ Und voll mit wilden Rosen/ Das Land in den See,/ Ihr holden Schwäne,/ Und trunken von Küssen/ Tunkt ihr das Haupt/ Ins heilignüchterne Wasser. // Weh mir, wo nehm’ ich, wenn/ Es Winter ist, die Blumen, und wo/ Den Sonnenschein,/ Und Schatten der Erde?/ Die Mauern stehn/ Sprachlos und kalt, im Winde/ Klirren die Fahnen.“

Wenn man es selbst so vor sich hinmurmelt, sind es wohl 30 Sekunden, kaum mehr. Dafür ist im Film nur in Auszügen Zeit, für gerade mal bloß die Hälfte vom Gedicht. Hölderlin, verhetzt.

„Dichter sein. Unbedingt!“Arte Mediathek bis zum 22. Juni 2020.

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