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Kenah Cusanit.

Historischer Roman

Babylon Berlin

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Kenah Cusanits kluges, unterhaltsames und auch beschämendes Buch „Babel“.

Der Wunsch, sich durch geschichtete Geschichte nach unten zu graben und zu pinseln – denn empfindlich ist die Materie –, dürfte mit verschiedenen Faktoren zusammenhängen. Neugier, Wissen und Besserwisserei, Geltungs- und Expansionsdrang, die Hoffnung auf Geld, Ruhm und politische Oberhoheit, Abenteuerlust, Fernweh. Man muss dazu auch in der Lage sein. Man braucht auch Geldgeber.

„Babel“, das durchdachte und durchtriebene Romandebüt der Altorientalistin und Lyrikerin Kenah Cusanit, 1979 in Blankenburg geboren, erzählt vom kurzen, aber intensiven Auftritt des Deutschen Kaiserreichs in der lebhaften Archäologieszene vor dem Ersten Weltkrieg. Es ist die Zeit, in der die Situation geschaffen wird, aus der sich deutsche (und europäische) Museen in diesen Tagen nicht gut herauswinden können. Hier lesen wir nun in einem Brief des Kasselers Julius Jordan, der in Uruk gräbt: „Wir haben 35 Stelen gefunden, einige schön und gut erhalten, aber blödsinnig schwer. Soll man sie nun wegen der 5-8 Zeilen Inschrift, die draufsteht, in Kisten packen und mitnehmen, oder soll man sie liegen lassen, wo sie sind, und zuschütten?“ Man solle, wird ihm beschieden. Logistischer Einsatz und kolonialistische Bedenkenlosigkeit in effizientem Verein, wobei die Schilderungen der diplomatischen Verwicklungen großartig sind. „Grabungsverhandlungen waren keine Grabungsverhandlungen, wenn sie nicht immer gleich verliefen“, hat der Architekt, Babylon-Ausgräber und „Babel“-Protagonist Robert Koldewey (1855-1925) zwar längst begriffen. Aber jedes Mal gilt es doch, das „Kissensitzen“ und „Kaffeetrinken“ aufmerksam zu bewältigen. „In dieser Art der Kommunikation konnten Europäer nur bestehen, wenn sie Geduld und Ungeduld an richtiger Stelle richtig dosierten und im passenden Moment überdosierten.“

„Babel“ spielt an einem Tag, in ein paar Stunden eines Tages des Jahres 1913 am Grabungsort in Babylon. Robert Koldewey hat Bauchweh – ist es eine Blinddarmreizung, hat er bloß zu viel Limonade getrunken? – und harrt bewegungslos in der Gluthitze aus. Nachher bewegt er sich im Schneckentempo, um der legendären britischen Forschungsreisenden Gertrude Bell entgegenzugehen, die ihn besuchen kommt. 260 Seiten später winkt sie ihm aus der Ferne zu.

Der Architekt beobachtet das Gelände vorerst vom Fenster aus und stellt müßige Entfernungsschätzungen an – müßig, aber auch bedeutend, denn es geht immer wieder um die Spannung zwischen Bauchgefühl (!) und akkurater Messung (und was genau ist eigentlich eine akkurate Messung?). Die unglaublich langsame Annäherung von Koldewey und Bell steht in einen Zusammenhang mit den langen Belichtungszeiten der Fotografie, die ebenfalls eine zentrale Rolle spielt – an den Grabungsstätten und im Roman. Zugleich ist es literarisch natürlich eine sagenhafte Keckheit. „Babel“ läuft verheißungsvoll auf etwas hinaus, von dem es nicht mehr erzählt. Vermutlich sind wir alle Berliner geworden. „Die Geduld, die zu geduldigen Tätigkeiten nötig war, hatte man sich in Berlin komplett abgewöhnt.“ Und es ist wirklich erstaunlich, wie frisch und neu Cusanit das fade gewordene Bild vom zielgerichteten Preußen und mäandernden Orient mit Leben füllt.

Koldewey hat also Bauchweh. „Babel“ gibt ihm Zeit, nachzudenken, zurückzudenken, dies aber höchst dynamisch und punktuell. Cusanit weigert sich, ihr Publikum auf den Stand der Dinge zu bringen, man muss da einsteigen, wo Koldewey bereits ist, und sich selbst orientieren. Auch dadurch entsteht der Eindruck einer gerade rasenden Fahrt bei gleichzeitigem Stillstand (die Hitze, die Schmerzen).

Koldewey zeigt sich als originelle Figur der Archäologieszene, man muss nicht lange nachlesen, um festzustellen, dass Cusanit bei aller Freiheit als Autorin mit größter Sorgfalt und biografischem wie historischem und handwerklichem Interesse zu Werke gegangen ist. Selbstverständlich ist es möglich nachzuschlagen, was ein Sellers’sches Gewinde von einem Whitworth’schen unterscheidet, aber nur, wenn man überhaupt von ihrer Existenz weiß. Selbstverständlich wird es – wegen der zu zahlenden Löhne – irgendwo die Listen der einheimischen Grabungshelfer von Babylon geben und man kann sie aufzählen. Aber keiner kam bisher auf den Gedanken, sie in einen melancholischen Zusammenhang zu den Männern, vornehmlich Mathematikern und Technikern, zu stellen, deren Namen als Fries um den Eiffelturm laufen.

Melancholisch, weil Arbeit und Heroisierung auf einmal nebeneinanderstehen und die Heroisierung gar nicht gut ausschauen lassen. Zumal sich Koldewey fragt, wo der Name von Sophie Germain geblieben ist, „deren Theorie über elastische Oberflächen maßgeblich dazu beigetragen hatte, den Turm überhaupt bauen zu können“. Cusanit schreibt über einen Mann und lässt ihn über Frauen nachdenken. Es gibt mehrere solcher Stellen, eine reizvolle Rarität, wie man feststellen kann, und eine anregende Alternative zu den Legionen von Frauen, die in historischen Romanen über Männer nachdenken.

Die Namenslisten kann sich Koldewey übrigens dann merken, wenn sie unsortiert sind, „wie alles, das keine sofort erkennbare Ordnung aufwies und nicht harmonisch durch die Wahrnehmung hindurch- oder direkt daran vorbeiging“. So können sich auch die (passenderweise) mosaik- und bruchstückhaften Gedanken und Erinnerungen Koldeweys vorzüglich festsetzen. Alles geht hier unbedingt immer um die Sache und ums Detail, vieles ist auch ungemein witzig. Aber dahinter tut sich ein großer Reflexionsraum auf, in dem man mit und ohne Koldewey über Wahrnehmung sowie den Sinn und Unsinn des Handelns nachdenken kann.

Beispielhaft kommt Koldewey immer wieder auf das Thema Fotografie zurück. Der Apparat, erklärt er, „übernimmt für Sie die Verantwortung. Was machen Sie? Sie vertrauen einem Gerät, das auf Ihr Kommando ein mechanisches Geräusch von sich gibt. Das ist, als würden wir vom Expeditionshaus aus die Grabung veranstalten und nicht einmal durchs Fenster sehen.“ Wer aquarelliere, müsse hingegen Schafe zählen, den Hintergrund inspizieren. „Das war die Unerträglichkeit des Photos, die eigentlich eine unerträgliche Nachträglichkeit war: das Bild, wenn es einmal aufgenommen war, immer wieder ansehen zu müssen, geblendet von der Gewissheit, die es ausstrahlte, die aber nur die Gewissheit war, die Anwesenheit von etwas bezeugt, aber nichts erfasst zu haben.“

Mangel an Nachdenklichkeit

Der Mangel an Nachdenklichkeit, einer ganz basalen Nachdenklichkeit, für die die Wendung „etwas erfassen“ stehen kann, erweist sich als folgenreich. Anders als Koldewey kommentiert die Autorin nie direkt. Aber die Dialoge sitzen, auch sprachlich in einer entspannten, zügigen Verbindung aus direkter und indirekter Rede.

Koldewey ist beim Kaiser zu Gast. „Und nun stelle er sich das mal vor“, stellt sich Wilhelm II. vor: „Berlin als Bewahrerin babylonischer Kultur, der Wiege der Zivilisation, und er in einer Reihe mit Nebukadnezar! So wie dieser in Babylon die Geschichte seiner Vorfahren bewahrt habe, die altbabylonische, die sumerische – jahrtausendealtes Wissen, von deutschen Gelehrten wiederentdeckt und zu neuem Leben erweckt. – Hoffen wir zum Guten, sagte Koldewey. – Zum Guten, ja, natürlich zum Guten! – Bis dann jemand Berlin unter Trümmern ausgrabe. – Ja, genau, sagte der Kaiser, kurz zweifelnd ...“.

Und man muss doch noch weiterzitieren, denn der leicht verlegene Monarch schaut nun zu seiner Frau Auguste herüber: „... diese Frauen, emsig und bescheiden dabei, im Hintergrund zu sitzen und wenigstens dort die Fäden in der Hand zu halten. – Und nebenbei mathematische Ableitungen zu ersinnen, ergänzte Koldewey, die vermutlich noch bis ins nächste Jahrhundert der Differentialgleichung als Basis dienen. – Ach. Wer? – Maria Gaetana Agnesi zum Beispiel.“

Das Wissen ist da, sein Erwerb immer eine Option. Jeder kann Schafe zählen und sollte es offenbar einmal tun. Auf diese Weise ist „Babel“ auch ein beschämendes Buch. Auf der Liste für den Preis der Leipziger Buchmesse ist es nicht abgeschlagen.

Kenah Cusanit: Babel. Roman. Hanser Verlag, München 2019. 269 Seiten, 23 Euro.

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