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Thomas Cromwell, gemalt von Hans Holbein d. J..

Tudor-Trilogie

Hilary Mantel: „Spiegel und Licht“ – Die letzte Partie des Listenreichen

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Hilary Mantels gewaltiger Abschluss der Cromwell-Trilogie, „Spiegel und Licht“.

Hans schmeichelt nicht. Er malt seinen Freund Thomas im Halbprofil, mit kleinen, eng stehenden Augen wie dunkle Stecknadelköpfe. Knubbelnase. Auch sieht ein markantes Kinn anders aus. „Earl of Essex“ steht oben links, es könnte nachträglicher Trotz gewesen sein von Seiten des Malers oder jemand anderem. Denn Thomas Cromwell trug 1540 kein Vierteljahr diesen Titel, dann wurde er verhaftet und bald darauf, am 28. Juli, hingerichtet. Enthauptet, nicht verbrannt, der König ließ Milde walten.

Hans (Holbein) schmeichelt nicht, weder seinem Freund noch dem König (diesem jedenfalls fast nicht), so erzählt es Hilary Mantel nun im dritten, mächtigsten Band ihrer Trilogie über Thomas Cromwell, Kind eines cholerischen, saufenden Schmieds und Bierbrauers, zuletzt Earl of Essex und Lord Great Chamberlain, lange Jahre rechte Hand Heinrichs VIII. – seinerseits heute vor allem bekannt durch seinen Ehefrauen-Verschleiß.

„Wolf Hall“ (dt. „Wölfe“) begann mit einem vom Vater fast totgeprügelten Jungen, der wegläuft, hinaus in die Welt flieht, der lauscht und schaut, lernt und noch mal lernt, sich nützlich macht hier und da. Der sich bald so elegant nützlich zu machen versteht, diverse Sprachen spricht, Strippen zieht, dabei, wenn es sein muss, sein Gewissen außen vor lässt, dass Mantel in „Bring up the Bodies“ (dt. „Falken“), sich an die Fakten haltend, seinen scheinbar unaufhaltsamen Aufstieg beschreibt.

Und nun, acht Jahre später, „The Mirror and the Light“ („Spiegel und Licht“), das von Hinrichtung zu Hinrichtung reicht, von Mai 1536, Heinrichs zweite Frau Anne Boleyn wird enthauptet, bis Juli 1540. Und das keine Fortsetzung mehr haben kann, weil zuletzt Cromwell selbst unterm Schwert des Scharfrichters stirbt. Und weil er derjenige ist, der über insgesamt 2350 Seiten (in der deutschen Übersetzung) den Blickwinkel bestimmt. Hilary Mantel macht ihn nicht zum Ich-Erzähler, sie macht ihn zu „er“ und immer nur „er, Thomas“ oder „er, Cromwell“; gleichzeitig wird klar, dass seine Wahrnehmung der Welt unsere Wahrnehmung der Tudor-Welt färbt, von vorn bis hinten.

Dieses „er“ ist der brillanteste Coup Mantels, denn Cromwell, geprügeltes Kind und samtgepolsterter Earl, muss einem Menschen des 21. Jahrhunderts auch während einer so langen Bekanntschaft fremd bleiben. Unbedingt. Allzu große Vertraulichkeit wäre weniger glaubhaft als diese Entrücktheit auf halbe Distanz. Er, Cromwell, bleibt schillernd auf Abstand.

In England erschien „The Mirror and the Light“ etwa zwei Wochen vor „Spiegel und Licht“; die Briten durften es noch und standen Schlange um das Buch. Das bedeutet nicht, dass man in Zusammenhang mit der Trilogie auch nur einmal das Wort „Schmöker“ denken sollte. Zwar dürfte es ein Engländer leichter haben mit dem Wechsel von Kosename zu Vorname zu Nachname zu Titel, Anreden, die sich ständig ändern, je nachdem, wer gerade mit wem über wen spricht. Es gibt viele Dialoge, besonders sie halten die Leserin auf den Zehenspitzen, wie man im Englischen sagt. Mantel führt nicht aus und erklärt nicht, Hans ist erst mal Hans, und wer nicht darauf kommt, dass es sich um den berühmten Maler Holbein den Jüngeren handelt (oder gleich im umfangreichen Personenverzeichnis nachschaut, denn das gibt es), mit dem hat sie kein Mitleid.

Das BUch

Hilary Mantel: Spiegel und Licht. Roman. A. d. Engl. von Werner Löcher-Lawrence. Dumont, Köln 2020. 1100 S., 32 Euro.

Sie selbst ist ja auch auf Zehenspitzen geblieben, es kann nicht anders sein. Hat sich gestreckt, bis sie das Ohr am fernen Jahrhundert hatte. Von Fall zu Fall auch die Nase und die Geschmacksknospen.

Und allemal scheut sie nicht die klaren, kühlen Worte, die Drastik, wenn Drastik geboten ist. Sie beginnt damit, wie die Anne Boleyn bis zuletzt dienenden Frauen ihren „schmalen Kadaver“ wegtragen, ihn allein bei den Kleidern haltend, dem Blut nach Möglichkeit ausweichend. Einer Frau, sieht er, sieht Cromwell, wird vom Scharfrichter der eingewickelte Kopf überreicht, den sie sicher hält, „und ein Kopf ist schwerer, als du erwartest. Er hat an Schlachten teilgenommen und weiß das ebenfalls aus Erfahrung.“ Denn auch das war der junge Cromwell: Sich für nichts zu schade, Söldner für fremde Herrscher, Schritt um Schritt ambitioniert.

Hilary Mantel erzählt von Heinrichs Regierungs- als einer Zeit, in der es aber besser war, ein unauffälliges Leben zu leben, keine Ambitionen zu haben. Denn der König ist launisch, gern überrascht er seine Untertanen. Es wird noch schlimmer, als er nach einem Sturz vom Pferd eine Verletzung an der Wade hat, die nicht heilt. Der Schmerz beim Verbinden treibt ihm das Wasser in die Augen. Manchmal ist er wie ein Kind, plötzlich möchte er Anna von Kleve (wir sind inzwischen bei der vierten Frau) entgegenreiten, sie in Verkleidung begrüßen. Gewiss wird sie ihn erkennen, seinem Charme erliegen. Cromwell gelingt es nicht, ihm das auszureden. Des Königs Überraschung wird zum Desaster, dann die kurze Ehe ebenso, die eingefädelt wurde von Lord Cromwell. Er macht da vielleicht schon den ersten Schritt hinauf zum Schafott.

Aber keine Ambitionen zu haben, sich irgendwann zurückzuziehen – er hat Geld, heimlich auch im Ausland, er hat einen schönen Besitz –, das kommt für Cromwell nicht in Frage. Er arbeitet für vier, das weiß auch der König, er ist schlau (bauernschlau, schlau wie einer von niedrigem Stand?) und hat ein phänomenales Gedächtnis. Phänomenal gut, um abzurechnen, wenn gerade wieder die Zeit für Abrechnungen kommt. Er sieht Menschen auf dem Scheiterhaufen brennen oder auf dem Schafott bluten, er hat seinen Anteil daran. „Selbst in der Republik der Tugend brauchst du einen Mann, der die Scheiße wegschaufelt, und irgendwo steht geschrieben, dass er Cromwell heißt.“

Hilary Mantel lässt diesen Cromwell sich im Licht und im Schatten drehen und wenden, lässt ihn einen liebevollen Vater und Ehemann, einen fairen Dienstherrn sein, einen skrupellosen Spieler der Macht, einen listenreichen Mann, der überall seine Spione hat und den man sich nicht zum Feind machen sollte. Er hat seine Prinzipien, aber wenn er es für nötig hält, steckt er sie weg wie ein Kind ein langweiliges Heiligenbildchen.

Und während Cromwell balanciert auf dem Seil der Macht (naiv ist er nie, ihm ist klar, dass er jederzeit in Ungnade fallen kann), balanciert Hilary Mantel jetzt noch einmal mit großer Kunst zwischen dem 16. und dem 21. Jahrhundert. Ihre Figuren – übrigens sind nur sehr wenige von ihnen, einige Nebenfiguren, fiktiv – spielen ihre Rollen in einer Zeit, in der ein fehlerfreies Rollenspiel überlebensnotwendig sein konnte. Oder die Fruchtbarkeit. Oder das richtige Glaubensbekenntnis. Und trotzdem sind diese Figuren auch modern, in manchen Augenblicken unsere Zeitgenossen. Sie geben einem Rätsel auf. Sie gewähren uns Einblick in ihre Motive, und diese sind zutiefst menschlich. Das schließt die Niedertracht ein.

Auf 1100 Seiten ist „Spiegel und Licht“ (so wird dem König geschmeichelt: er sei anderen Spiegel und Licht) kein weites Panorama der Landschaften und Prächtigkeiten, kein Film in Cinemascope. Vielmehr ein Puzzle gesellschaftlicher Vor- und Rücksichten, politischer Beweggründe, machtbewussten Taktierens. Man könnte den Roman mit all seinen Schachzügen der Macht auch einen Spannungsroman nennen, obwohl man weiß, wie er endet, enden muss. Mantel respektiert die Historie, aber sie nimmt sich alle Freiheiten, die dann den großen Roman ausmachen.

Übrigens ist das 16. Jahrhundert auch eine Zeit unerklärlicher Fieber und schnellen Sterbens durch Krankheiten, deren Ursache man nicht kennt. Die Pest geht um, die Menschen verstehen immerhin so viel, dass sie ein wenig auf Abstand gehen. Aber sie ist ihnen kein großes Thema, und auch Hilary Mantel erzählt von ihr nur nebenbei.

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