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Hiesige Abenteuer

Claudia Klischat hat es gar nicht nötig, nach Chile zu reisen

Von JOACHIM OTTE

Unlängst wurde auf einem Literaturfestival in Hildesheim über kreatives Schreiben diskutiert - und zwar ausgerechnet in einer Kleingartenkolonie statt, an einem Ort also, der die immer wieder an die junge deutsche Literatur gerichteten Vorwürfe trefflich symbolisiert: Erfahrungsarmut, Biedersinn, geistige Provinz. Hanns-Josef Ortheil, Hildesheimer Mentor, stellte sich gegen diese Kritik und sprach über die Maßnahmen zur literarisch-erlebnistechnischen Globalisierung seiner Schützlinge: Da diese naturgemäß noch nicht viel Verwertbares erlebt haben können, sagte er, würden sie per Stipendium nach Chile geschickt. Gute Idee. Aber was ist eigentlich mit der literarischen Grundidee, den eigenen dürren Kleingarten des Nicht-Erlebten mit Fantasie befruchten und in den großen exotischen des Nie-Erlebbaren verwandeln zu können? Vielleicht schreibt manche(r) gerade, um nicht nach Chile zu müssen?

Die 1970 geborene Claudia Klischat war weder in Hildesheim noch in Chile. Dafür hat sie am Literaturinstitut in Leipzig studiert und ihren Debütroman Morgen. Später Abend vorgelegt, dem man postpubertäre Party- und Befindlichkeitsbeliebigkeit wahrlich nicht vorwerfen kann - trotz seines kriminell aussagelosen und fräuleinwunderlichen Titels.

Klischat sucht eine Welt, die man nicht mit Stipendium, sondern nur mit Fantasie und Empathie erreichen kann; sie sucht die "echte" Welt dort, wo sie verarbeitet werden soll, im Kopf, und sie möchte mit ihrem anspruchsvollen Text das radikale Scheitern dieser Verarbeitung (er-)finden. Drei Kapitel - drei Reisen ins Ich von Tom, Veit und Babs Stanebein. Alle haben miteinander zu tun, sind aber voneinander und von sich selbst isoliert.

Die Ranken ihres maligne wuchernden Gedankengartens reißen sie tief in ein Labyrinth, aus dem sie nie herausfinden. "Oje, da ist wieder ein Gedankenwust im Kopf. Mit der Kraft im Körper, der wunderbaren Kraft, schießen die Gedanken durcheinander, so viele unwichtige Gedanken, und nichts kann Babs Stanebein dagegen tun." Das gilt für alle drei. Oder: "Und kein Gedanke bleibt einem im Kopf! Da sind die Gedanken wie Luft, die durch einen hindurchweht!" Der Leser findet sich ungeschützt in diesem Gedankenluftstrom wieder. Bei Tom ersetzen "Einbildungen" die Erinnerungen, die er verloren hat: an einen one night stand, an eine Straftat, an eine inzestuöse Beziehung mit seiner Schwester San. Sein schizoides Bewusstsein klinkt sich aus der Umwelt aus und zieht sich zurück in einen Strom von Kindheits-, Vatergewalt-, vielleicht Missbrauchsbildern. Erinnerungen und Wahnvorstellungen werden ununterscheidbar. Er fällt aus der Zeit, "und ohne Zeit gibt es keine Erinnerung, und ohne Erinnerung gibt es kein Wort". Die letzten Worte: "und da ist nichts".

Gefangen im Kopf

Es folgt Veit, ein jugendlicher Straftäter auf der Flucht. Er wird von einem Müllmann aufgenommen, der sich als Toms Vater entpuppt. Er trifft auf San und auf seltsame Ereignisse: Schüsse, Diebstähle, vielleicht eine Müllfahrervendetta, morsche Äste fügen sich zur V-Form, V wie Veit. Das muss etwas bedeuten. Wie Tom wird auch Veit zum psychotischen Selbst-Semiotiker und zum Opfer einer kunstvoll vage arrangierten Schnitzeljagd. Und der Leser mit ihm, der in seinem Kopf genauso gefangen ist wie in dem von Babs, der arbeitslosen Alkoholikerin. In ihrem Kapitel ist die Engführung von äußerer und innerer Welt am deutlichsten zu sehen - und das Problem des Romans auch. Vielleicht fehlt auch Klischat die Lebenserfahrung, andersherum sozusagen.

Ihr Thema ist Realitätsverlust. Den Verlust zeigt sie literarisch gekonnt, mit repetitiv-hypnotischen Strukturen und einer Syntax mit ausgefeilter Gangschaltung, die für präzise Be- und Entschleunigung des Textes sorgt. Aber das Verlorene kommt zu kurz. Es fehlt die Welt, der man abhanden kommt. Klischat kann den Vorsprung durch Technik nicht halten, weil der Grund, auf dem sie sich bewegt, weit weniger gut gebaut ist. So entsteht Ermüdung und das Gefühl, es mehr mit einem literarischen Programm als mit Literatur zu tun zu haben. Klischat will mehr, als sie kann. Aber sie kann mehr als viele ihrer Zeitgenossen. Ein solches Talent muss nicht nach Chile.

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