+
Karosh Taha kam als Kind nach Deutschland.

Roman-Debüt

Vom Hochhaus überwacht

  • schließen

Karosh Taha zeichnet in ihrem Debütroman das Porträt einer jungen Frau zwischen Emanzipation und sozialer Kontrolle.

Es scheint, als könnte Sanaa frei sein. Ja, als sei sie es bereits. Die 22-Jährige studiert, hat einen festen Freund und dazu noch einen Liebhaber. Denkt wache, gewitzte, emanzipierte Gedanken. Und doch ist Karosh Tahas Debütroman „Beschreibung einer Krabbenwanderung“ in seiner Essenz das Porträt einer jungen Frau, die in ihrem Leben feststeckt, wie in einem Gefängnis. 
So wie die Autorin 1987 im Nordirak geboren wurde und rund zehn Jahre später mit ihrer Familie nach Deutschland kam, beginnt auch die Biografie der Ich-Erzählerin mit glücklich erinnerten Kindheitstagen im Irak. Zentraler Handlungsort des Romans aber ist ein deutsches Hochhaus, dessen räumliche und mehr noch emotionale Enge Karosh Taha präzise und mit Gespür für treffende Bilder schildert.

Was die ebenfalls überwiegend irakisch-kurdischen Bewohnerinnen und Bewohner nicht in ihren Wohnungen verstauen können, haben sie auf die Balkone ausgelagert, „da ist nicht einmal Platz für einen Liter Sonnenschein“, schreibt Taha. In diesem Viertel „unterhalten sich die Männer über Bagdads Zustand wie über einen guten Freund“ und jonglieren mit den Demütigungen der prekären Jobs, die das Leben in der fremd gebliebenen neuen Heimat ihnen zugesteht. Derweil ihren Frauen, denen mit zunehmendem Alter ihrer Kinder das Betätigungsfeld schrumpft, als Hauptbeschäftigung offenbar nur bleibt, das Verhalten der anderen nach den Maßstäben unhinterfragter Traditionen zu bewerten und den neuesten Tratsch von Stockwerk zu Stockwerk zu tragen.

Bloß keine dieser „Hochhausfrauen“ sein

„Ich schaue auf das Hochhaus, das mit dreihundertachtundsechzig Augen zurückschaut“, sagt Sanaa, die dagegen ankämpft, eine dieser „Hochhausfrauen“ zu werden. Und führt das Gefühl, unter ständiger Beobachtung zu stehen, später noch deutlicher aus: „Wenn ich das Viertel beschreiben müsste, dann bräuchte ich keine Adjektive, sondern zwei Handvoll Verben: wachen, bewachen, überwachen, beobachten, observieren, spionieren, bespitzeln, kontrollieren, aufnehmen, inspizieren, dirigieren, reglementieren, belehren, einschätzen, kommandieren, notieren, registrieren, erfassen, taxieren, abstempeln, bemessen, bewerten, ermahnen, bedrohen, ängstigen, bestrafen.“

Obwohl Sanaa dieses Hochhaus immer mal wieder verlässt, um sich in die Arme eines ihrer Männer zu flüchten, engt Karosh Taha das Leben ihrer Protagonistin noch stärker ein auf den Mikrokosmos der elterlichen Wohnung, in der Sanaa auch als Erwachsene noch lebt. Aus der ihre pubertierende Schwester und der als Familienmitglied kaum noch präsente Vater sich zurückziehen. An die Sanaa sich aber aus familiärem Pflichtgefühl gebunden glaubt.

Denn da ist noch ihre Mutter Asija, seit Jahren an Depressionen erkrankt. Die von Nachbarn vom Dach geholt werden muss, als Sanaa einmal doch nicht da ist, um aufzupassen, dass sie sich nichts antut. Und da sind die gehässige Tante Khalida aus der Wohnung oben drüber und die schwatzhafte Nachbarin Baqqe, die Tag für Tag kettenrauchend im Wohnzimmer von Sanaas Familie sitzen, über deren Lebenswandel wachen und sich dabei auch Mitteln des Aberglaubens bedienen.

Leben zwischen alter und neuer Heimat

In diesen eng gesteckten Bahnen bleibt Karosh Taha stets ganz dicht bei ihrer Hauptfigur. Einfühlsam beschreibt sie den Ballast der Verantwortung, der auf Sanaas Schultern lastet. Der sich nicht nur aus dem für einen jungen Menschen kaum zu schulternden Gewicht eines psychisch erkrankten Elternteils speist, sondern auch aus der nicht minder schweren Aufgabe des Migrantenkindes, zwischen alter und neuer Heimat übersetzen zu müssen und dabei eine eigene, selbstbestimmte Identität zu finden. 

Obwohl der Roman durchaus einen feinen Humor aufweist – neben einer sehr bildreichen Sprache, die um die zentrale Metapher der titelgebenden Krabbe kreist, die Sanaa einst am Strand im Irak zwickte – ist er in seinem Kern von tiefer Tragik. Weil Sanaas Ringen darum, „Macht über mein Leben und dessen Lauf“ zu haben, eine kaum auszuhaltende Einsamkeit innewohnt. Und weil sie im verzweifelten Bemühen, in der Vergangenheit eine Erklärung für das gegenwärtige Unglück ihrer Eltern zu finden, ihre eigene Zukunft aus dem Blick verliert.

Die Veränderungen im Familiengefüge, die Karosh Taha dem offenen Romanende voranschicken wird, mögen nicht vollends schlüssig sein. Doch die poetische Sprache dieses Debüts, die Sorgfalt mit der Taha ihre Protagonistin charakterisiert und ihr genaues Gespür für die Ambivalenzen von Familienstrukturen, lassen hoffen, von dieser talentierten Autorin in Zukunft noch öfter zu lesen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion