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Konrad Zuse und seine Maschinen, zu denen er ein durchaus erotisches Verhältnis pflegte.

F. C. Delius´ Roman

Und hinter allem Ada

Er gilt heute als Erfinder des ersten Computers. Die Geschichte des Konrad Zuse (1910-1995) ist noch nicht auserzählt. Ein Ernstfall für Belletristen - Friedrich Christian Delius geht das Wagnis ein.

Von Jürgen Verdofsky

Konrad Zuse gehört zu denen, die die Zukunft eröffnet haben. Er ist nicht ein Erfinder unter vielen. Für Zuse gilt Singularität, seine Stellung als Privatforscher ist exklusiv. Er erfindet den Computer "aus dem Geist des Stabilbaukastens" und ist der Begründer der ersten algorithmischen Programmiersprache. Alles als Privatmann im kleinen Ingenieurbüro, später als Unternehmer. Zu keiner Zeit hat er eine Universität, einen Konzern als Schutzmacht. Er ist spät erkannt worden, und das Erkennen dauert noch an.

1941 hat Konrad Zuse in Berlin eine binär arbeitende Rechenmaschine gebaut, frei programmierbar und programmgesteuert, genannt Z 3. Heute gilt, es war der erste funktionstüchtige Computer der Welt, zwei Jahre vor der Mark I in Harvard. Bereits 1936 hat Zuse mit seiner Z 1 ein duales Rechenwerk, Speicher- und Plansteuerwerk geschaffen, die Voraussetzungen für eine Universal-Rechenmaschine. Sie war allerdings ebenso wie die 1939 nachfolgende Z 2 noch nicht frei programmierbar. Z 1 bis Z 3 gingen in den Trümmern unter. Als Statiker der Henschel-Flugzeugwerke "unabkömmlich" gestellt, ist Zuse unbeeindruckt als Privatmann ganz der Präzisionsarbeit an seinen Rechenmaschinen, dem Logarithmus, dem Gleitkomma und der Schaltalgebra hingeben.

Von 1942 bis Anfang 1945 baut er eine Z 4. Rechenwerk und Steuerungen werden von Telefonrelais" geschaltet. Zuse setzt die algebraische Dimension von Zahl und Vektor, die Matrix, im Speicher- und Rechenwerk elektromechanisch um. Die Idee, mit Röhren zu arbeiten, gibt es schon, aber Röhren sind nicht zu beschaffen. Mangelwirtschaft, "wehruntaugliche" Mitarbeiter, 80-Stunden-Woche. Das Büro Zuse wird als "nicht kriegswichtig" eingestuft, die Wehrwirtschaft der Nazis versteht wieder einmal gar nichts. Ein Glück. Unvorstellbar, Albert Speer hätte die Raketentechnik des Wernher von Braun mit Otto Hahns Kernspaltung und Konrad Zuses präzisen Rechnern zusammengeführt.

Die Geschichte des Konrad Zuse (1910-1995) ist noch nicht auserzählt. Ein Ernstfall für Belletristen, denn ohne die mathematische Dimension, die die meisten von uns überfordert, sind Mann, Leben und Werk, Zeit, Innovation und Konflikt kaum zu fassen.

Friedrich Christian Delius geht das Wagnis ein. Er setzt auf die Standardsituation: ausgewählter Journalist trifft altersmildes Genie zum grundsätzlichen Gespräch. Der Stoppelsberg, das hessische Kegelspiel gibt die Kulisse. Das Treffen über die letzten Dinge währt einen Abend und eine Nacht. Die Rollenprosa des monologisierenden Erfinders, Gefangener des eigenen Ruhms, gibt einige Möglichkeiten des begrifflichen Erklärens her. Aber der Roman "Die Frau, für die ich den Computer erfand" erlaubt mit all seinen Schönheiten der Mathematik ein voraussetzungsfreies Lesen. Wer Konrad Zuses "Der Computer - Mein Lebenswerk" kennt, wird allerdings um einiges an Sensation gebracht. Delius bietet eine andere.

Der fünffache Familienvater Zuse hatte eine Affäre! Natürlich bleiben wir im seriösen Fach, es ist eine imaginierte Liebe nach einer säkularen Vorgabe in großer Tradition. Für den ersten Großrechner der Welt, den Charles Babbage 1833 plante, entwarf die Tochter eines Dichters den Algorithmus: Ada Byron, verheiratete Lovelace, schrieb das erste Computerprogramm. Babbages Rechner funktionierte nie, aber der "bedingte Befehl" der Programmsteuerung schien möglich. Und wurde auf hundert Jahre vergessen.

Zuse erwähnt Ada in seinen Memoiren in einem Halbsatz. Ada Lovelace (1815-1852) war für viktorianische Verhältnisse eine Femme fatale. Stoff für Männerphantasien. Auch die US-Militärs nennen ihre Programmiersprache "Ada". Namensgebung ist ein ritueller Schutz- und Hoffnungsakt. Bei Delius werden alle Z-Rechner nach Ada benannt, also A 1, A 2 bis A 70. Wenn Zuse marathonhaft von Verkennung und Verzögerung, Erfolg und Niederlage, Idee und Vision erzählt, steht Ada zwischen allen Zeilen. Sie wird nicht nur Muse, Idealbild des Faustischen (Helena, nicht Gretchen) oder Schutzengel in Bombennächten.

Auch für Vakanzen im Eros muss sie herhalten, als seien wir bei Nabokov. "Inverser Vorführeffekt" hätte der Mathematiker Zuse wohl dieses literarische Verfahren genannt. Die aussaugende englische Biographical-Literatur über Ada Lovelace scheint nicht so weit entfernt, wenn Zuse sagen muss: "In Ada steckt die ganze Algebra meiner Gefühle." Aber retardierende Ausrutscher gehen nie so weit, dass das Interesse am mathematischen Erfinder Zuse erlischt.

So zeigt Delius einen Mann an ungleichen Ufern. Zum einen den gesprächigen Melancholiker, zum anderen bleiben die erzählerischen Überschüsse beträchtlich, die aus der Klarheit mathematischer Logik kommen. Zuse eilt mit dieser Logik der Entwicklung immer voraus, so weit, dass die Personalunion Erfinder und Unternehmer Ende der 60-er Jahre auseinanderbrechen muss. Wie lange der Krieg noch dauert, wenn er vorbei ist, sieht man am Kampf von IBM gegen Zuse.

Am Ende sind es nicht die späten Ehrungen, die Reihen der Doktorhüte, sondern elementare Erlebnisse, um die alles kreist: Die Idee materialisiert sich als Algorithmus. Und was es bedeutet, eine unendlich arbeitende A 4 im März 1945 (sic!) in Göttingen oder nach dem Krieg an der ETH Zürich einer Crème von Mathematikern vorzuführen. Für Zuse gilt der alte Erfindereifer nicht, jeder wolle der Erste sein, nach lebenslanger Anstrengung den Ruhm nicht mit anderen teilen. Er war in der Welt der Rechner zu häufig der Erste. In der Stille zwischen Null und Eins findet er sich. Mit oder ohne Ada. Am melancholischen Ufer tritt wie in der Physik eine Eigenermüdung fester Formgefüge auf. Die Zahl ist keine Weltanschauung und Konrad Zuse kein Schwadroneur. Eine Kompositionshöhe wie in "Bildnis der Mutter als junge Frau" wird hier durch abschweifende Rollenprosa verpulvert. Auch in der Literatur gehen gute Ideen an ihrer Übertreibung zugrunde.

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