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Was lag hinter der Keuschheit des Erfolgs?

Die "Briefe 1948 bis 1963" des Literaturwissenschaftlers Hans Mayer offenbaren die Eitelkeit und Geltungssucht als Überlebensstrategie

Von HEINZ SCHLAFFER

"Leipzig oder die Alternative" hieß das Kapitel in Hans Mayers Erinnerungen, Ein Deutscher auf Widerruf, in dem er seine Jahre als Professor für deutsche Literatur in der DDR, von 1948 bis 1963, beschrieb. Für dieses Kapitel liefert der soeben erschienene Briefband einen dokumentarischen Anhang. Als Mayer seine Memoiren schrieb, existierte noch der Staat, in den er freiwillig gewechselt war und aus dem er nach 15 Jahren freiwillig wieder nach Westdeutschland zurückkehrte. Die "Erinnerungen" waren deshalb, auch zwanzig Jahre nach dem Ende dieses Aufenthalts, aktuell. In der DDR bestanden noch dieselben Verhältnisse, lebten noch dieselben Personen, an denen Mayers Hoffnung, dass marxistisches Denken, sozialistischer Staat und anspruchsvolle Literaturkritik einander ergänzen würden, gescheitert war. Heute gehört dieses Experiment der Vergangenheit an; seine Protagonisten, darunter Mayer selbst, sind tot. Nun öffnen die Historiker die Nachlässe, durchsuchen die Archive und erstellen Kommentare - wie dies der Herausgeber von Mayers Briefen, Mark Lehmstedt, findig, knapp und präzis tut.

"Zu langweilig"

Diese Briefe warten mit keinen Überraschungen auf. Die wichtigsten Ereignisse und Probleme einer Gelehrtenexistenz mit staatlichem Auftrag hat Mayer bereits in seinen "Erinnerungen" erzählt - ohne Retuschen, aber um einiges lebendiger. Hans Mayer schreibt keine originellen Briefe; man könnte sie, selbst wenn sie an Autoren wie Thomas Mann, Johannes R. Becher, Peter Huchel, Bertolt Brecht oder Max Frisch gerichtet sind, fast alle zur Geschäftskorrespondenz zählen: Vortragsreisen werden vereinbart, Zeitungsartikel angekündigt, Verkaufszahlen und Ehrungen registriert. Über den Gegenstand von Mayers wissenschaftlicher und kritischer Tätigkeit, die klassische und die zeitgenössische Literatur, erfährt der Leser wenig. Diese Briefe handeln nur von den materiellen und organisatorischen Bedingungen, denen sich das Reden und Schreiben über Literatur fügen musste; in vielen Fällen - dazu fehlt es Mayer nicht an Mut - fügte es sich diesen Bedingungen nicht.

Würde man diese Briefe als treuen Spiegel des Inneren nehmen, so müsste ihr Leser vermuten, dass Mayer gar kein Inneres hatte, d. h. keine Privatwünsche und vielleicht nicht einmal ein Privatleben, sein Ich also nur das organisatorische Zentrum eines Ein-Mann-Literaturbetriebs war. Von Träumen, Leidenschaften geben auch Mayers Memoiren nichts preis. Vielleicht porträtierte er sich am fassbarsten in den Gestalten, über die er Bücher schrieb, vor allem in dem besten unter ihnen: Goethe. Ein Versuch über den Erfolg. Aus entgegengesetzten Neigungen, der zur Literatur (wozu es Einsamkeit, Imagination, Versenkung braucht) und der zur Öffentlichkeit (wozu es Umtriebigkeit, Geistesgegenwart, Rednertalent braucht), aus diesem Widerspruch mag Mayer seine hohe Produktivität und seine erstaunliche Präsenz gewonnen haben, seine zahllosen Schriften, Vorträge, Diskussionen und seine Bereitschaft, dabei immer neue Bekanntschaften zu machen.

Indem er alles schrieb und aussprach, was er, der als Junggeselle lebte, wusste und dachte, wurde die Öffentlichkeit zum Zuhörer seiner einsamen und dennoch von ihrer öffentlichen Verwendung bestimmten Lektüren.

Etwas weniger förmlich, doch kaum ergiebiger sind die Briefe an seinen langjährigen Freund Walter Wilhelm, der in Frankfurt zurückgeblieben war. Scherzhaft und selbstgefällig zugleich unterzeichnet er einen Brief an ihn mit "Prof. Dr. Hans Mayer, Mitglied des wissenschaftlichen Senats der sowj. Besatzungszone, Membre élu de la Société de Sociologie à Genève, Mitglied des International Institute of Social Research, New York, Mitglied - es ist mir zu langweilig!" Es sollten noch viele andere Auszeichnungen, darunter der Nationalpreis der DDR, hinzukommen. Nie wurde es Mayer "zu langweilig", jeden Erfolg - und er hatte fast nur Erfolge - seinen Briefpartnern (wie auch seinen Gesprächspartnern) zur Kenntnis zu bringen.

Es wäre nicht angemessen, über Mayers Eitelkeit und Geltungsbedürfnis zu spotten. Das 20. Jahrhundert legte dem Juden, Marxisten und Intellektuellen vor und nach 1945 - auf der Flucht vor den Nationalsozialisten, im Konflikt mit der amerikanischen Besatzung, in den Zumutungen des ersten deutschen sozialistischen Staates - nichts als Hindernisse in den Weg. Ohne sein Selbstbewusstsein, ohne das Zutrauen zu den zählbaren und erzählbaren Erfolgen hätte er dem feindlichen Jahrhundert nicht widerstehen, es nicht überstehen können. Bei seinen literarischen Urteilen, die ihm oft den Ärger der Kulturorganisatoren und der Parteilleitung der SED eintrugen, folgte Mayer unbeirrt nur seiner eigenen Überzeugung, keiner Doktrin und keiner Direktive. Es gereichte ihm also zum Vorteil, dass er seinen Wert nicht unterschätzte.

Befremden wird den heutigen Leser dieser Briefe die Selbstverständlichkeit, mit der die kommunistische Partei das Schicksal der Künste und der Literatur bestimmte und sie mit den Aufgaben der Politik verknüpfte. Auch Hans Mayer zweifelte damals nicht daran, dass es eine gleichsam natürliche Bestimmung der Literatur sei, den Fortschritt der Gesellschaft und den Aufbau des sozialistischen Staates zu fördern, und dass es das Recht des Staates sei, mit Hilfe richtiger marxistischer Grundsätze die Literatur zu lenken und in seinen Dienst zu nehmen.

Der Streit zwischen Mayer und den Kulturideologen der Partei ging darum, welches die richtigen Grundsätze seien, nicht darum, ob überhaupt die Prägung der Literatur durch die Regierung wünschenswert sei. Hier wirkte der alte Traum der Avantgarde nach, die an ein Bündnis zwischen der ästhetischen und der sozialen Revolution geglaubt und lange nicht erkannt hatte, dass es weder der Kunst noch der Politik bekommt, wenn Künstler an die Macht gelangen oder die Macht Leitlinien für Künstler ausgibt. Die Streitigkeiten zwischen Becher, Abusch, Kurella, Girnus und Mayer über Stil, Tendenz und Funktion der Literatur - Streitigkeiten, die den Unterlegenen Amt und Freiheit kosten konnten - lesen sich heute wie ein verspäteter Theologenkampf.

Schwarzlockiger Jüngling

Tadelnswert, aber unüberwindlich ist die Neugier, die sich bei der Lektüre von Briefen bekannter Personen an den Irrungen und Wirrungen ihres Liebeslebens delektiert. Solche Neugier geht bei Mayers Briefen leer aus. Der Leser müsste ihren Verfasser als Wunder der Keuschheit, ja der Asexualität bestaunen, wäre Mayers Homosexualität nicht allbekannt.

Diesen Teil seines Privatlebens hat Mayer in sein populärstes Buch, Außenseiter, ausgelagert, aber auch dort nur als ein Motiv der Literatur und eine Lebensform von Literaten verfolgt, so als ginge das Thema ihn persönlich nichts an. Diese Verschwiegenheit ist verständlich in Zeiten, da Gesetze und öffentliche Meinung den Homosexuellen noch bedrohten. In der kinderarmen DDR war ein solcher Leerlauf der sexuellen Produktivität nicht strafbar, aber tabuisiert: Es gehörte sich nicht, davon zu sprechen. Auch diese Briefe sprechen nicht davon, wie es einem erotischen Außenseiter in der prüden DDR erging.

1963 kehrte Hans Mayer in die Bundesrepublik zurück. In diesem Land mochte die Gesellschaft, an seinen politischen Maßstäben gemessen, falsch sein; doch war das Leben richtiger. Er blieb also hier. Wer später den kleinen, korpulenten Mann Hand in Hand mit einem schlanken, schwarzlockigen Jüngling über die Piazza Navona in Rom gehen sah oder aus seinem Haus am Tübinger Neckarufer Wagners Musik dröhnen hörte, gewann vielleicht einen tieferen Einblick in Hans Mayers ästhetische Existenz als aus seinen Publikationen. Sie sind alle der Außenseite der Literatur zugewandt, ihrem Verhältnis zur Zeit, zur Gesellschaft, zur Politik. Aber es gab noch ein Leben Hans Mayers jenseits von Aufklärung, Marxismus und Tüchtigkeit.

Hans Mayer: "Briefe 1948 - 1963." Herausgegeben und kommentiert von Mark Lehmstedt. Lehmstedt Verlag, Leipzig 2006, 630 Seiten, 29 Euro.

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