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Historische Aufgabe

Axel Kuhn will eine neue Sicht der Geschichte der Arbeiterbewegung vorschlagen

Von WOLFGANG KRUSE

Die Zeiten, in denen eine Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung noch für öffentliche Furore sorgen konnte, sind lange vorbei. Das liegt nicht allein, wie Axel Kuhn in seiner jüngst bei Reclam erschienenen Überblicksdarstellung meint, am Wegfall der zweifellos mit den gegensätzlichen Lagern der Arbeiterbewegung verbundenen Systemkonkurrenz zwischen den beiden deutschen Staaten. Vielmehr hat sich die zeitweilig sehr enge Verbindung von Arbeiterbewegungsgeschichte, moderner Sozialgeschichtsschreibung und gesellschaftspolitischen Fortschrittshoffnungen schon lange zuvor aufzulösen begonnen und damit die Verdrängung dieser historiographischen Subdisziplin aus dem Zentrum der Debatten in eine Randexistenz eingeleitet.

Vor diesem Hintergrund will Kuhn den Versuch unternehmen, "unbehelligt von politischen Verwertungsinteressen" einen neuen, objektiveren Blick auf die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung zu werfen. Er spannt dabei den historischen Rahmen mit guten Gründen von den dreißiger Jahren des 19. bis in die fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Als doppelten Endpunkt etabliert er nicht nur den im Godesberger Programm der SPD 1959 anvisierten Übergang von der Arbeiter- zur Volkspartei, sondern auch die Niederschlagung des Arbeiteraufstandes vom 17. Juni 1953.

Die Darlegungen sind in drei Teile gegliedert: einen deskriptiven Teil, der wichtige Stationen dieser Geschichte behandelt, einen analytischen Teil, der in zentrale Strukturprobleme einführt, schließlich eine Dokumentation mit treffend ausgewählten Quellen. Insgesamt entsteht so eine gut lesbare, informative, teilweise anregende, teilweise aber auch etwas unausgegoren wirkende Einführung in die Geschichte nicht der deutschen Arbeiterbewegung, sondern ihrer Parteien. Die Gewerkschaftsbewegung kommt kaum vor, und wenn, dann mit teilweise schiefen Einordnungen. Anders als die Partei, meint Kuhn etwa, hätten die Gewerkschaften schon in wilhelminischer Zeit durch ihr Unterstützungswesen und ihre Tarifpolitik begonnen, "in den Staat hineinzuwachsen"; was hatte denn der Staat damit zu tun? Die komplexe Entwicklung der Gewerkschaften von Berufs- zu Industrieverbänden wird dagegen ebenso wenig behandelt wie etwa die nach der Niederschlagung des rechtsradikalen Kapp-Putsches 1920.

Politische oder ökonomische Kraft?

Zur Sozialgeschichte der Arbeiterbewegung finden sich ebenfalls nur wenige allgemeine Bemerkungen. Das hat Folgen. So stellt Kuhn etwa fest, ihre soziale Lage habe die Arbeiter in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts für politische Ideen empfänglich gemacht, "die die industrielle Gesellschaft grundsätzlich in Frage stellten"; ein solches Urteil wird sich kaum mit dem Selbstbewusstsein als industrielle Arbeiterbewegung und der Fortschrittsorientierung der deutschen Sozialdemokratie verbinden lassen. Und wie sehr mit dem Mangel an sozialgeschichtlicher Einbettung nicht nur Blindstellen, sondern auch grundsätzliche Probleme verbunden sind, zeigt etwa der Versuch, die Schwäche des Arbeiterwiderstandes gegen den Nationalsozialismus allein auf der Ebene politischer Gruppen zu erklären, ohne ihre Trennung von Alltag, Resistenz und Widerstand der Arbeiter in den Betrieben zu beleuchten.

Mit der Fokussierung auf die Parteipolitik fällt die Darstellung so generell hinter einen Forschungsstand zurück, der sich seit langem um die Verbindung sozial-, kultur- und politikgeschichtlicher Fragestellungen bemüht. Kuhns Argument, die deutsche Arbeiterbewegung habe sich schließlich immer mehr als eine politische denn als eine ökonomische Kraft verstanden, kann diese Verengung nicht wirklich überzeugend begründen. Da es ihr jenseits des objektivierenden Anspruchs darüber hinaus an einer eigenen konzeptionellen Idee mangelt, bleibt sie zugleich in vieler Hinsicht Stückwerk.

Manchmal drängt sich der Eindruck auf, als versuche der Autor diesen Mangel durch besonders pointierte oder verallgemeinernde Urteile zu kompensieren. So verschwand die deutsche Arbeiterbewegung in seiner Sicht "als politische Kraft, nachdem sie ihre historische Aufgabe erfüllt hatte". Im Revisionismusstreit wurde "die Haltung vorgeklärt, die die SPD zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges und zur Revolution 1918/19 einnehmen sollte"; obwohl die Partei den Revisionismus mit großer Mehrheit abgelehnt hatte? Dass sich der Spaltungsprozess der SPD im Ersten Weltkrieg dann "von oben nach unten", das heißt ausgehend von der Reichsfraktion über die Landtagsfraktionen hin zu den Parteiorganisationen, vollzogen habe, kann eigentlich nur behaupten, wer ausschließlich die formalen Spaltungsschritte in den Blick nimmt. Und der Versuch, den Zwangscharakter der 1946 vollzogenen Vereinigung der SPD mit der KPD zur SED in Frage zu stellen, ist ebenfalls mehr bemüht als überzeugend.

Den hohen Anspruch, eine objektivere und damit zugleich auch innovative Sicht auf die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung zu werfen, kann die Kuhn'sche Gesamtdarstellung so insgesamt nicht erfüllen. Und von dem dynamischen Forschungsprozess, der die Arbeiterbewegungshistoriographie in vieler Hinsicht auszeichnet, findet man hier leider ebenfalls wenig wieder.

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