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„Der Fürstentrust“

Die höchsten Einsätze

  • Dirk Pilz
    VonDirk Pilz
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Ein Wirtschaftsverbrechen: Christian Bommarius hat ein Buch über den Fürstentrust geschrieben.

Soll man das aberwitzig nennen? Oder lachhaft? Dafür waren die Folgen zu gravierend, die Auswirkungen zu weitreichend.

Es geht um einen Fall der Wirtschaftsgeschichte aus dem Kaiserreich, Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Ein Fall des misslungenen Geschäftemachens, der auch deshalb kaum bekannt ist, weil seine Protagonisten aus begreiflichen Gründen den Großteil der Akten und Urkunden vernichteten. Aber er lässt sich dennoch rekonstruieren, aus Artikeln, Büchern, Notizen. Das tut der FR-Autor Christian Bommarius mit diesem Buch (vgl. FR v. 4. März). Man liest es mit stockendem Atem; wüsste man nicht, dass die Vorkommnisse der Realgeschichte entnommen sind, könnte man es für einen gut erfundenen Krimi halten. Aber die Wirklichkeit ist häufig unglaublicher als die Fiktionen.

Bommarius spricht vom „größten Roulettetisch, den das Kaiserreich jemals gesehen hat, mit den höchsten Einsätzen und den spektakulärsten Verlusten, mit den verwegensten und dilettantischsten Spielern und dem unfähigsten und skrupellosesten Croupier“: Im April 1908 wird im Handelsregister die Verwandlung der bisherigen Firma Madeira Aktiengesellschaft in die Handels-Vereinigung Aktiengesellschaft angezeigt. Früh schon nannten die Medien sie Fürstentrust, treffenderweise. Denn betrieben wurde diese Firma von zwei reichen Fürsten, deren Bestreben es war, sehr reich zu werden. In zwei eigenen Kapiteln stellt Bommarius diese beiden „Spieler“ zunächst vor, es sind der Pferderennstallbesitzer Christian Kraft Fürst zu Hohenlohe-Öhringen und der Brauereichef Max Egon II. Fürst zu Fürstenberg, beide übrigens leidenschaftliche Jäger, vor allem aber unternehmerische Dilettanten.

Das hielt sie nicht davon ab, mit ihrem Fürstentrust in großer Rücksichtslosigkeit am Markt zu operieren. Sie scheuten keinerlei Risiko, hätten einmal sogar fast einen Krieg ausgelöst. Die Wahllosigkeit, mit der sie Firmen aufkauften, Reedereien, Bergbaubetriebe und Banken, kommt einem dabei wie absichtsvolle Gedankenlosigkeit vor. Die Grenze zwischen Kriminalität und Wahnsinn ist ohnehin immer verwischt: Man hat es mit Spielern zu tun, die zu Objekten ihrer eigenen Erfindung werden.

Sechs Jahre dauerte dieses Spiel, die Komplettkatastrophe für die beiden Spieler wurde nur verhindert, weil der Kaiser seinen Jagdfreunden half. Verarmt sind Christian Kraft und Max Egon nicht, aber die Verluste Krafts etwa werden auf mindestens 30 Millionen Mark geschätzt, vielleicht waren es auch 110 Millionen. Unnennbar dagegen die seelischen und finanziellen Folgen für die Angestellten und Arbeiter. Auf lange Sicht hat dagegen die Familie Fürstenberg den Skandal geradezu unbeschadet überstanden – bis heute ist sie eine der größten privaten Waldbesitzer in Deutschland, man schätzt ihr Vermögen auf 700 Millionen Euro.

Der Fürstentrust ist Geschichte, Parallelen zu Fällen der jüngsten Gegenwart liegen allerdings auf der Hand. Bommarius führt sie aus guten Gründen nicht aus. Denn einerseits folgt jede Geschichte ihrer eigenen, unverwechselbaren Logik, und gerade die detailfreudige Darstellung des Fürstentrust zeichnet dieses Buch aus. Andererseits braucht es keine expliziten Hinweise, um jenen Fragen nachzugehen, die bis heute so brisant wie relevant geblieben sind, von den Fragen nach der Freiheit des Marktes bis zum Denken in bloßen Wachstumskategorien. Gut hundert Jahre vor Schaffung des Fürstentrusts hatte der Philosoph und Wirtschaftstheoretiker Georg Sartorius bereits argumentiert, dass das „freie Bestreben der Einzelnen nach ihrem Vorteile einzuschränken“ sei, „wenn daraus der Nachteil aller“ entstehe, dass der ungeregelte, freie Markt also eher zu verheerenden Irrwitzigkeiten als zu allgemeinem Wohlstand führt. Die Argumente haben sich nicht erledigt.

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