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Perseiden-Schauer über einem Alpenkreuz.

Wolfgang Herrndorf

Der Himmel war von Licht gesprenkelt

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„Stimmen“: Ein Bändchen mit letzten neuen Texten von Wolfgang Herrndorf, Autor von „Tschick“.

Es ist ein kleines Buch, knapp 180 locker bedruckte Seiten, wenn man das Nachwort weglässt. Es sei der letzte Band mit neuen Texten von Wolfgang Herrndorf, heißt es da. Der Berliner Schriftsteller hatte erst Malerei studiert, zwei Bücher veröffentlicht, dann mit „Tschick“ (2010) einen Bestseller gelandet. Der Roman über eine Freundschaft von zwei Jungs, die mit einem geklauten Wartburg in die Walachei aufbrechen, wurde in über dreißig Sprachen übersetzt und von Fatih Akin verfilmt, er wird in den Theatern gespielt, in den Schulen gelesen.

Danach erkrankte Herrndorf an einem Gehirntumor, hatte Psychosen, Sterbensängste und Abschiedsschmerzen zu durchleiden, nutzte manische Phasen für einen Schaffensturbo, dem er unter anderem den abgedreht existenziellen Spionage-Krimi „Sand“ (2011) und das inzwischen auch als Buch vorliegende Blog „Arbeit und Struktur“ (2013) abtrotzte. Als die Krankheit ihm gerade noch die Wahl ließ, ging er aus dem Leben. Das war im August vor gut fünf Jahren.

Das nachgelassene Romanfragment „Bilder deiner großen Liebe“ (2014), an dem Wolfgang Herrdorf bis zuletzt, unterstützt von seinen Freunden, arbeitete, war ein nachgereichtes Geschenk an den Leser, der nähere Bekanntschaft mit Isa machen konnte, einer Figur, die ihm schon in „Tschick“ begegnet war. Ein herrlich kluges verdrehtes Mädchen, das aus der Nervenheilanstalt ausbricht und kraft ihrer freien Gedanken die Sonne anhalten kann.

Nun kommt also doch noch dieses Büchlein, „Stimmen“, betitelt nach einem von Herrndorfs Pseudonymen, unter denen er zwischen 2001 und 2009 das legendäre Internetforum „Wir höflichen Paparazzi“ fütterte. Aus diesem von Christian Ankowitsch und Tex Rubinowitz gegründeten, inzwischen nicht mehr als „soziale Maschine“ (Holm Friebe) fungierenden, in den Weiten des Internets vor sich hintreibenden Textkonvolut stammen die meisten Texte. Sie sind also im strengen Sinne nicht erstveröffentlicht. Und es mag sein, dass sich in dem Forum noch mehr weitgehend unbekannte Herrndorf-Texte finden lassen. Aber die meisten funktionieren nur innerhalb der dialogischen Anlage des Forums, verfügen nicht über die literarische Eigenständigkeit, die Herrndorf in seinem Testament zur Voraussetzung für postume Veröffentlichungen gemacht hat.

Er hat angesichts des nahenden Todes offenbar über sein literarisches Nachleben nachgedacht. Er wollte einem Herrndorf-Kult keine Reliquien liefern, die nur im Zusammenhang mit seiner Person und seinem Tod von Wert wären. Vieles hat er selber schon vernichtet, auch vieles aus seinem bildnerischen Werk, das Nachwort erinnert an einen Blogeintrag von 2010: „Wieder einen Ordner Prosatexte weggeschmissen, schlechtes Zeug, gestern schon ein Packen aufwendiger Zeichnungen, an denen ich in meinem Studium viele Monate gearbeitet hatte, meine ersten Comics. Alles schlecht.“ Ein Jahr später hat er offenbar weitere Bilder zerstört und Notizen, Korrespondenzen, Tagebücher aus 28 Jahren gelöscht: „An zwei Stellen reingeguckt: ein Unbekannter“. Dazu ein Foto von aufgeweichtem Papier in der randvollen Badewanne.

Die Witwe Carola Wimmer und die beiden Herausgeber Marcus Gärtner und Cornelius Reiber mussten für das Buch schwierige Entscheidungen treffen, denn Herrndorf hat zwar klare, aber dennoch widersprüchliche Anweisungen hinterlassen. Rätselhaft ist zum Beispiel, warum er viele Texte selbst gelöscht hat, manche aber auch in einen Ordner legte, den er „Unbesehen Löschen“ nannte.

Er bat seine Freunde darum, nach seinem Tod gemeinsam dieser Aufforderung nachzukommen. „Ich möchte, dass es am Ende mehrere sind und nicht ein Einzelner, der aus Neugier oder anderen persönlichen Gefühlen auf die Idee kommt, meine Entscheidung in Frage zu stellen.“ Dabei steht die Frage wie ein Elefant im Raum: Warum hast du sie nicht selbst gelöscht? Es gibt vielleicht eine Antwort, auf die man nicht gleich kommt.

Die Ausbeute ist gemischt. Es gibt hübsche wortspielreiche, zunehmend ironische Reimgedichte, die der für Manierismen durchaus offene Herrndorf in frühen Jahren für eine A. geschrieben hat. Es gibt Forumstexte, die auch als Glosse oder Satire in der Zeitung hätten landen können, ein absurdes, wohl unter dem Einfluss psychotischer Verschiebungen geschriebenes Dramolett mit dem Titel „Akalkulie“, das letzte Fragen im Rahmen einer trashigen TV-Show abhandelt und sogar reflektierende, ziemlich intolerante Texte über Literatur und Kunst, obwohl Herrndorf mit seinem manchmal etwas sehr markigen Humor notiert hat: „Falls ich jemals etwas anderes als reine Fiktion schreiben sollte, erschießen Sie mich bitte.“

Oft begegnet uns ein sehr einsamer, wütender, leicht zynischer Erzähler, der hier und da ungeniert seine Joachim-Lottmann-Besessenheit blicken lässt, etwas Tieferes und Schmerzlicheres in seinen rauen Auftritten aber verbirgt. Am stärksten sind die Texte, in denen er sich an seine Kindheit und Jugend erinnert. An die Unschuld, Kraft und Unbeholfenheit der ersten unauslöschlichen Liebesgefühle, in denen die Zeit anhaltbar zu sein scheint: „Der Himmel war von Licht gesprenkelt, die Bäume waren hoch, die Felder gelb. Das war jeden Tag so, es änderte sich nie.“

Auch wenn er am Ende die Zeit selbst angehalten und sein Haus so weit wie möglich bestellt hat, ist er nicht fertig geworden. Wie auch, mit nur 48 Jahren? Den Ordner „Unbesehen Löschen“ hat er angelegt, weil er offenbar doch noch Hoffnung hatte, an den Texten weiterzuarbeiten. Er konnte sich das Leben nehmen, aber vorher die Texte nicht selbst löschen. Sie gibt es nicht mehr. Ihn gibt es nicht mehr. Dieser Schmerz muss nun ausgehalten werden.

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