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Hier wurde die Hölle geboren

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Von: Arno Widmann

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Asli Erdogan im Januar in Istanbul.
Asli Erdogan im Januar in Istanbul. © OZAN KOSE (AFP)

Asli Erdogans mahnende Türkei-Essays "Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch" sind keine Pamphlete, sondern eine genaue Schilderung dessen, was man an Vernichtung in Diyarbakir und Cizre beobachten kann.

Asli Erdogan, geboren am 8. März 1967 in Istanbul, ist keine Kurdin. Sie ist zutiefst erschrocken, verstört sagen manche, über das, was in der Türkei mit den Kurden gemacht wird. Sie beschreibt nimmermüde den Krieg, den Türken führten, als sie aus Innerasien kommend auf das Gebiet der heutigen Türkei vordrangen, den das osmanische Reich gegen eine religiöse Minderheit führte und den Krieg, den der türkische Staat heute als einen Krieg gegen Terroristen führt, die angeblich seinen Bestand bedrohen.

Die Physikerin, die am europäischen Kernforschungszentrum Cern bei Genf arbeitete, die in Brasilien lebte, die über die von der jungen Türkei an den Armeniern begangenen Verbrechen schrieb, ist seit Jahren eine derjenigen Türkinnen und Türken, die am klarsten auch über die Verbrechen des heutigen türkischen Staates an den Kurden schreibt.

Vier ihrer Bücher sind auf Deutsch erschienen. Ihre gerade erschienenen Essays sind keine Pamphlete, sondern genaue Schilderungen dessen, was man zum Beispiel an Vernichtung in Diyarbakir und Cizre beobachten kann. Zerstört werden nicht nur die Menschen, die mit ihren Häusern, Dörfern und Städten umgebracht werden. Zerstört werden auch die, die das tun. „Durch die Straßen ziehen Menschenmengen, sie schlagen Sachen kaputt, schlagen Leute zusammen, hüllen sich in Fahnen und schreien ‚Wir wollen keinen Militäreinsatz, wir wollen ein Massaker!‘ und das kriegen sie auch, aber auch sie kommen aus dieser tiefgefrorenen Nacht nicht wieder hinaus...“.

Diese Nacht dauert schon lange. Gerade hier in der Nähe von Cizre, der Stadt, an der Alexander der Große den Tigris überquert haben soll und nur wenige Kilometer entfernt von der Stelle, an der, der muslimischen Tradition folgend, Noah die Arche verlassen haben soll: „Die alte mesopotamische Erde, in den Staub und das Schweigen von Tausenden von Jahren gehüllt. Unzählige Male erobert, in Besitz genommen, verloren gegangen. Hier wurden die ersten Tempel errichtet und wieder verlassen, hier wurden prächtige Städte gegründet, die wieder verfielen, hier wurden das Gesetz und die Gebote geschrieben, hier hat Gott gesprochen, haben Himmel und Erde sich für immer von einander getrennt, und hier wurde die Hölle geboren.“

Hier wird sie, so zeigt uns Asli Erdogan, immer wieder geboren. Was auch nur die andere Art ist, dass sie immer auch wieder einem Paradies Platz machte das ja ebenfalls hier geboren wurde. Für Augenblicke nur und vielleicht auch nur für Augenblicke in der Erinnerung, die sie sich aus den knapp bemessenen Feuerpausen zusammenträumt. Asli Erdogan ist Realistin. Also hat sie Albträume. Es sind die Albträume einer tief traumatisierten Gesellschaft.

Asli Erdogans essayistische Texte zeigen uns, dass die Rede vom „Demokratieabbau“, von „Diktatur“ und „Alleinherrschaft“, so richtig sie ist, auch grundverkehrt ist, wenn man darüber vergisst, was damit den Menschen angetan wird. Den Ermordeten und den Überlebenden, den Opfern und den Tätern. Für Menschen und Gesellschaften gibt es kein „Reset“. Sie werden ihre Geschichte, ihre Taten und Untaten niemals los. Sie müssen begreifen, was sie tun und getan haben. Sonst haben sie keine Chance. Das zeigt Asli Erdogan.

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