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Vielsagend nannte Elfriede Lohse-Waechtler 1930 ihr Aquarell: "Gespielt wird".

Weltpuff Berlin

Hinter Vorhängen

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Apropos "Weltpuff Berlin": Die sündige Großstadt wurde von Hans Ostwald vor mehr als 100 Jahren genau erforscht.

Auf Adorno wirkte das dichterische Pathos, das der Schriftsteller Rudolf Borchardt gegen die „entzauberte Welt“ aufbrachte, ein wenig abgestanden. Und in den Gedichten des 1877 in Königsberg geborenen Kaufmannssohnes, der – um hier mal die geistige Flugrichtung zu markieren – von den Werken Hugo von Hofmannsthals und Stefan Georges schwer beeindruckt war, stieß Adorno auf das Paradox, dass sie, obwohl eher „unanschaulich“, doch zugleich „prall sinnlich“ seien. Auf die Anschauung der prallen Sinnlichkeit hat Borchardt im Verlauf seines schriftstellerischen Lebens dann noch einige Mühe verwandt, die der Rowohlt Verlag jetzt als literarische Sensation auszupreisen bemüht ist. „Weltpuff Berlin“ lautet der eher unlyrische Titel eines über 1000 Seiten umfassenden Romans von Rudolf Borchardt, der soeben nach mehrjährigen Streitereien um den Nachlass erschienen ist. 

Der Zeitpunkt ist günstig. Berlin geht prima, und was ein wenig weiter zurück in die Geschichte weist, lässt sich mit ein bisschen Geschick und Marketing als urbanes Mysterium an den – nun, ja – Mann bringen. Ein pornografischer Roman, der zumindest in der Gestalt seiner verlegerischen Präsentation den Eindruck erweckt, als müsse das dunkle Berlin noch einmal ganz neu entdeckt werden. In den dunklen Winkeln der Großstadt aber liest man seit jeher wie in einem offenen Buch, und am weitesten aufgeschlagen hat es der Berliner Kulturhistoriker Hans Ostwald, dessen Bücher seit 1910 echte Bestseller waren, allen voran die „Kultur- und Sittengeschichte Berlins“, in der Ostwald eine Entwicklungsgeschichte der Berliner Halbwelt nachzeichnet, die von den Lesern vorübergehend wohl auch als eine Art Stadtführer aufgefasst worden ist. Ostwald jedenfalls hat das sündige Berlin genauestens kartographiert. „Und selbst in der dunklen Novalisstraße lockt es zärtlich. Hier sind andere Farben lebendig. Vor verhängten Kneipenfenstern baumeln rote Kugeln gegenüber einer schwarzgrünen, hohen und kahlen Fabrikmauer. Hier und da ist von ihr der Putz abgefallen. Wie wenn er die Schande der Gegend symbolisieren wollte.“ 

Aber Hans Ostwald war weniger als Voyeur unterwegs denn als soziologischer Beobachter. Er wusste, wovon er sprach. Nach einer Ausbildung zum Goldschmied war er längere Zeit arbeitslos und lebte vorübergehend „auf der Walz“. Sein Roman „Vagabonden“ erschien 1900 in dem erst kurz zuvor gegründeten Verlag Bruno Cassirers und gibt tiefe Einblicke in die zu dieser Zeit immer stärker als soziales Problem hervortretende Landstreicherei. Mit „Vagabonden“ erzielte Ostwald einen Achtungserfolg, der ihn darin beflügelte, als freier Schriftsteller das „Kulturleben von unten“ zu erforschen. 

Aus dieser Idee ging die Schriftenreihe „Großstadt-Dokumente“ hervor, die zwischen 1904 und 1908 in insgesamt 50 Themen-Heften erschien und als eine Art illustrierte Sozial- und Sittengeschichte angelegt war. Ostwald schrieb nicht allein, sondern animierte als Herausgeber eine ganze Reihe von Autoren. Der berühmteste unter ihnen war der Sexualforscher Magnus Hirschfeld, der sich in „Berlins drittes Geschlecht“, das als drittes Heft in der Reihe erschien, in einer bis dahin kaum gekannten Offenheit mit der Homosexualität in der Stadt befasste.

Skandale blieben um die „Großstadt-Dokumente“ nicht aus, Band Nummer 20 von Wilhelm Hammer setzte sich unter dem Titel „Die Tribadie Berlins“ mit den Erscheinungsformen weiblicher Homosexualität auseinander und wurde umgehend verboten. Das wilhelminische Berlin war deutlich weniger prüde, als man heute annimmt, Stoff für die Erforschung einer Kulturgeschichte von unten gab es genug. Dennoch dehnte Ostwald sein Beobachtungsgebiet nach den ersten zehn Bänden, die sich ausschließlich mit Berlin befassten, auch auf Wien aus.

Die „Großstadt-Dokumente“ sind heute deshalb ein so großer literarischer Schatz, weil sie meist in einer unprätentiösen Sprache geschrieben sind und trotz ihres Zeitschriftencharakters mühelos auch wissenschaftlichen Ansprüchen gerecht werden. Umso bemerkenswerter ist es, dass die Schriftenreihe zwar früh von den Vertretern der legendären Chicago School of Sociology wahrgenommen wurde, in den deutschen Sozialwissenschaften aber kaum Beachtung fand. Das hat sich in den letzten Jahren etwas geändert, und in soziologischen Kreisen wurde unter anderem die Frage gestellt, ob es sich bei den von Ostwald versammelten Autoren nicht ausdrücklich auch um eine Art Forschergemeinschaft gehandelt habe.

Hans Ostwald selbst hat fünf Bände zur Reihe beigesteuert, den Auftakt machte 1904 „Dunkle Winkel in Berlin“, später folgten Hefte über die Berliner Bohème, Berliner Tanzlokale sowie Recherchen zur Zuhälterei und Glücksspiel in der während der Erscheinungsjahre sprungartig gewachsenen Metropole. Sie lesen sich heute, als seien sie die wichtigste Lektüre nicht nur der Regisseure von „Babylon Berlin“ gewesen, sondern auch schon von dessen literarischen Erfinder Volker Kutscher. Ostwalds Texte jedenfalls sind eine unverzichtbare empirische Quelle über das vermeintlich freizügige Berlin, das wir heute als moralfreie Metropole vorgestellt bekommen.

Dabei schildert Ostwald vor allem das profane Nebeneinander der Milieus gleich um die Ecke, die durch die staatlichen Bemühungen, sie zu bekämpfen, überhaupt erst entstehen. „Derber ist’s im Apollo-Kasino“, heißt es in der „Kultur- und Sittengeschichte Berlins“. „Dort verkehrt der mittlere Stand. Auf dem Sofa links legt ein kleiner, sauber gekleideter Bureaubeamter seine Hand um die Büste seines brünetten Mädchens. Am hellen Tisch sitzt eine Weißblonde einem alten schwarzen Herrn auf dem Schoß. Nebenan fällt eine Rotweinflasche um auf dem Tisch, an dem mehrere Kaufleute ihre Mädchen bezecht machen. Ab und zu gibt’s eine Rauferei, weil irgendein Handlungsgehilfe oder angeheiterter Student sich nicht zu einem Juden setzen wollte.“

Drückt sich darin auch ein latenter Antisemitismus aus? Er kommt in Ostwalds Werk zumindest vor, etwa wenn er in dem Band über das „Berliner Spielertum“ jüdische Rennstallbesitzer als „Pferdejuden“ bezeichnet. Der politisch lange als Sozialreformer tätige Hans Ostwald versucht nach 1933, sich den Nazis anzudienen, scheitert dabei aber und veröffentlicht später so gut wie nichts mehr. Ostwald stirbt im Februar 1940 in Berlin im Alter von 67 Jahren. Sein Beitrag zur Metropolenforschung hätte es verdient, wieder einem größeren Publikum bekannt gemacht zu werden, das derzeit mit eher schmierigen Titeln wie „Weltpuff Berlin“ auf eine soziale Wirklichkeit aufmerksam gemacht wird, die vielfältiger war als eine opulente Männerfantasie. 

Die „Großstadt-Dokumente“ sind in Einzelausgaben in der Berliner Zentral- und Landesbibliothek verzeichnet. Hans Ostwalds Roman „Vagabunden“ ist soeben neu aufgelegt worden im Comino Verlag, 280 Seiten, 12,90 Euro. 

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