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Hitler, Stalin, Franco – Mussolini

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Mussolini (links) mit Hitler und König Viktor Emanuel III. (ganz rechts), 1941.
Mussolini (links) mit Hitler und König Viktor Emanuel III. (ganz rechts), 1941. © Reuters

Wolfgang Schieders schmale, präzise Biografie über den Duce lässt sich auf Verharmlosungen nicht ein. Der Leser aber kann darüber erschrecken, wie lange Mussolinis Rolle in der europäischen Katastrophe heruntergespielt wurde.

Von Wilhelm von Sternburg

Gewalt, Charisma, Größenwahn – das sind vielleicht die wichtigsten Stichworte, wenn wir auf das Leben des Duce Benito Mussolini zurückblicken. In der Schreckensgalerie des 20. Jahrhunderts ist er zwischen 1922 und 1945 im europäischen Bürgerkrieg eine der wichtigen politischen Figuren des Kontinents.

Hitler, Stalin, Franco und Mussolini haben Europa zu einem Schlachtfeld von unvorstellbaren Dimensionen werden lassen. Wenn im europäischen Gedächtnis Mussolini dabei nicht die dämonische Rolle übernommen hat wie Hitler und Stalin, dann hat das wohl allein damit zu tun, dass ihm in Italien mit Blick auf die Größe und die Ressourcen des Landes nicht die Mittel zur Verfügung standen, wie sie Russland und Deutschland besaßen.

Aber der Historiker Wolfgang Schieder lässt in seinem schmalen, präzis argumentierenden biografischen Abriss über das Leben und Wirken des Duce keine Zweifel aufkommen, dass es sich auch bei ihm um einen Gewaltherrscher gehandelt hat.

Innen- und außenpolitische Gewalt blieben die wichtigsten Instrumente seiner Politik. Der von Mussolini mit dem legendären „Marsch auf Rom“ im Oktober 1922 an die Macht geführte italienische Faschismus gründete sich auf Terror und Unterdrückung. Wo immer sich im faschistischen Italien Opposition andeutete, reagierte die Schergen des Diktators mit Mord, Unrechtsurteilen oder Verbannung.

In Abessinien ließ der von imperialistischen Wahngedanken beherrschte Duce seine Truppen einen grausamen Krieg führen, in dem er auch den Einsatz von Giftgas befahl. „In seiner historischen Bedeutung als letzter Kolonialkrieg verharmlost, gilt der Abessinienkrieg heute als ,erster faschistischer Vernichtungskrieg‘.“

Machtmensch und Verdränger

Nach 1933 wurde Mussolini immer stärker zum Juniorpartner Hitlers. In der „Achse Berlin–Rom“ (1936) und beim „Stahlpakt“ von 1939 übernahm der deutsche Partner die Führung, und Mussolini stürzte sein Land (und sich selbst) mit dem Eintritt in den Zweiten Weltkrieg in Elend und Untergang. Auch zur Vernichtung der in Italien lebenden Juden reichte er schließlich Hitler die Hand.

Schieder schildert einen Machtmenschen, der den Weg vom Sozialisten zum Gründer des italienischen Faschismus mit charismatischer Rhetorik (sein regelmäßigen Ansprachen auf dem Balkon des Palazzo Venice in Rom berauschten die Massen), mit Lügen, mit Gewaltfantasien durchschritt. Die Wirklichkeit verdrängend, überschätzte er dabei die Möglichkeiten seines Landes bei weitem.

Erschreckt nimmt der Leser Schieders Hinweise zur Kenntnis, dass Mussolinis historische Rolle in der italienischen Erinnerungskultur Jahrzehnte nahezu totgeschwiegen wurde und „bis heute kaum darüber diskutiert worden (ist), ob und in welchem Umfang Mussolinis faschistisches System ,totalitär‘ war“.

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