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August Engelhardt (stehend) und Max Lützow, Postkarte von 1906.

Neuer Roman

Hitler war kein Hippie

Und Christian Krachts Roman über das „Imperium“ eines deutschen Aussteigers ist keine Nazischmonzette sondern ein Roman, der ob seiner gespreizten Manieriertheit ziemlich schnell nervt. Der Roman ist ein recht hanebüchener Schmarrn.

Von Sabine Vogel

Bitte keine Rezension vor dem 16. Februar. So steht es in meinem Exemplar des neuen Romans „Imperium“ von Christian Kracht. Aber wenn Christian Kracht einen neuen Roman veröffentlicht, stehen die Literaturkritiker in der Spur und da sind Sperrfristen Makulatur. Der Sohn eines Aufsichtsratsvorsitzenden von Springer hat für die Bild, Tempo und Die Welt geschrieben, war Kolumnist der FAZ und für den Spiegel Indienkorrespondent. Man kennt sich halt und außerdem gilt der geläuterte Popliterat Kracht als erfrischender Eigenbrötler des Literaturbetriebs.

Die Zeit preschte letzte Woche lobend vor, am Wochenende zog die taz und die FAZ nach, letzterer mit ihrer Sonntagsausgabe gleich dreifach. Während in der Samstagsrezension noch der „lässige Abenteuerroman eines deutschen Romantikers“ gefeiert wird, wettet Peter Richter in der FAS unter der grandiosen Überschrift „Prüder zur Sonne“ darauf, dass bald die Nazikeule fliegen werde. Das erledigt Georg Diez tags drauf im Spiegel. Er nennt Kracht einen „Türsteher rechter Gedanken“ und unterstellt ihm „antidemokratisches, totalitäres Denken“. Zutiefst gekränkt sagte Kracht deshalb seine Buchvorstellung in Berlin ab.

Der Verlag Kiepenheuer & Witsch weist diese Anschuldigungen empört zurück– schließlich hätte auch Elfriede Jelinek den Roman abgesegnet. Schon lustig. Diez belegt seine Vorwürfe weniger mit dem Roman selbst, als durch Krachts Freundschaft mit dem amerikanischen Aktionskünstler David Woodward, der sich wiederum mit der von der Philosophenschwester Elisabeth Förster-Nietzsche mitbegründeten völkischen Kolonie Nueva Germania beschäftigte, woraus der Dokumentarfilm über „Die letzten Arier von Paraguay“ entstand. Das ist dann so nazigeil wie die Berliner Volksbühne, wo Woodward 2010 mit einer Performance auftrat.

Nackter Fructivore

Mit seiner Diktatorenkoketterie hat Kracht freilich schon länger für wachsame Holzaugen gesorgt: In „1979“ (2001) erlebt ein deutscher Schnösel in Teheran die iranische Revolution und endet in einem stalinistisch-chinesischen Gulag. Die nordkoreanische Kulisseninszenierung Kim Jong Ils führt Kracht in einem affirmativen Fotoband („Die totale Erinnerung“) vor. Sein letzter Roman „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten" (2008) spielt in einer bolschewistischen Schweiz, die in Afrika den letzten Hort der Zivilisation kolonisiert hat.

Um gar keine Zweifel an seiner „Faszination für das Mythisch-Faschistoide“ aufkommen zu lassen, lässt Kracht seinen überheblichen Erzähler von „Imperium“ gleich selber die parabelhafte Nähe seines Helden zu Hitler aufdecken: „So wird nun stellvertretend die Geschichte nur eines Deutschen erzählt werden, eines Romantikers, der wie so viele dieser Spezies verhinderter Künstler war, und wenn dabei manchmal Parallelen zu einem späteren deutschen Romantiker und Vegetarier ins Bewusstsein dringen, der vielleicht lieber bei seiner Staffelei geblieben wäre, so ist dies durchaus beabsichtigt und sinnigerweise, Verzeihung, in nuce auch kohärent.“

Doch so explosiv, wie das Mediengetrommel glauben machen könnte, ist der Roman gar nicht. Worum geht es? „Imperium“ erzählt die Geschichte eines radikalen, aber vergleichsweise harmlosen Aussteigers aus dem wilhelminischen Spießerdeutschland.

Die Vorlage bildet die wahre Geschichte des 1875 in Nürnberg geborenen August Engelhardt. Als 27-Jähriger reist dieser erste deutsche Hippie 1902 in die Südsee und kauft sich dort (halb auf Pump) eine kleine Insel in Deutsch-Guinea, wo er 1919 ausgemergelt, isoliert, krank und verrückt geworden stirbt. Auf Kabakon, dem Inselchen in Neu-Pommern, streift der Nudist, Vegetarier und Lebensreformer mit seinen Klamotten auch den letzten Rest der „durchseuchten und verfaulten“ Zivilisation ab. Er ernährt sich nur von Kokosnüssen, die er für göttlich hält, und bastelt sich daraus eine neuheidnische Heilslehre namens „Kokovorismus“ und begründet einen Sonnenorden.

Für eine Weile lebt der Berliner Musiker Max Lützow bei ihm auf der Insel, gleichfalls ein nackter Fructivore, der euphorisierte Briefe und Artikel nach Hause schickt. Aufgrund deren Veröffentlichungen machen sich zwei Dutzend Jünger in die deutschen Südsee-Schutzgebiete auf. Die Kommune der neuen Menschen um den Kokosnussapostel scheitert jämmerlich an Tropenkrankheiten, Machtstreitereien und Ideologiekämpfen zwischen Prüderie und Libertinage. Ach ja, etwas Antisemitismus wird auch eingeschleppt von den zivilisationsflüchtigen Reinheitsfanatikern.

In Salz eingelegter Lepradaumen

Im letzten Jahr hat auch Marc Buhl die Biografie Engelhardts in einen tragikomischen Roman verwandelt (Das Paradies des August Engelhardt. Eichborn 2010, 240 S., 18,95 Euro). Aus den 1200 Büchern, die Engelhardt zur geistigen Stütze seiner angestrebten Erleuchtung mit in seine koloniale Enklave bringt, baut Buhl ihm eine groteske Strandburg, die zumindest den kannibalistischen Ureinwohnern Respekt einflößt.

Im Vergleich zu Buhls bildergesättigter Dramatisierung der „versonnten“ Hirnverbranntheit Engelhardts wirkt Krachts stilisierter, wenngleich ironisch gebrochener Ästhetizismus einer „exquisiten Barbarei“ seltsam leblos. Krachts sanftmütig schlurfende Malayen und Lakaien mit ihren weißen Zähnen und den „nicht mehr ganz frischen weißen Hemden“ bleiben tote Staffage.

Wenn diese Herzenskälte (Ernst Jünger!) ein Stilmittel sein soll, um Engelhardts Entfremdung von der Welt zu symbolisieren, ist das misslungen. Kein gefährlicher Sturm vermag einen mitzureißen, noch die krassesten Symptome des Verfalls, der in Salz eingelegte Lepradaumen, all das Abdriften in einsamen Wahn erscheint als elegant gedrechselte Dekoration.

Bloß von was? Krachts gespreizter Manieriertheit dieser scheinbar Thomas Mann imitierenden Sprache nervt ziemlich bald. Da ist der schnöde Heizer ein „Demiurg gegen die Impertinenz der Weltenunordnung“ und das „Ektoplasma wird in geordnete Schranken“ geleitet. Dass Krachts Engelhardt dann auch noch von „Nordmännern“ deliriert und Kindern, „deren blondes Haar zu Kränzen auf ihren Häuptern verflochten war“, ist zwar grauenhafter Rollenprosa-Kitsch, jedoch ihm wegen seinem durchaus ein wenig „dräuendem“ Pathos-Gewaber Nazigesinnung zu unterstellen, ist Humbug. Hitler war kein Hippie.

Aber, um mit der Gestelztheit der Kracht’schen Diktion zu sprechen: man kommt nicht umhin zu sagen, dass der Roman ein recht hanebüchener Schmarrn ist.

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