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Roma in Plovdiv in den Resten zerstörter, laut Stadt ohne Genehmigung gebauter Hütten.
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Roma in Plovdiv in den Resten zerstörter, laut Stadt ohne Genehmigung gebauter Hütten.

"Zwanzig Lewa oder Tod"

Hinter dem kulturellen Vorhang

  • Norbert Mappes-Niediek
    VonNorbert Mappes-Niediek
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Wenn Menschen nur noch mit dem eigenen Untergang drohen können: Karl-Markus Gauß reist durch den Osten, schaut hin und hört zu.

Auf den Nachrichtenseiten liest man von Armut, Korruption und Chauvinismus. Die Literatur liefert aus dem Osten Europas aber auch viele groteske Geschichten, die Fotografie schaurig-schöne Bilder. Die Faszination für den Osten und die Empörung über die schlechten Verhältnisse passen nicht gut zusammen. Außer bei Karl-Markus Gauß. Der Salzburger Autor besucht seit Jahrzehnten vergessene Landschaften, die nicht mehr hinter dem Eisernen, jetzt aber hinter einem kaum weniger dichten kulturellen Dunstvorhang liegen. Mit seinen vier jüngsten Reisen führt Gauß uns in die ganz unbekannte Republik Moldau, nach Zagreb, in die serbische Vojvodina und nach Bulgarien.

Die zentrale Figur in allen Geschichten ist immer der Erzähler. Man stellt sich ihn als eine Art Flaneur vor, der wach und unbekümmert durch die Städte und Länder streift und jederzeit bereit ist, sich überraschen zu lassen. In der Plattenbaulandschaft von Chisinau entdeckt Gauß das platte Land mitten in der Stadt, mit Gärten, Vieh und Dorfältesten. In Zagreb sucht er die literarischen Nachlassverwalter von Miroslav Krleza auf, dem kroatischen Schriftsteller, dessen Werk im Westen nie richtig zur Kenntnis genommen wurde. Durch Novi Sad, die Heimat seiner donauschwäbischen Eltern, streift er mit archäologischem Blick und sucht nach Spuren der Geschichte. In Bulgarien besichtigt er die Partisanendenkmäler. Und an den heißen Quellen in Sofia, an denen sich die Stadtbewohner kostenlos bedienen können, entdeckt Gauß den Gemeinsinn, den westliche Besucher in der postkommunistischen Sozialbrache oft vermissen.

Fremden tritt der Flaneur mit Neugierde und Wohlwollen entgegen. Streiten will er sich nicht, höchstens dann und wann einmal wundern. Die Menschen begegnen dem Reisenden freundlich und mit Hochachtung, und wenn sie einmal distanzlos werden, weicht der Erzähler dezent zurück – wie wenn dem Mund des Taxifahrers ein „fauliger Duft“ entströmt. Keine seiner Figuren, und sei sie noch so skurril, so frech oder so abgerissen, gibt er der Lächerlichkeit oder der Abscheu preis.

Die Ironie liegt allein in der Sprache, einem altmodischen Deutsch mit Schachtelsätzen und originellen Attributen. „Mir schien, dies wäre…“: So ähnlich würde es sich wohl lesen, wenn Thomas Mann im Jahre 2017 durch, sagen wir, den Nordwesten Londons wandeln würde, die wilde Welt der Zadie Smith. Ob Gauß auf seinen Reisen wohl einen Strohhut trägt oder ein Kavaliersstöckchen? Ein Smartphone hat er jedenfalls nicht dabei.

Der Erzähler lässt es bei der Kuriosität einer Begegnung nie bewenden. Immer geht er weiter, knüpft Gedanken an, sucht Wege zur Erklärung.

Manchmal besteht die Reflexion nur aus einem Satz, der dann aber lange nachhallt. Den Buchtitel etwa liefert dem Autor ein alter Mann, der ihn und seine Begleiter anbettelt, indem er ihnen seinen Dauerkatheter zeigt. Ohne die umgerechnet zehn Euro, die ein neuer Schlauch kostet, muss er sterben, sagt er. „Es war ein Überfall, doch der Kranke drohte nicht mit unserem, sondern mit seinem Tod“. Ein knapper Kommentar auf das Ost-West-Verhältnis nach dem Ende des Kommunismus: Alles, womit der Osten drohen kann, ist sein eigener Untergang.

Häufig gehen die Gedanken zurück in die Geschichte, auf schwieriges Terrain also. Sogar den penetranten Heldenerzählungen und Opferlegenden, die einem überall in Osteuropa aufgetischt werden, lässt der Erzähler ihre Würde. Nur gelegentlich klingt durch, dass dem realen Gauß die vielen schnurrbärtigen Nationalhelden auch ein wenig auf die Nerven gehen. Aber nichts wird hier widerlegt, dekonstruiert, als Ideologie entlarvt; der Erzähler hört zu, lauscht nach verborgenen Botschaften hinter dem patriotischen Fanfarenton.

Dabei biedert er sich aber nicht an. Wenn nötig, fordert er seine Gastgeber auch heraus: Er erkundigt sich nach den verachteten Roma. Er interessiert er sich hartnäckig für das Schicksal der ermordeten Juden aus der Vojvodina und aus der Moldau, wo das Jiddische weiter verbreitet war als irgendwo sonst.

Die Schäbigkeit, den Müll und die Hässlichkeit deckt Gauß nicht zu, aber er plakatiert sie auch nicht. Wenn er eine Straße oder ein Gebäude schamhaft „schadhaft“ nennt, weiß man auch so Bescheid. In Plowdiw noch lobt er die Bulgaren dafür, dass sie „dem Mangel Schönheit abgewinnen“. Comrat dagegen, ein Ort in der Moldau, „ist nur für jene Besucher eine Reise wert, die ein Gefühl für die Schönheit hässlicher Städte haben“. Ästhetisierung der Armut jedoch muss Gauß sich nicht vorwerfen lassen; was sich auf den ersten Blick hier und da so liest, ist nur das Beharren auf der Würde von Menschen, Städten und Ländern.

Auch wohlmeinende Westler tun sich schwer, im Blick auf den Osten zwischen Rückständigkeit und bloßem Anderssein zu unterscheiden. Das liegt nicht in erster Linie an westlicher Ignoranz. Schließlich will der ganze Osten seit einem Vierteljahrhundert Westen sein, und wenn gerade mal nicht, dann aus Trotz und Enttäuschung. Wie soll man wissen, was im rapiden Umbruch an Ostigem erhaltenswert ist und was nicht? Wer da einen Weg finden will, geht am besten mit Karl-Markus Gauß auf Reisen.

Karl-Markus Gauß: Zwanzig Lewa oder tot.Vier Reisen. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2017. 208 Seiten, 22 Euro.

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