Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Himmelslachen

Will Self feiert die Rückkehr der lebenden Toten

Von Joachim Otte

Mit dem Roman Wie Tote leben hat Will Self einen Beitrag zur Wissensbildung über die Profanität des Jenseits vorgelegt, und er hat dabei an fast alles gedacht: "Strom, Gas, Wasser, Telefon - uff! Das alles war so schwer zu organisieren wie eh und je, auch wenn in den relevanten Büros immer ein Toter arbeitete. Die Dinge des täglichen Bedarfs zu besorgen war jetzt, da ich doch so ätherisch war, wirklich mühselig." Und der Job erst. Der älteren Dame, die zu uns spricht, schien ihre Lebend-Beschäftigung derart dröge, "dass ich mir dachte, dass dies eine Art Tod im Leben sei". Als Tote nun ist sie wieder im PR-Bereich tätig, und - was soll sie uns sagen - "jetzt war es ein Leben im Tod."

Lily Bloom ist mit 66 Jahren an Brustkrebs gestorben und seit über zehn Jahren tot. Wir sitzen neben ihr im Wartezimmer der "Todokratie", und weil Tote keine Eile haben, erzählt Lily uns 447 Seiten lang von ihrem Leben, ihrem Tod und ihrem Leben nach dem Tod. Jetzt wartet sie allerdings auf das Leben nach dem Leben nach dem Tod, auf das sie mit uns und neben uns gerade wartet. Lily ist eine der verbittertsten Personen, die uns je begegnet sind. Beim Sterben im Krankenhaus hatte sie noch einen Jungen dabei beobachtet, wie er Spielzeug auftürmt "als erforsche er die Möglichkeit neuer Hindukosmologien". Etwas ähnliches versucht Lily mit dem Lego ihres Zynismus auch. Sie kasteit die Engländer (deren Mittelschichtsvertreter "sich entschuldigen, wenn man sie anrempelt"); sie schmeißt Verbalbomben auf London ("eine Kruste auf einem Schorf, Zigarettenasche, die auf Zigarettenasche geschnippt wurde"); sie, die aus Amerika eingewanderte Jüdin, schwelgt entfesselt in ihrem so von ihr selbst bezeichneten "jüdischen Antisemitismus" - und natürlich tut sie das alles, weil sie, wie alle Zyniker, sich selbst am meisten hasst. Dennoch können wir nicht umhin, sie sympathisch zu finden. Zweifellos hängt das mit jenem Numinosum zusammen, das "schwarzer Humor" genannt und eigentlich nur so richtig von den Engländern beherrscht wird. Die haben schon im Mittelalter die Lehre der Flüssigkeiten im Körper, der "humours", deren quantitative Zusammensetzung den individuellen Charakter bilde, bis zur Blüte getrieben. Mit "schwarzem Humor" war die Galle gemeint, die über den Deich tritt und den Geist überschwemmt.

Will Self hat den Zusammenhang zwischen Witz und Depression auf geradezu erschreckende Weise verinnerlicht. Bei ihm erleben wir das Gegenteil des nicht so witzigen Spruchs "Tumor ist, wenn man trotzdem lach". Hier wird erst dann gelacht, wenn man gar nichts mehr zu lachen hat. Wer also ganz zuletzt lacht, mag zwar einerseits am besten lachen, aber andererseits fließt der schwarze Humor wie ein teeriger Styx durch die Seiten des Buches und ist sozusagen dessen eigene Heimsuchung. Er macht aus Sarkomen Sarkasmen, und das lässt das Lachen in ganz mittelalterlichem Sinne vergiftet klingen. In der Gleichzeitigkeit von Resignation und Rebellion zunächst dem Leben, dann dem Sterben und schließlich dem Leben im Tod gegenüber liegt die seltsame Dialektik des Lilyschen Lachens, nun ja, begraben: "Ich kippe um wie ein Niemehrstehaufmännchen: ?Whistlers unglaubliche tote Mutter - stoß sie um, und sie bleibt liegen - für immer.' Eigentlich nicht komisch, nicht im Sinne von haha, eher merkwürdig komisch."

Durchaus auch "im Sinne von haha" sind Lilys Begegnungen im Jenseits. Das Jenseits ist Dulston, ein Londoner Vorort, der so ist, wie er heißt (dull = dröge). Mit dem Taxifahrer Costas, der die frisch gestorbene Lily aus dem Krankenhaus abholt und nach Dulston bringt, beginnt der beste Teil des Buches und eine originelle Höllen-Parodie. Costas ist eine Charon-Persiflage mit einer "Ikonostase auf dem Armaturenbrett" und einem "dieser nickenden Hunde, ein schwarzer mit drei jasagenden Köpfen" auf der Hutablage. Die Domestizierung von Cerberus zum Kraftfahrzeugspießerwackeldackel ist wohl das beste Beispiel dafür, dass Selfs Hölle vielleicht an Brutalität, nicht aber an Perfidie zu überbieten ist. Weiteres Höllenpersonal sind unter anderem: "Lithy", ein Lithopädion, ein versteinerter Fötus, der Lily nach dem Sterben buchstäblich in den Schoß fällt und hinfort situativ angemessene Schlager aus seiner Zeugungszeit trällert. "Rotzlöffel", Dave, Lilys zweites totes Kind. Dave starb, als er nach einer Ohrfeige von Lily auf die Straße rannte und ein jähes Ende vorm Kühlergrill fand.

Mit seinen Publikationen wurde Self in England zum Star, aber um zu erklären, warum er dort auch eine Art Popstar ist, reicht das nicht aus. Seine notoriety speist sich zum einen aus seiner Zugehörigkeit zu jener klassisch englischen Autorenzunft, die sich generationsmäßig zwischen Jungautortum und literarischem Old Establishment bewegt, sich selbst gerne zu ihren Neurosen bekennt und diese öffentlichkeitswirksam in subversives Edel-Entertainment sublimiert. Das oszilliert zwischen infantil und bitterböse, ist aber immer geistreich und meist mit Oxford-Bildung unterfüttert.

Für jemanden, der ganz nah dran war, als Toter zu leben - Will Selfs notorische Drogensucht -, ist das abgenutzte "Es gibt kein richtiges Leben im falschen" mehr als eine Phrase. Self ersetzt das Adorno-Diktum durch jene ultimative Lebensmetapher, die mindestens so alt ist wie die Göttliche Komödie: Er zeigt das Leben als Tod und Hölle. Wie bei Dante gibt es auch hier einen Führer durch die Hölle, den Aborigine Phar Lap Jones. Und wie in der Commedia ist auch bei Self die Läuterungsidee zentral. Der Roman endet in einer spektakulären Pointe, die zugleich Selfs finaler Kommentar zu seiner Drogen-Vergangenheit sein dürfte, und er muss so enden, weil Lily den von Phar Lap Jones angedeuteten Weg nicht beschreiten kann. Sie begreift nicht, was Goethe das "Stirb und Werde" genannt hat. Phar Lap Jones nennt es: "Du bist Nix-Is".

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare