1. Startseite
  2. Kultur
  3. Literatur

Wer ist hier untot?

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Hemons Protagonist sitzt zum Schreiben im Café und braucht erhebliche Mengen an Koffein.
Hemons Protagonist sitzt zum Schreiben im Café und braucht erhebliche Mengen an Koffein. © REUTERS

Aleksandar Hemons Roman „Zombie Wars“ bietet gelungene erzählerische Fingerübungen und philosophische Spitzfindigkeiten. Obwohl die Grundmotivation, die den Erzähler überhaupt zu etwas bewegt, von seinem Schwanz ausgeht.

Von Ulrich Seidler

Wieder geraten dem Erzähler in einem Buch von Aleksandar Hemon Leben und Schreiben durcheinander. In Hemons literarischem Durchbruch „Lazarus“ (2009) erzählte Brik die Geschichte von einem historisch verbürgten Juden, der 1903 nach einem Pogrom in Moldawien scheinbar wieder aufersteht und fünf Jahre später als Anarchist in Chicago erschossen wird.

Brik selbst ist, wie der 1964 in Sarajewo geborene Autor, aus Bosnien nach Chicago emigriert und findet bei der Recherche über Lazarus Anknüpfungspunkte zur eigenen Lebensvorgeschichte, die ihn nach Lemberg ans Grab seines Großvaters führt.

So etwas Ähnliches passiert, diesmal in Form einer Komödie, auch in Hemons neuem Buch „Zombie Wars“, wobei die Sphären zu Beginn noch säuberlich getrennt sind: hier die abgefederte Lebenswelt von Joshua, einem Englisch-für-Ausländer-Lehrer mit Drehbuchschreiberambitionen; da die blutrünstigen Fantasien, die Joshua in seinem neuen Filmskript ausbreitet.

Gleich zu Beginn geht Joshua, während er unter bedenklichem Koffeineinfluss in einem Café seine Filmideen in den Unterordnern seines Computers durchsieht, ein Schlüsselsatz und die große Kontingenzfrage durch den Kopf: „Warum so und nicht so? Schreiben bedeutete doch vor allem eines: die hoffnungslose Bürde von Entscheidungen tragen zu müssen, die keinerlei Folgen nach sich ziehen.“

Als eine Horde jugendlicher Kadetten an der Scheibe des Cafés vorbeitaumelt und Joshua zu besagtem Untoten-Film inspiriert, beginnt diese These von den folgenlosen Entscheidungen beim Schreiben zu wackeln. Zumal er es mit der Entscheidungsfreudigkeit im Leben erst recht nicht so hat.

Gefesselte Aufmerksamkeit

Ein Dreh dieses Romans ist, dass die Grundmotivation, die den Sohn reicher Eltern überhaupt zu irgendetwas bewegt, zumeist von seinem Schwanz ausgeht – mal ist das Teil eingeklemmt, mal erigiert es im unpassenden Moment, mal gibt es Anlass, über den Prostatakrebs des Vaters nachzudenken.

Jedenfalls fesselt sein Schwanz, und was dran hängt, einen großen Teil der Aufmerksamkeit von Joshua. Und es überrascht ihn immer wieder, wenn er selbst für das von seinem Schwanz gesteuerte Handeln zur Verantwortung gezogen wird. Wo Joshua doch qua Berufung mehr Übung darin hat, folgenlose Entscheidungen zu treffen.

Als er zum Beispiel mit seiner Sprachschülerin Ana aus Bosnien schläft: Nicht nur dass sich deren Ehemann mit kriegstraumahalber verstärkter Aggression auf ihn stürzt und sich an der Katze von Joshuas eigentlicher Freundin vergreift. Auch diese Freundin, schön, erfolgreich, sexspielinteressiert, stellt ihn im Beisein der schluchzenden Ana zur Rede, und Joshua improvisiert einen herrlichen Dialog: „Gibt es etwas, das du mir gerne sagen möchtest, Jo?“ – „Ich war das nicht.“ – „Wie bitte?“ – „Ich war das nicht.“ – „Versuch’s noch mal.“ – „Ihr Mann war im Krieg in Bosnien.“ – „Wir wollen uns erst einmal über die Tatsachen verständigen: Du hattest Sex mit seiner Frau, die auch noch deine Schülerin ist. Stimmt das?“ – „Er war bei der Geheimpolizei.“ – „Hattest du Sex mit ihr oder nicht?“ – „Ich wollte doch nur helfen.“

Das Leben von Joshua – von Hemon mit sicherer Hand für Pointen und dramaturgische Steigerung ins immer Abstrusere geschrieben – gerät immer mehr zu einem schlechten Drehbuch, in dem ein weiterer traumatisierter, sehr zudringlicher Krieger namens Stagger eine ungute, aber handlungstreibende Rolle spielt, und zwar mit Schwert, vielen Drogen und großem Kämpferherz.

Dazu kommen die Schwester mit dem nervigen Neffen, der sterbende Vater und weitere schrägliegende Drehbuchseminar- und Sprachkursteilnehmer. Und, oh Wunder, je rücksichtsloser das Leben Joshua zusetzt, desto trittsicherer schreitet seine Arbeit am Drehbuch voran. Es findet nicht nur die Zustimmung des Seminarleiters, sondern bringt Joshua sogar einen Termin mit einem Agenten ein. Wobei Hemon ein weiteres Meisterstück von Dialog abfeuert.

Eine Frage der Zeit, bis Leben und Drehbuch nicht mehr auseinander zu halten sind und die Seiten ihres Geltungszusammenhangs tauschen. So dass es vielleicht in den Folgen doch gesünder gewesen wäre, wenn Joshua sich nicht ausgerechnet für einen Zombie-Film entschieden hätte, sondern vielleicht für eine erfüllende Romanze in einem atemberaubenden Panorama. Steht zu vermuten, dass in diesem Fall nur der Protagonist und weniger der Leser seinen Spaß dabei gehabt hätte. Und andersherum ist es natürlich besser.

Also: Man freut sich hier über gelungene erzählerische Fingerübungen und philosophische Spitzfindigkeiten. Während der Roman „Lazarus“ einen tief in der Seele packte und sich in die Wirklichkeit des Leserlebens mischte.

Aleksandar Hemon: Zombie Wars. Roman. Aus dem Engl. v. André Mumont. Knaus Verlag. München 2016. 320 S., 19,99 Euro.

Auch interessant

Kommentare