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Hinter Gitterstäben

Yasmina Reza erzählt in "Adam Haberberg" vom Überdruss des westeuropäischen Mannes

Von STEFFEN RICHTER

Vom Vogel Strauß heißt es bekanntlich, er stecke gern den Kopf in den Sand. Und es ist gewiss kein Zufall, dass Adam Haberberg im Pariser Jardin des Plantes just vor den Straußen Platz nimmt, um über sein Leben nachzusinnen. Denn Haberberg glaubt Gründe zu haben, es den Tieren gleichzutun. Mit 47 Jahren spürt er das Alter nahen. Sein Arzt hat ihm eine Thrombose am Auge diagnostiziert. Als Schriftsteller, der einmal "einen Platz in unserer Zeit einnehmen" wollte, ist er gescheitert. Haberbergs letzter Roman wurde kaum bemerkt. Für sein bestes Buch hält er das Groschenheft Der Schwarze Pirat von Mea-Hor - stellvertretend geschrieben für einen überlasteten, weil erfolgreicheren Kollegen, und auch noch unter einem Pseudonym. Das ist bitter. Zudem ist die Zeit der warmen, weichen Liebe vorbei. Seine Frau Irène und die beiden Söhne öden ihn an.

"Die Familie?", phantasiert er: "Eine Axt, eine Neumondnacht, und die Sache ist erledigt". Doch ein Mann, der tatkräftig in seine Verhältnisse eingreifen würde, ist Haberberg nun wirklich nicht. Wie Rilkes berühmter Panther im Raubtiergehege des Jardin des Plantes sieht auch er hinter den Gitterstäben längst keine Welt mehr.

Das Szenarium, das die erfolgreiche Theaterautorin Yasmina Reza in ihrem zweiten Roman entwirft, zielt auf Existentielles. Haberberg soll nicht nur Haberberg sein, sondern der Typus des in die Jahre gekommenen Westeuropäers. Dem stehen alle Wege zum Glück offen - und doch leidet er. An seiner Sattheit. Und an der Disproportion zwischen den Offerten des Lebens und der Unfähigkeit, sie zu nutzen. Ist Haberbergs Elend vielleicht ein Luxuselend?

Alles wird noch schlimmer durch Marie-Thérèse Lyoc. Denn während sich der verkrachte Schriftsteller in einem Crescendo der Wehleidigkeit ergeht, bricht die ehemalige Klassenkameradin in das trostlose Stillleben mit Straußen ein. Marie-Thérèse, das "gesichtslose Mädchen", an das er sich nach dreißig Jahren nur noch dunkel erinnert. Marie-Thérèse, schon damals die personifizierte Geheimnislosigkeit. Doch da es für Haberberg nichts Schlimmeres gibt als in die Familienhölle zurückzukehren, nimmt er das Angebot an, in ihrer Banlieue-Wohnung zu Abend zu essen. Bonsoir Tristesse.

Das Omelette der Vergangenheit

Eigentlich will Haberberg gar nicht in Marie-Thérèses Jeep steigen. Auch die Suada über Technik und Taktik des Verkaufens mag er gar nicht hören. Und schon gar nicht will er an die Vergangenheit erinnert werden. Doch Haberberg tut und sagt regelmäßig etwas anderes, als er gerade denkt. Meistens das Gegenteil. Und so sitzen beide bald in einer hochgerüsteten Küche, verspeisen ein Omelette und reden, über ein Klassenfoto gebeugt, von der Zeit, in der ein wildes Leben noch denkbar war. Als Clou des Abends muss Haberberg seine jugendliche Verliebtheit in Marie-Thérèse zur Kenntnis nehmen. Doch über die Verstörung legt sich schnell, was in Frankreich "je-m'en-foutisme" heißt und mit Gleichgültigkeit höflich übersetzt ist.

Gelegentlich entschlüpft Haberberg ein halbwegs luzider Gedanke. Etwa zur grassierenden Manie, via Literatur zu Renommee zu gelangen. Oder zu seinem Traum als Schriftsteller, der, "um einen gewissen Elan für die Zukunft zu behalten, seine eigene Existenz gegen die der Worte austauschen will". Doch ach und weh, vor alle Träume schieben sich dem Hypochonder seine drohende Krankheit und sein allumfassendes Scheitern als Familienvater und Autor. Der Mangel an Liebe zum Leben könnte der Grund für die große Mattigkeit sein, die auf Adam Haberberg und Yasmina Rezas Roman lastet. Wo aber diese Liebe abhanden kam, bleibt ungeklärt. Dass sie sich in der Banalität des Alltags, dem "erschütternden Grundstoff des Daseins", verschlissen hat, erscheint etwas dürftig. Auch die enervierende Redundanz, mit der Yasmina Reza Haberberg sein Unglück beschwören lässt, hilft nicht weiter.

Doch vielleicht ist Yasmina Rezas stilles, unterkühltes Erzählen vom ausweglosen Im-Schicksal-Gefangensein nur die Kehrseite der aufgeregten Kritiken an Warenwelt und Spaßgesellschaft, wie sie ihre misanthropisch gestimmten Generationskollegen Michel Houellebecq, Pierre Mérot oder Frédéric Beigbeder produzieren. Gemeinsam wäre ihnen der Überdruss an einem befriedeten Westeuropa des Wohlstands. Und vielleicht ist Yasmina Rezas Vision noch düsterer, weil ihr Adam Haberberg keinen Blick über den Tellerrand des eigenen Ichs mehr wagt. Seine freudlose Existenz jedenfalls kulminiert in der Angst, ein Leben zu verlieren, das er nie besessen hat.

Rätselhafte Täuschung

Mag sein, dass im Verborgenen dennoch Hoffnung lauert. Denn entgegen der bekannten Redensart steckt der Vogel Strauß seinen Kopf durchaus nicht in den Sand. Droht Gefahr, bettet das Weibchen seinen langen Hals auf die Erde und stellt sich tot, um den Nachwuchs zu schützen. Gelingt die List, springt es auf und geht seiner Wege. Fragt sich nur, wen und zu welchem Zweck Yasmina Reza täuschen möchte. Und wohin ihr Weg führt.

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