Hinfallen ist keine Schande

Texte zum Recht auf Scheitern

Von UTE ESSELMANN

Es liegt Misserfolg in der Luft. In Zeiten wie diesen kann und wird es viele treffen - das Scheitern im Beruf, mit seinen Beigaben Selbstzweifel, Angst und Scham. Zu allem Übel hängt am Berufserfolg oft auch das private Glück. Wer sich als Versager fühlt oder abgestempelt sieht, wer kaum noch Geld verfügbar hat, dessen Liebesleben leidet mit: Als Verlierer unter Siegern distanziert sich der Mensch oder wird gemieden. Er rutscht aus der Normalität.

Für ihr Buch Scheitern und Biographie haben die Herausgeber Stefan Zahlmann und Sylka Scholz ein gutes Dutzend sehr verschiedener Beiträge gesammelt, zu Formen des Scheiterns im Kontext von Arbeit und Leistung sowie Religion, Nation, Generation.

Es treten auf: Karl Marx ("Ein halbes Jahrhundert auf dem Rücken und immer noch Pauper! Wie recht meine Mutter hatte!"), einige ihren Kindern entfremdete, ergo mit dem "Gesamtprojekt Arbeit und Familie" gescheiterte Manager, die Gefangenen des 1945 von den Amerikanern geschaffenen Salzburger Lagers Camp Marcus W. Orr, Kästners Fabian, eine im Osten gescheiterte Verwaltungsfachfrau westdeutscher Prägung und viele andere mehr.

Vom Alleingang des so undiplomatischen Philosophen Salomon Maimon (gest. 1800) mit seiner selbst geschaffenen Vernunftreligion zu lesen, ist spannend und rührend zugleich. Der Theologe Erhard Meueler (unser Zeitgenosse) wiederum beschreibt auf interessante Weise sein eigenes Scheitern als Oberkirchenrat, man bewundert ihn für seine Zähigkeit, mit der er trotz seelischer Probleme (Panikattacken) jahrelang auf Kurs bleibt. Der tief frustrierte Oberkirchenrat wird schließlich Hochschulprofessor; ein Guter, h at man den Eindruck; als gescheitert begreift man ihn nicht.

Im Schlusskapitel stellt Sylka Scholz zwei Bausteinchen Berliner Kulturlebens vor: die "Show des Scheiterns" und den "Club der polnischen Versager". Deren Macher sind offenbar kreative Leute, denen es gelungen ist, in einer kollektiven Anstrengung das Scheitern ehemaliger Projekte doch noch zu verwandeln in ein gut verkäufliches Endprodukt: in eine Show und einen Club, die für ihre Leistungen den Beifall Anderer finden. So hat das Buch einen deutlichen Hang zur Rechtfertigung, ja beinahe: zum Lob des Scheiterns. Die Mehrheit der Gescheiterten wird eine Geschichte wie die aus Berlin das freilich wenig trösten. Denn nicht jeder Niedergang lässt sich umbiegen zum Erfolg.

Schiffbruch ohne Zuschauer

Ein Manko des Buchs: Einen zu hohen Teil seiner hoffentlich wichtigen Aussagen müsste sich der Leser sauer erarbeiten; den einen oder anderen Beitrag wird er anlesen, aber nicht durchhalten wollen. Ein Beispiel ist das verlockend klingende Kapitel "Schiffbruch ohne Zuschauer". Ein Dichter namens Gotthold Friedrich Stäudlin ertränkt sich 1796 in der Ill, vor allem wohl aus Scham über seine Untüchtigkeit, hinreichend Geld zu verdienen - der Sachverhalt als solcher ist hinreichend klar. Die Fachsimpeleien des Autors Andreas Bähr lesen sich dann allerdings so: "Im vorliegenden Beitrag wird die gelungene Biographie des moralischen Subjekts als ein Narrativ betrachtet, das das Narrativ der gescheiterten Biographie (und die gescheiterte Biographie) konstitutiv umfasste.

Entsprechend gilt: Selbsttötung - als extreme Konsequenz aus einem Scheitern (an) der Biographie, als ein Handeln, begründet aus dem Scheitern am Handeln..." Arme Menschen, die von Berufs wegen gezwungen sind, solche Texte zu verknusen! Dass es jemand freiwillig tut, ist kaum vorstellbar.

Hinfallen ist keine Schande, liegen bleiben sehr wohl ... So tönt gern der Volksmund. Das vorliegende Buch ist ein Werk über Niederlagen, Durststrecken, vornehmlich über das Scheitern im Einzelfall, wie wohl jeder erwachsene Mensch es kennt. Dass Misserfolge beflügeln können, sofern sie nicht am laufenden Band geschehen, ist fast schon eine Binsenweisheit. Scheitern ist Notwendigkeit, sagt man, und Scheitern macht kreativ ...

Eine Serie von Abstürzen kann aber auch mörderisch sein. Mit welchen Gefühlen man als Akademiker jahrelang und ohne Aussicht auf Besserung hinterm Steuer eines Taxis klemmt oder ehemalige Kommilitonen an der Supermarktkasse bedient, mit welchen Gefühlen, in welcher Verfassung man mitten im Leben bilanziert: "habe nie geliebt" oder: "bin immer allein gewesen", das erfährt man aus Scheitern und Biographie leider nicht. So bleibt es in der Summe ein lauwarmes Buch, auch weil vom Scheitern ganzer Lebensentwürfe, vom Verbittertsein und Liegenbleiben so selten die Rede ist.

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