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Der Hochmut des Blitzes

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Beim Überholen der Schildkröte: Peter Borscheid schreibt eine "Kulturgeschichte der Beschleunigung"

Die Moderne ist ein Gebilde aus stoßweisen Geschwindigkeitssteigerungen. Aber nicht nur Dampfmaschinen, Uhren, Raketen und Prozessoren brachten diese Moderne hervor, sondern vor allem eine über immer kleinere Zeitintervalle laufende Zeitabstimmung. Mitte des 19. Jahrhunderts soll Eugène Delacroix zu einem jungen Künstler gesagt haben: "Wer nicht in der Lage ist, einen Mann, der sich aus dem Fenster wirft, während seines Sturzflugs aus der vierten Etage zu skizzieren und die Skizze vor dem Aufprall fertig zu stellen, der wird auch nie große Bildwerke hervorbringen können." Diese Worte fielen etwa fünfzig Jahre vor der Formulierung der speziellen Relativitätstheorie durch Albert Einstein. Aber auch bald zweieinhalb Jahrtausende nach Zenons Bemerkung, dass der sich schnell bewegende Pfeil stillsteht.

Es war der Urbanist und Theoretiker Paul Virilio, der vor etwa dreißig Jahren die Wissenschaft der Geschwindigkeiten, die Dromologie, begründete. Virilio erblickte in der Geschwindigkeit eine moderne demokratische Errungenschaft, die das elitäre Adelsprivileg ablöste. Heute scheint diese Demokratisierung des dromologischen Prinzips vollendet. Jeder kann Marathon laufen, jeder hat Zugang zum ICE, zum schnellsten Prozessor oder auch zu den Teilchenbeschleunigern. Beinahe sieht es so aus, als hätte das Tempo, das auch wissenschaftliche Paradigmen nach vorne trägt, das Thema Geschwindigkeit inzwischen langsam werden lassen.

Der Vorteil des Schnelleren

Tatsächlich gehörten die Kritik und das Lob der Geschwindigkeit zur Evolution der modernen Kultur seit mehr als zweihundert Jahren. Vor allem bei den Kriegswaffen, in der Güterproduktion, bei der Kommunikation und im Transport strebt die Technik bis heute solche Temposteigerungen an. Aber leben wir noch in dem Zeitalter, da die Geschwindigkeit als Problem gesehen wird? Längst sind die alten Temposorgen in den Hintergrund gedrängt, die Welt befasst sich heute vielmehr mit der Frage: Wie können die verschiedenen Teilwelten des Erdballs durch Vernetzung so aufeinander abgestimmt werden, dass eine wirkliche Globalgesellschaft entsteht?

Das Buch des Kulturhistorikers Peter Borscheid Das Tempo-Virus versucht das Unmögliche, nämlich eine Kulturgeschichte der Geschwindigkeit zu erzählen. Denn was ist Kultur anderes als Beschleunigung? Und so steckt unsere Vergangenheit voller Beschleunigungs-Erfindungen, Tempo-Anekdoten und technischen Wettrennen. Aber gibt es einen Augenblick, ein Take-Off, ein Gründungsmanifest des Tempos? Hat jemand die Geschwindigkeit erfunden? Warum imitiert die Kultur den Blitz und nicht die Schildkröte?

Borscheid lässt die Geschwindigkeit in der Frühen Neuzeit beginnen und entdeckt Kaufleute, Händler und Unternehmer als treibende Kräfte, die dafür sorgten, dass Boten sich sputeten, dass Wege geglättet wurden, dass Nachrichten und Waren flugs ihr Ziel erreichten. Danach wären es die seit langem theoretisch dingfest gemachten materiellen Interessen, die gute und böse Energien entfesselt haben: "Zeit ist Geld" oder "Zeit ist bessere Kapitalverwertung" wären die Schlagworte dieser Sicht der Dinge. Erst im Gefolge der Kaufleute machten sich nach Borscheid auch Herrscher daran, Postsysteme zu errichten, ließen Unternehmer Maschinen bauen, nutzten Ingenieure Dampf, Elektrizität, Dynamit, Rotation, Röhren, um jene Dynamik zu erzeugen, die den Frieden, den Krieg, die Industrie, den Staat und die Freizeitwelt einem andauernden Tempowandel aussetzten.

Borscheids Buch ist eine eindrucksvoll umfassende und detailreiche Darstellung, wie unsere Welt aus Techniken des Zeitmanagements emportauchte. Kaum ein Aspekt ist ausgelassen, und bei allen Einzelheiten, gleich ob es technische, ökonomische, politische oder künstlerische Temposteigerungen sind, bleibt die Darstellung kompetent und auf der Höhe. Daher kann man das Buch als ein vorläufiges Standardwerk zum Thema nennen. Borscheid organisiert sein riesiges Material in drei Phasen. Die erste Phase umfasst die Zeit von 1450 bis 1800, die zweite geht von 1800 bis 1950, die dritte reicht von 1950 bis heute und hält uns noch in ihren Armen. Die Schnitte bilden um 1450 die Einrichtung der frühneuzeitlichen Verkehrssysteme; um 1800 betreten die Techniken aus Dampf, Elektrizität den Plan der Geschichte, und seit 1950 bringen elektronische Beschleunigungen die Welt voran.

Jedem Tempo seine Krankheit

Der umfangsreichste Teil des Buches erfasst daher die Epoche von 1800 bis 1950, da die neuen Technologien die natürlichen Leistungen der Hände und Füße, der Stimmen und Gedanken sowie der Pferdebeine überboten: Krieg, Verkehr, Kommunikation, Produktion, Sport erzeugten neue Geschwindigkeiten, aber auch neue Erfahrungen, die Künstler wie Delacroix oder die Futuristen erreichen. Außerdem kennt jedes Tempo seine Krankheit. In der Zeit der Postkutschen litten die Menschen an Melancholie und Verdauungsbeschwerden; die Moderne schenkte ihnen Neurosen, Stress und Herzinfarkte.

Der letzte Abschnitt des Buches ist der kürzeste, nicht weil die Epoche, in der wir leben, erst vor gut fünfzig Jahren einsetzte oder weil die Kraft der Beschleunigungen nachließe; vielmehr leben wir seit 1950 in einem Milieu von Geschwindigkeiten, deren Momente sich nicht mehr als Ereignisse erzählen lassen. Die gesamte Welt bewegt sich auf einem Geschwindigkeitsvektor, der durch das zugleich kontinuierliche und exponentielle Wachstum der Chips bestimmt wird. Die Geschichte des Tempos lässt sich nicht mehr erzählen, seitdem sich die gesamte soziale, ökonomische, wissenschaftliche und kulturelle Evolution auf Temposteigerung stützt: Denn auch den Beobachter hat diese Geschwindigkeit erfasst.

Was der Leser in diesem sonst so reichen und wichtigen Buch vermisst, ist eine Analyse dieses Prozesses. Denn die mal in Anführungszeichen, dann wieder ernsthaft vorgetragene Rede vom Tempo-Virus führt in die Irre. Sie suggeriert, dass die moderne Kultur - und der Verfasser verfügt über einen weit gefassten Begriff von Kultur - von einem Fieber geschüttelt wird. Aber welches Tempo hat derjenige, der die Schnelligkeit beobachtet? Tempo-Virus soll nach dem Willen des Autors als Zeichen seiner Skepsis gelesen werden, die sich am Ende des Buches ein wenig deutlicher artikuliert, wenn von Fast Food, von Autorennen, vom High Speed der Musikkanäle die Rede ist oder von Beschleunigungsopfern wie den Arbeitslosen. Ist die Uhr nach Lewis Mumford die "Schlüsselmaschine des Industriezeitalters", so ist doch auch die Relativität der Zeit die wesentliche Erkenntnis des 20. Jahrhunderts.

Die Passagiere im Düsenjet schlafen. Nicht das evolutionäre Tempo ist das Problem unserer Zeit, sondern unterschiedliche Geschwindigkeiten. Hauptaufgabe der Politik ist heute die weltweite Abstimmung der Zeitrhythmen. Das Mittelalter löste die Frage nach dem astronomischen Kalender; die Moderne brachte die Abstimmung der Uhren, die Weltzeit, hervor; und heute geht es um die Abstimmungen der Prozessoren und Körper. Vermutlich ist der Weltfriede vor allem eine Frage des orbitalen rhythmischen Gleichlaufs.

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